Psychologie Wenn Corona auf die Psyche schlägt – und was dagegen hilft

Die Corona-Krise löst in uns allen ein Gefühl der Unsicherheit aus. Nur überhand nehmen sollte es nicht. Die Psychologin Ilona Bürgel gibt Tipps, die dabei helfen können, ohne den Corona-Blues durch die Krise zu kommen.

Gut gelaunt durch die Corona-Krise
Bildrechte: imago images / Cavan Images

Jetzt ist es Zeit, besonders gut zu sich zu sein

Denn: Genauso gut, wie wir mit uns selbst umgehen, werden wir mit anderen und jeder Situation umgehen. Das ist immer so, bekommt jedoch im Augenblick noch größeres Gewicht.

Vieles können wir gerade noch weniger als sonst beeinflussen, zum Beispiel welche Entscheidungen die Regierung oder unser Arbeitgeber treffen, wie das Virus sich in Deutschland verhalten wird oder wie unsere Familien und Freunde mit dem sozialen Rückzug klarkommen. 

Gefühl der Hilflosigkeit verursacht negativen Stress

Etwas nicht zu wissen und nicht beeinflussen zu können, führt schnell in ein Gefühl der Hilflosigkeit oder des Ausgeliefertseins. Dies ist nicht nur unangenehm, sondern löst negativen Stress aus. Dieser wiederum lässt uns Probleme noch größer und intensiver wahrnehmen, als sie es eigentlich sind.

Eines haben wir immer und überall in der Hand: wie wir mit uns selbst umgehen. Dabei ist es egal, wo wir sind, wie alt wir sind, in welcher Situation wir uns befinden. Um diese Chance zu nutzen, müssen wir sie aber erkennen und unsere gewohnten Denkpfade verlassen. 

Glück darf nicht von Bedingungen und Situationen abhängen

Vieles, was wir tun, geschieht in der Erwartung, dass wir danach glücklicher oder zufriedener sind als vorher. Zum Beispiel: Wenn ich mehr verdienen würde, ich weniger wiegen würde, ich kein Kopfweh mehr hätte, ich einen besseren Job hätte …, ja, dann ginge es mir besser.

Glück, das von Bedingungen abhängt, ist nicht nachhaltig, weil die Skala der noch zu erfüllenden Wünsche nach oben stets offen bleibt. Untersuchungen und unsere eigene Erfahrungen zeigen uns, dass wir nach wenigen Monaten bis spätestens nach einem Jahr unseres Glücksereignisses wieder am Anfangspunkt stehen. Dann starten wir in eine neue Runde von "wenn ich … dann wäre ich glücklicher als jetzt. Das ist der erste Irrglaube. Es gibt aber noch einen weiteren.

Irrglaube: Wir hoffen, durch andere Menschen glücklich zu werden

Genauso wenig, wie uns Dinge und Situationen langfristig glücklicher machen können, können das Menschen. Die Aussage "Behandle andere so, wie Du behandelt werden möchtest" ist vielen bekannt. Grundsätzlich ist dies ein sinnvoller Gedanke, wenn es nur darum geht, andere gut zu behandeln. Schließlich will man auch selbst gut behandelt werden.

Dieses Vorhaben wird aber verhängnisvoll, wenn wir unbewusst hoffen, dass das Gute, das wir für andere tun, von diesen zu uns zurückkommt. Dann glaubt man vielleicht, dass man es deshalb nicht mehr für sich selbst tun muss.

Damit es kein Missverständnis gibt: Natürlich sind soziale Kontakte, unsere Freundschaften, Familien, Kollegen eine wichtiger Teil eines glücklichen Lebenskonzepts. Sie geben Halt, helfen uns, gesund zu bleiben. Gutes zu tun, bringt nachweislich Glück.

Es geht vielmehr darum, dass man andere oft besser behandelt als sich selbst. Wir schenken dem guten Umgang mit uns selbst zu wenig Beachtung. Wir streichen den Yogakurs, weil wir meinen, länger im Büro bleiben zu müssen. Wir gehen, obwohl wir müde sind, sonntags mit der Familie wandern statt uns auszuruhen. Wir essen, was uns nicht schmeckt, um die Kollegen zu deren Geburtstagsfeier zu erfreuen und manches mehr.

Unsere Mitmenschen nehmen – unbewusst – genau wahr, wie wir leben, wie wir mit uns umgehen und welche Haltung wir zu uns haben. Sie nehmen dies nicht nur wahr, sie reagieren darauf in der gleichen Art. Was auf keinen Fall stattfindet, ist, dass uns andere Menschen besser, aufmerksamer, hilfreicher, liebevoller, wertschätzender behandeln als wir selbst. Das können sie auch gar nicht, wenn wir ihnen etwas anderes vorleben.


Mit diesen Tipps vermeiden Sie den Corona-Blues

Im Moment sind wir häufig auf uns alleingestellt, weil wir zum Beispiel alleine im Homeoffice arbeiten, zurzeit gar keine Arbeit  haben oder durch die Kontakteinschränkungen keine Verwandten oder Freunde treffen können. Das ist ungewohnt und unangenehm. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass wir uns Zeit für uns nehmen können.

So starten Sie gut in den Tag

  • Stehen Sie auf wie immer. Der Körper hat einen Rhythmus und liebt Regelmäßigkeit. Sie kennen das vielleicht vom Montag. Wenn wir sonntags länger geschlafen haben, fällt es uns schwer, uns am Montag umzustellen.

  • Tun Sie sich etwas Gutes. Decken Sie den Tisch zum Frühstück schön ein, hören Sie Ihre Lieblingsmusik oder frühstücken Sie etwas, das Ihnen gute Laune bringt.

  • Überlegen Sie, worauf Sie sich heute freuen. Vielleicht ist es ein Telefonat mit einem lieben Menschen, vielleicht ein Spaziergang oder ein guter Tee. Es gibt so viele kleine Dinge, die uns gut tun. Manchmal vergessen wir, sie zu würdigen, wenn sie alltäglich sind.

  • Bestimmen Sie Smartphone-freie Zeiten. Wir werden überschüttet mit Informationen, von denen wir manchmal gar nicht wissen, ob sie stimmen. Jeder weiß etwas anderes. Doch das ständige Checken von Nachrichten macht unruhig und nervös. Entscheiden sie sich täglich für einige Stunden bewusst ohne Technik. Das sind die besten Stunden des Tages. Dazu muss man nur die Sorge überwinden, etwas zu verpassen.

Sich Gutes zu tun, fängt beim Denken an

  • So, wie wir denken, so fühlen wir uns. Auch wie wir uns kleiden hat Einfluss auf uns. Natürlich sind die Jogginghosen bequemer als ein Business-Look. Kleidung und deren Farbe beeinflusst uns ganz subtil. Wenn man morgens merkt, dass man nicht so gut drauf ist, dann sollte man seine Kleidung ganz besonders sorgfältig auswählen. 

  • Geben Sie dem Tag Struktur. Egal, ob bei der Arbeit, im Homeoffice oder zu Hause ohne Arbeit, Strukturen und Rituale geben Halt und das Gefühl, etwas in der Hand zu haben. Schaffen Sie sich kleine Rituale. Man könnte zum Beispiel immer nach dem Mittagessen einen Kaffee trinken. Ihn bewusst zu genießen, bedeutet mit Achtsamkeit daran zu riechen und in kleinen, langsamen Schlucken davon zu trinken.

  • Denken Sie daran, Frisches zu essen und sich zu bewegen. Das kann ein kurzer Spaziergang in der Sonne sein oder ein Online-Fitness-Video, bei dem sie zu Hause mitmachen. Die Auswahl ist groß und Sie müssen das Haus nicht verlassen. Sie könnten sich auch zu einer bestimmten  Zeit mit einem Freund verabreden, der bei sich zu Hause dasselbe tut.

  • Greifen Sie zum Telefon. Es fallen so viele soziale Termine weg, dass wir für andere Zeit haben. Haben Sie ein altes Hobby, das Sie auffrischen wollen? Oder wollten Sie nicht längst einen alten Freund anrufen? Andere Menschen sind ein großer Glücksfaktor. Das Gefühl, zusammenzugehören oder gebraucht zu werden, Sinnvolles zu tun, gemeinsam zu lachen oder zu lernen, tut gut.

Einander innerlich nah zu sein, gelingt auch mit räumlichem Abstand

  • Schauen Sie Fotos von Freunde an, stellen Sie diese auf oder schwelgen Sie in Urlaubserinnerungen. Lesen Sie einen alten Liebesbrief – oder noch besser: schreiben Sie einen. Das alles beschert Ihnen gute Gefühle.

  • Beschließen Sie den Tag Sie mit positiven Gedanken. Erholen Sie sich zum Abschluss des Tages. Wenn Sie tagsüber viel online sind, sollten Sie das abends ändern und lieber ein Buch lesen, stricken, malen, gärtnern oder ein Hörbuch hören, weil das Gehirn Abwechslung braucht. Auch kleine Dankbarkeitsrituale oder eine kurze Meditation helfen vielen abends beim Abschalten.

Bestimmen Sie Ihren Radius der Möglichkeiten

Es gibt vieles, was normalerweise außerhalb unseres Einflusses liegt. Durch die aktuellen Beschränkungen ist der Radius des Möglichen noch kleiner. Doch innerhalb  unseres persönlichen Radius können wir es selbst bestimmen.

So können wir jetzt üben, ganz besonders gut mit uns umzugehen. Dann hat diese Zeit auch eine positive Seite. Wir sind in einem guten körperlichen und mentalen Zustand, um mit allem, worin wir gefordert sind und sein werden, gut umzugehen.   

Unsere Expertin

Vertreterin der Positiven Psychologie Ilona Bürgel
Bildrechte: Ilona Bürgel

Dr. Ilona Bürgel

Dr. Ilona Bürgel

Die Diplom-Psychologin zählt zu den führenden Vertretern der sogenannten Positiven Psychologie im deutschsprachigen Raum.

Weitere Themen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 23. November 2020 | 17:00 Uhr

Ein Angebot von

Mehr Gesundheit

Weitere Ratgeber-Themen