Protein-basierte Vakzine Corona-Impfung bald ohne Spritzen von Erbsubstanz?

Novavax und Vidprevtyn sind protein-basierte Corona-Impfstoffe. Ärzte sehen sie als Alternative für jene, die sich mit Moderna und Co. keine Erbsubstanz des Virus spritzen lassen wollen. Wie wirken sie? Wann werden sie zugelassen? Hier gibt es Antworten von: Dr. Torben Schiffner, Impfstoffforscher an der Universität Leipzig, Dr. Uta-Katharina Schmidt-Göhrich, Fachärztin für Innere Medizin und Mitglied der Sächsischen Impfkommission und Pharmakologe Prof. Michael Schaefer.

DNA-Moleküle, die sich teilt
Die neuen Impfstoffe könnten die Impfbereitschaft steigern, hofft Prof. Michael Schaefer. Bildrechte: Colourbox.de

Im Kampf gegen die Pandemie stehen jetzt zwei weitere Impfstoffe kurz vor der Zulassung. Zum einen NVX-CoV2373 von Novavax, zum anderen Vidprevtyn vom französischen Hersteller Sanofi Pasteur. Bei den neuen Vakzinen handelt es sich bezogen auf Corona um eine neue Impfstoffklasse. Sie beruht auf einer Wirkungsweise, die schon seit langem bekannt ist und sich bewährt hat.

Was ist so neu an den neuen Impfstoffen?

Sowohl Novavax als auch Vidpretyn funktionieren anders als die bisherigen mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna sowie die Vektorimpfstoffe wie AstraZeneca und Johnson & Johnson. Bei diesen Vakzinen ist lediglich die Erbinformation des Erregers enthalten. Mit diesem genetischen Bauplan werden anschließend vom Körper spezielle Proteine des Virus gebildet. Diese Spike-Proteine sind Eiweißmoleküle, die an der Oberfläche des Coronavirus sitzen und dem Virus helfen, sich an Körperzellen zu heften. Sie trainieren das körpereigene Abwehrsystem für den Fall, dass tatsächlich Coronaviren in den Körper eindringen. Später können die fremden Eindringlinge erkannt und bekämpft werden.

Bei den beiden neuen Impfstoffen handelt es sich um Protein-basierte Vakzine, d.h. sie enthalten bereits das Spikeprotein selbst, das in Zellkulturen hergestellt und mit einem Wirkverstärker kombiniert wird. Der Körper muss also das Protein nicht mehr selbst produzieren, es wird also ein Schritt übersprungen, bzw. eingespart.

Das Wirkprinzip bei Novavax und Vidprevtyn kennt man so ähnlich schon von Grippeimpfstoffen. "Das werden super Impfstoffe, sie sind leichter zu transportieren und zu handhaben und deutlich kostengünstiger", erklärt Dr. Torben Schiffner, Impfstoffforscher an der Universität Leipzig. Anders als zum Beispiel bei Biontech könnten sie problemlos über einen längeren Zeitraum nur im Kühlschrank gelagert werden, die Herstellungsprozesse seien seit vielen Jahren etabliert und es könnten innerhalb kurzer Zeit hohe Mengen produziert werden. 

Torben Schiffner - Impfstoffforscher Universitätsklinikum Leipzig
Dr. Torben Schiffner ist Impfstoffforscher an der Universität Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was ist Novavax? 

Der Impfstoff Novavax NVX-CoV2373 wird in den USA entwickelt und muss zweimal im Abstand von 21 Tagen gespritzt werden. In Phase-3-Studien konnte ihm eine Wirksamkeit von 90,4 Prozent bestätigt werden je nach Virusvariante. Bei ca. 90 Prozent der geimpften Probanden traten also weniger Corona-Infektionen auf als in der ungeimpften Kontrollgruppe. Vor schweren Krankheitsverläufen soll er sogar zu 100 Prozent schützen. Derzeit wird die Wirksamkeit bei Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren überprüft.

Was ist Vidprevtyn?

Der Impfstoff Vidprevtyn wird vom französischen Hersteller Sanofi Pasteur entwickelt. Zu Wirksamkeit und Nebenwirkungen liegen noch keine Angaben vor, da erst im Sommer mit dem Zulassungsverfahren begonnen wurde. Es ist aber davon auszugehen, dass er mit Novavax vergleichbar sein wird, da das Prinzip der Wirkung das gleiche ist.

Wann kommen die neuen Impfstoffe?

Novavax könnte noch im IV. Quartal 2021 kommen. "Die Erwartung ist, dass es hoffentlich zum Jahresende verfügbar ist, derzeit läuft noch das Zulassungsverfahren", sagt Dr. Uta-Katharina Schmidt-Göhrich, Fachärztin für Innere Medizin und Mitglied der Sächsischen Impfkommission. Erst vor wenigen Tagen wurde bei der Weltgesundheitsorganisation ein Antrag auf Aufnahme in die Liste der Impfstoffe für den Notfall gestellt. Das betrifft jedoch nur Länder außerhalb Europas und der USA. Seit Februar läuft in der EU ein beschleunigtes Prüfverfahren. Der Hersteller hat sich mit der EU bereits auf einen Liefervertrag geeinigt.

Für den Impfstoff Vidprevtyn hat die europäische Arzneimittelbehörde EMA im Juli mit einem beschleunigten Zulassungsverfahren begonnen, einem sogenannten Rolling Review. Der Zulassungsprozess kann beschleunigt werden, da noch während laufender Untersuchungen bereits Studiendaten eingereicht und bewertet werden können, noch bevor alle klinischen Daten abschließend vorliegen. Es gibt noch keine seriösen Aussagen, bis wann Vidprevtyn tatsächlich in der Praxis zum Einsatz kommen wird.

Katharina Schmidt-Göhrich Hauptsache gesund
Dr. Uta-Katharina Schmidt-Göhrich ist Fachärztin für Innere Medizin und Mitglied der Sächsischen Impfkommission. Bildrechte: Katharina Schmidt-Göhrich

Novavax sollte schon verfügbar sein, warum dauert es länger?

Die Entwicklung proteinbasierter Impfstoffe dauert grundsätzlich länger, da der Prozess komplizierter ist. "Die Entwicklungszeit für Novavax ist für einen proteinbasierten Impfstoff schon relativ schnell", sagt Impfstoffexperte Dr. Torben Schiffner. Ein großer Vorteil der proteinbasierten Vakzine aus seiner Sicht: Diese Technologie habe sich bei der Herstellung von Grippeimpfstoffen über viele Jahre bewährt. "Vielleicht beruhigt das auch Menschen, die bisher skeptisch waren und bei den neuartigen Impfstoffen Sorgen hatten", sagt er.

Für wen sind die neuen Impfstoffe eine Alternative?

Prof. Michael Schaefer, Pharmakologe von der Universität Leipzig, freut sich auf die hoffentlich bald verfügbaren neuen Vakzine: "Es ist ein Alternativangebot für alle mit großen Ängsten, die sagen, sie möchten sich keine Erbsubstanz impfen lassen." Er hofft, dass die Impfbereitschaft mit den neuen Impfstoffen weiter zunimmt.

"Von den neuen Impfstoffen können Patienten profitieren, die aufgrund von Kontraindikationen bisher nicht mit den verfügbaren Impfstoffen geimpft werden konnten", so die Erwartung von Dr. Uta-Katharina Schmidt-Göhrich von der sächsischen Impfkommission. Solche Kontraindikationen sind jedoch nur sehr selten, meist handelt es sich dabei um Allergien gegen Bestandteile des Vakzins. Die Medizinerin sieht die neuen Impfstoffe als sinnvolle Ergänzung zu den bisherigen.

Professor Michael Schaefer von der Universität Leipzig
Prof. Michael Schaefer ist Pharmakologe und lehrt an der Universität Leipzig. Bildrechte: Universitätsklinik Leipzig

Lohnt es sich, auf die neuen Impfstoffe zu warten?

Für die meisten von uns lohnt sich das Warten nicht. "Es wird keine Patientengruppe geben, die nur für die neuen Impfstoffe in Frage kommt", schätzt Dr. Uta-Katharina Schmidt-Göhrich die Situation momentan ein.

Zuletzt war Schwangeren in manchen Fällen von einer Impfung abgeraten worden. Die Empfehlung einiger Ärztinnen und Ärzte war, auf die Zulassung von Novavax zu warten, da das Wirkprinzip und damit die Risiken hier bereits bekannt seien z.B. von Grippeschutzimpfungen. Die Ständige Impfkommission hat dazu inzwischen klar Stellung genommen und empfiehlt Schwangeren ab dem zweiten Drittel der Schwangerschaft und Stillenden, sich zweimal mit einem mRNA-Impfstoff impfen zu lassen und nicht auf neue Impfstoffe zu warten. Das Risiko einer Corona-Infektion mit schweren Krankheitsverläufen sei auch hier generell deutlich größer.

Sind Protein-basierte Impfstoffe als Dritt- bzw. Boosterimpfung geeignet?

"Bisher gibt es noch keine Daten, wie gut das funktioniert, aber das ist das, was Novavax anstrebt", sagt Pharmakologe Prof. Michael Schaefer und hält die Idee prinzipiell für sinnvoll. Unabhängig von der Zulassung als Erstimpfstoff zur Grundimmunisierung kann dafür jedoch eine weitere Zulassung als einmalige Boosterimpfung nötig werden.

Zunächst sei für eine optimale Grundimmunisierung eine hohe Wirksamkeit der Impfstoffe wichtig, und da schnitten mRNA-und Vektorimpfstoffe bisher besser ab. Als Booster bei einer Impfauffrischung könnten die Protein-basierten Impfstoffe aber ausreichend sein, da der Körper grundsätzlich schon gelernt hat, sich gegen die Angreifer zur Wehr zu setzen und mit einer Auffrischung nur noch daran "erinnert" werden muss.

Wie stark sind die Nebenwirkungen der neuen Impfstoffe?

Zu den bisher aus Studien berichteten Nebenwirkungen zählen grippeähnliche Symptome wie Kopf- und Muskelschmerzen, sowie Müdigkeit. Die Nebenwirkungen sind vergleichbar mit denen einer Grippeimpfung. Da proteinbasierte Impfstoffe von Hause aus keine ausreichende Immunantwort auslösen, müssen sie durch Verstärkersubstanzen unterstützt werden. Die Impfstoffe enthalten nur abgetötete Viren, sie können sich nicht mehr vermehren. Die abgeschwächten Viren reichen aber allein nicht aus, um im Körper eine starke Immunabwehr in Gang zu setzen. "Diese Verstärkersubstanzen sind auch bei den Nebenwirkungen das größere Problem", sagt Prof. Michael Schaefer. "Ein Impfstoff mit einer milden Reaktion hat auch nur eine milde Wirkung", so seine Erklärung.

Können die neuen Impfstoffe besser an Virusmutationen angepasst werden?

"Nein", sagt Impfstoffforscher Dr. Torben Schiffner von der Universität Leipzig. "Da sind mRNA- und Vektorimpfstoffe im Vorteil. Sie lassen sich schneller an neue Virusmutationen anpassen, da ihr Herstellungsprozess nicht so aufwendig ist." Doch welcher Impfstoff sich tatsächlich besser eignet und welcher Hersteller schneller reagieren und produzieren kann, das müssten letztlich die Firmen selbst unter Beweis stellen.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 30. September 2021 | 21:00 Uhr

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