Präsidentin des Berufsverbands für Pflegeberufe Wie sinnvoll ist ein Impfzwang für Pflegepersonal?

Sollte die Corona-Impfung in Pflegeberufen zur Pflicht werden? Diese Frage stellt sich nach Meldungen über erkrankte Heimbewohner immer öfter. Die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, Prof. Christel Bienstein, im Interview mit MDR um 4.

Eine Frau mit Brille und kurzem Haar sitzt vor ihrem Computer.
Christel Bienstein ist die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Immer wieder gibt es Meldungen über Altenheime, in denen sich Bewohner mit dem Corona-Virus angesteckt haben. In Sachsen-Anhalt hatten sich kürzlich in einer Einrichtung im Altmarkkreis Salzwedel 38 Personen infiziert, vier alte Menschen waren verstorben. Die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe, Prof. Christel Bienstein, im Interview mit MDR um 4.

Wie geht es Ihnen persönlich damit, wenn ungeimpftes Personal Menschen in Pflegeheimen möglicherweise ansteckt?

Prof. Christel Bienstein: Das ist natürlich sehr dramatisch. Wir können den Weg der Ansteckung aber nicht eindeutig belegen und die Impfpflicht würden wir ablehnen, weil dann wahrscheinlich noch mehr Pflegende den Beruf verlassen und wir jetzt schon Probleme haben, genügend Pflegende auf den Stationen und in den stationären Langzeiteinrichtungen zu haben.

Glauben Sie, dass sich ohne eine Impfpflicht mehr Pflegepersonal impfen lassen wird?

Vorstellung Besuchszimmer in städtischen Pflegeeinrichtungen. Eine Pflegerin schiebt einen alten Mann im Rollstuhl.
Pflegepersonal ist häufig geimpft, vermutet Christel Bienstein. Genaue Zahlen gibt es aus den Pflegeheimen aber nicht. Bildrechte: imago images/localpic

Erst einmal muss man sagen: Wir wissen überhaupt nicht, um welche Personen es sich handelt. In den Alten-Einrichtungen arbeiten sehr viele Menschen ohne eine pflegerische Ausbildung oder mit einer Kurz-Ausbildung. Wir haben dazu keine Daten. Es ist erschreckend, dass das Bundesgesundheitsministerium im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes im Grunde eine Sachverständigenkommission zusammengesetzt hat, wo keine Pflegewissenschaftlerin oder ein Pflegewissenschaftler vertreten sind. Und wir brauchen diese Daten dringend, um zu wissen, wer diese Infektionen eigentlich auslöst.

Ich vermute, dass es sich primär nicht um die Pflege-Fachpersonen handelt, die sich nicht impfen lassen, sondern eher um Personen, die nicht so qualifiziert sind. Wir haben in den Kliniken völlig andere Daten – da haben wir bis zu 90 Prozent geimpfte Kolleginnen und Kollegen, die haben wirklich auf die Impfung gewartet. In den Kliniken haben wir ganz wenig Pflege-Hilfspersonal, aber wir haben sehr viele Pflege-Fachpersonen. Und sie können die Studien sehr gut einordnen.

Sind Sie davon überzeugt, dass Pflegepersonal kündigen würde, wenn es eine Impfpflicht gäbe?

Daten haben wir dazu nicht, aber wir wissen, dass etwa 30 Prozent der Pflegenden bei einer Umfrage von uns gesagt haben, dass sie nach Corona aus dem Beruf ausscheiden wollen, weil die Belastungen viel zu hoch sind. Wenn uns jetzt noch Kollegen verloren gehen, wo wir teilweise nur noch zwei Examinierte auf den einzelnen Bewohner-Gruppen haben, wo 20 oder mehr Bewohner versorgt werden müssen – wenn die auch noch ausfallen würden, dann haben wir gar keine Versorgung mehr.

Ist es nicht doch Zeit für eine Pflicht?

Eine Frau wird geimpft
Bewohner in Altenheimen gehörten zu den ersten, die in Deutschland geimpft wurden. Das aber auch freiwillig. Bildrechte: IMAGO / Laci Perenyi

Dann müssten Lehrer ebenfalls, medizinische Fachangestellte in den Praxen, alle Ärzte, Feuerwehrleute und Polizisten pflicht-geimpft werden. Und das können wir in der Form nicht fordern, weil wir sagen, dass es jeder selbst entscheiden muss.

Wir müssen an die Impfbereitschaft der Pflegenden appellieren, es muss die Booster-Impfung sehr rasch angeboten werden, und natürlich muss das Management immer wieder den Kontakt zu denen suchen, die sich bisher nicht haben impfen lassen – um herauszufinden, aus welchen Gründen sie sich nicht haben impfen lassen.

Gibt es eine Alternative?

Ich finde einen ganz wichtigen Weg: testen, testen, testen. Und natürlich auch die Impfungen weiter ganz nah anbieten, dass keine langen Wege gegangen werden müssen. Und wir brauchen natürlich auch viel Aufklärung, damit der Angst, falls Ängste vorhanden sind, begegnet wird. Und dazu brauchen wir natürlich auch Vorbilder.

Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 03. November 2021 | 17:00 Uhr

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