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Abgeschlagenheit, schlechte Konzentration, Augenprobleme: Long-Covid-Patientinnen und -Patienten klagen über ganz unterschiedliche Einschränkungen. Ein Ärzteteam der Unikinik Erlangen hat herausgefunden, welches Medikament dagegen helfen könnte. Bildrechte: Colourbox.de

Long-CovidCorona kann Gefäße im Auge schädigen - Ärzte finden Abhilfe

von MDR SACHSEN - Das Sachsenradio

Stand: 17. August 2022, 10:46 Uhr

Dr. Bettina Hohberger ist Biologin und Augenärztin an der Augenklinik der Universität Erlangen. Sie erforscht die Ursachen von Long-Covid. Über das Auge als Fenster zum Körper hat sie mit ihrem Team untersucht, ob Covid-19 auch das Gefäßsystem angreift. Schließlich ist das Ärzteteam auf ein Medikament gestoßen, das gegen das Long-Covid-Syndrom helfen könnte.

Was hat das Augenärzteteam entdeckt?

Dr. Bettina Hohberger: Das Auge kann man sich als Wurzelsystem eines Baums vorstellen mit vielen kleinen Verzweigungen. Was man bei den Long-Covid-Patienten sehen konnte, ist, dass von diesen vielen Verzweigungen ein paar wenige einfach nicht mehr dargestellt werden. Die waren wie verschwunden, in Anführungszeichen. Die Patienten haben selber keine Augenprobleme. Sie sehen nicht schlechter. Das war nicht der Fall. All diese Personen haben sehr gut gesehen. In unserer Annahme sind das ganz milde Durchblutungsveränderungen, die latent, ganz leicht über die Zeit, dann über Monate hinweg zu Problemen bei den Patienten führen.

Viele Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, zeigen noch Monate danach eine deutlich eingeschränkte Durchblutung der Netzhaut im Auge. Das Forscherteam hat herausgefunden, dass diese veränderte Durchblutung nicht auf das Auge begrenzt ist, sondern überall im Körper auftreten kann. Bildrechte: IMAGO / Westend61

Haben die Patienten Probleme mit den Augen?

Das sind nicht primär Augenprobleme. Die These ist, dass wir das, was wir mit der Technik exemplarisch am Auge sehen können, dass das überall am Körper ist. Die Kapillaren sind überall gleich. Warum sollen die im Auge anders sein, als an der Hand, im Gehirn, an der Leber, am Herz, an der Lunge? Überall ist der Aufbau gleich. Die Durchblutung ist in kleinen Bereichen immer ein bisschen schlechter, dann wieder normal, schlechter, wie ein Auf und Ab, sodass der Körper in Summe dann doch anfängt, in bestimmten Bereichen mit Einschränkungen zu reagieren.

Gibt es ein Beispiel für Einschränkungen?

Das kann man sich so vorstellen: Wenn im Kopf beispielsweise die Durchblutung nicht mehr so ganz optimal ist - nicht schlimm, nur ein bisschen -, dass dann die Patienten Konzentrationsprobleme haben, weil einfach nicht der super Sauerstoffbedarf da ist, um vielleicht alle Aufgaben so zu lösen, wie es vorher war. So kann man sich das für jedes Organsystem vorstellen und dann daraus ableiten, welche Einschränkungen daraus resultieren können.

Welche Medikamente haben Sie bei den Patienten eingesetzt?

Das Medikament, dass wir den einzelnen Long-Covid-Patienten gegeben haben, nennt sich BC007. Das Medikament hat das Ziel, verschiedene Eiweißstoffe im Körper unschädlich zu machen. Das sind Eiweißstoffe, die vom Körper gebildet werden, sogenannte Autoantikörper.

Nur dann, wenn das Immunsystem fehl läuft - das heißt, der Patient hat einen Infekt, irgendeinen Virus, in dem Fall das Coronavirus, mit dem er sich ansteckt - dann fängt das Immunsystem erst einmal ganz normal an, zu laufen. Das ist auch das, was unser Körper braucht. Wir brauchen ja eine gute Abwehr. Bei ein paar Patienten scheint das Immunsystem aber auf einmal fehl zu laufen. Gründe können vielleicht eine genetische Veranlagung oder andere bestimmte Faktoren sein, die zum Zeitpunkt der Infektion da sind.

Wenn das Immunsystem fehl läuft, bilden sich Autoantikörper, die sich gegen den eigenen Körper richten. Bildrechte: IMAGO / Science Photo Library

Was heißt das, das Immunsystem läuft fehl?

Fehllaufen heißt, das Immunsystem bildet neben der guten Abwehr - das sind ja die Antikörper, die der Körper braucht - auch Autoantikörper. Und die richten sich gegen den Körper selber und das ist das Problematische.

Diese Autoantikörper, diese Eiweißstoffe, werden gebildet und fangen an, den Körper anzugreifen. Anzugreifen heiß, die setzen sich auf Rezeptoren, das sind bestimmte Zellen und Stellen, die für die Zellkommunikation und Zellfunktion zuständig sind. Sie binden daran und bewirken eine Veränderung an der Zelle. Das Medikament, dass wir gegeben haben, wurde genau dafür designt, dass es diese Autoantikörper, diese speziellen Eiweißstoffe, unschädlich machen kann.

Wie haben die Patienten auf die Medikamente reagiert?

Das Erste, was auch für uns als Arzt schön ist, ist zu sehen, wenn der Patient sagt, er fühlt sich fitter. Das war das, was sie schon relativ schnell gemerkt haben. Was die Patienten, die wir damit behandeln durften, beschreiben, ist, dass als Erstes der Kopf klarer wurde und das Denken wieder besser möglich war. Dass sie ein Buch oder Zeitschriften wieder lesen und aufnehmen konnten.

Über Wochen und Monate hat sich dann kontinuierlich vieles andere auch gebessert. Das auf einmal wieder eine längere Gehstrecke möglich ist, dass sich der Gleichgewichtssinn gebessert hat, dass man wieder auf Schuhen mit Absatz laufen kann, was vorher überhaupt nicht mehr der Fall war.

Bei vielen Long-Covid-Patiennten und Patientinnen hat sich der Geruchssinn, nach Einnahme des Medikaments BC007 - eigentlich ein Herzmedikament - merklich verbessert. Bildrechte: IMAGO / Cavan Images

Hilft das Medikament auf dabei, wieder zu riechen und zu schmecken?

Ja. Was für uns ganz erstaunlich war: Auch der Geruch- und Geschmackssinn fing wieder an, sich zu verbessern. Das ist nicht bei allen gleich. Ausgehend davon, wie schwer der Patient von der Symptomatik betroffen war, scheint es für uns, dass sich dann auch eine Verbesserung in den Symptomen gezeigt hat. Da spielt auch immer die individuelle Komponente eine Rolle, jeder Mensch ist anders, jede Zelle, keiner gleicht dem anderen, und so haben wir das auch bei den Personen gesehen.

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Quelle: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio

Dieses Thema im Programm:MDR SACHSEN | 18. Januar 2022 | 12:20 Uhr