Corona Spätfolgen Mit der richtigen Ernährung gegen Post-Covid

Wer von Corona genesen ist, ist nicht immer gesund. Geschmacks- und Geruchsverlust können über Monate anhalten und auf Dauer zu einer Mangelernährung führen. Im Interview erklärt Nicole Lins, medizinische Ernährungsberaterin aus Magdeburg, welche Rolle die Ernährung bei der Bewältigung einer Covid-19-Erkrankung spielt.

Auf einem Brett werden Möhren klein geschnitten, daneben Salat in einer Schüssel und anderes Gemüse
Gesunde Nahrungsmittel auf dem Speiseplan sind wichtig. Doch sind Geruchs- und Geschmackssinn beeinträchtigt, lässt nicht selten auch der Appetit nach. Bildrechte: imago images / Westend61

Mit welchen Beschwerden kommen Covid-Genesene in Ihre Praxis?

Nicole Lins, medizinische Ernährungsberaterin: Viele Patient*innen haben nach einer Covid 19-Infektion mit langfristigen Folgen und Komplikationen zu kämpfen. Häufig erleben die Betroffenen Geschmacks- und Geruchsstörungen, aber auch Durchfallepisoden und weitere Magen-Darm-Probleme. Bei manchen sinkt das Gewicht und bei manchen steigt es, und die Ursachen sind noch nicht eindeutig geklärt. Bei all diesen Themen sind die Post-Covid-Patient*innen bestens bei einer Ernährungstherapie aufgehoben. Denn wir kümmern uns speziell um alles, was mit Gewichtsveränderungen zu tun hat, sowohl dann, wenn die Tendenz nach oben als auch nach unten zeigt. Überdies können wir Ernährungsempfehlungen entwickeln, die es den Betroffenen ermöglicht, die Magen-Darm-Problematik in den Griff zu bekommen und vor allem haben wir leckere Rezeptideen, mit denen die Geruchs- und Geschmacksprobleme weniger werden, und Essen und Trinken wieder Lebensfreude gibt.

Was können Betroffene tun, damit der Geruchs- und Geschmacksinn wieder kommt?

Nicole Lins: Die Betroffenen müssen diese Sinne nicht "neu" erlernen, sondern die Zeit optimal überbrücken, bis diese Geruchs- und Geschmackswahrnehmungen wieder zurückkommen. In dieser Zeit können wir mithilfe der Empfehlungen arbeiten, die wir seit Jahrzehnten mit Krebspatient*innen während und nach einer Chemotherapie machen durften. Es gibt bestimmte Lebensmittel, die beim Beißen und Kauen Geräusche machen, und damit andere noch funktionierende Sinne nutzen, Lebensmittel und Speisen zu "erinnern", um damit den Appetit zu fördern. Manchen Patienten schmeckt das Essen blechern, hier gibt es Tipps, die Geschmacksknospen gezielt zum Beispiel mit Granatapfelkernen anzusprechen, um eine Geschmacksneutralisierung zu erwirken. Betroffenen ist es dann möglich, mehr zu essen und eine Gewichtsabnahme zu verhindern.

Geschmacksverlust ist nur ein Problem, bei dem Sie helfen können. Bei welchen Folgebeschwerden noch?

Nicole Lins: Die Post-Covid-Patient*innen berichten von vielerlei Beschwerden, die mitunter schwierig in nur ein Krankheitsbild einzuordnen sind. Patient*innen entwickeln große Müdigkeit und Leistungsschwäche, müssen Muskeln, vor allem die Atemmuskulatur, wieder aufbauen. Dass dies auch und mithilfe einer gezielten Ernährungstherapie unterstützt wird, wird sowohl von Ärzt*innen als auch Betroffenen noch dramatisch unterschätzt. Eine ärztliche Überleitung der Patient*innen in die Ernährungstherapie, ähnlich wie zur Ergo- oder Physiotherapie, ist daher ein sehr wichtiger und unabdingbarer Baustein. Die gezielte Zufuhr von Kohlenhydraten und Fetten hat einen Einfluss auf den so genannten respiratorischen Quotienten, mit mehr oder weniger Fett im Essen lässt es sich zum Beispiel leichter oder eben nicht leichter atmen.

Der Moderator und die Expertin kochen im Studio
Ernährungsberaterin Nicole Lins ist mit ihren Rezepten ständiger Gast bei "Hauptsache Gesund". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nutzen denn bereits viele Patienten das Angebot einer Ernährungstherapie?

Nicole Lins: Die Betroffenen kommen nach und nach – aber noch viel zu selten – in unsere Ernährungstherapiepraxen. Sowohl die Betroffenen, als auch die Angehörigen und ganz besonders Ärzt*innen müssen wissen, dass eine moderne Ernährungstherapie gerade im Rahmen der Nachsorge nach der Infektion einen Pfeiler in der medizinischen Therapie darstellt. Patient*innen benötigen für den Muskelaufbau wertvolles Eiweiß in entsprechender Menge, bestimmte Vitamine und Mineralstoffe gegen das Fatigue-Syndrom und eine dezidierte Auswahl an Fetten und Kohlenhydraten für ein optimales Atmen. Die Informationen darüber können und wollen wir bieten, damit Patient*innen rascher mehr Lebensqualität entwickeln können.

Kann man sich eine Ernährungstherapie ärztlich verschreiben lassen?

Nicole Lins: Ja, Ärzt*innen können in jedem Fall über eine ärztliche Notwendigkeitsbescheinigung eine ernährungstherapeutische Maßnahme in die Wege leiten. Hierfür gibt es Formulare, die auch von den Krankenkassen akzeptiert werden. Diätassistent*innen haben diese Formulare vorrätig und können sie sowohl den Ärzt*innen als auch den Betroffenen selbst aushändigen, damit die Therapie begonnen werden kann. Die Ausbildung zu Diätassistent*innen ist staatlich anerkannt.  Aufgrund der vorliegenden Zertifizierungen unterstützen Krankenkassen die Ernährungstherapie, die der Arzt anordnet und an uns delegiert. Verbraucherschutzorganisationen weisen auch immer auf diese Unterschiede hin und veröffentlichen Checklisten zur Qualifikation von Anbietern im Bereich der Ernährungsberatung und -therapie. 

Läuft die Therapie zurzeit persönlich oder online?

Nicole Lins: Die Ernährungstherapie ist systemrelevant und findet unter allen gebotenen Hygiene- und Sicherheitsbestimmungen persönlich statt. Wir arbeiten aber mittlerweile auch über alle gewünschten Medien und Plattformen online, diese sind auch datenschut-konform. Der Patient kann also immer für sich entscheiden.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | HAUPTSACHE GESUND | 25. März 2021 | 21:00 Uhr

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