Pandemie Sorge vor Coronavirus-Mutation aus England

Neue Varianten des Coronavirus in Südafrika und Großbritannien bereiten Virologen und Politik Sorgen. Mehrere EU-Staaten verhängten Reisebeschränkungen. In Deutschland gilt ab Mitternacht ein erstes Landeverbot für Flugzeuge aus Großbritannien und Nordirland – doch das mutierte Virus wurde bereits in anderen EU-Staaten nachgewiesen.

Reisende mit Mund-Nasen-Bedeckungen warten im Bahnhof St. Pancras in einer Schlange, um den letzten Zug nach Paris zu nehmen.
Nach Bekanntgabe der schärferen Maßnahmen brachen viele Menschen noch spontan auf, um aus London abzureisen. Bildrechte: dpa

Eine neue Coronavirus-Variante in Großbritannien hat in Europa Sorgen über den weiteren Pandemie-Verlauf ausgelöst. In Deutschland tritt ab Mitternacht ein Landeverbot für Flüge aus Großbritannien und Nordirland in Kraft. Das geht aus einer Verfügung des Bundesverkehrsministeriums hervor. Ausnahmen gelten demnach für Frachtflüge, Flüge mit medizinischem Personal oder wenn Maschinen nur mit Crews an Bord nach Deutschland zurückkehren wollen. Die Regelung gilt zunächst bis Jahresende. Eine weiterreichende Regelung für die Zeit ab dem 1. Januar sowie Einreisebeschränkungen auch für Südafrika sollen laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Montag auf den Weg gebracht werden.

Ausgangsbeschränkungen in London

In der britischen Hauptstadt London und in weiten Teilen Südostenglands gelten seit Sonntag strikte Ausgangssperren, auch über die Weihnachtstage. Ersten Erkenntnissen zufolge ist die Mutation ansteckender als bisherige Varianten – nach Behördenangaben um bis zu 70 Prozent. Der britische Gesundheitsminister Matt Hancock sagte der BBC, die Mutation sei außer Kontrolle. "Wir müssen sie wieder unter Kontrolle bekommen."

Boris Johnson
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Wir opfern die Möglichkeit, unsere Lieben dieses Weihnachten zu sehen, damit wir eine bessere Chance haben, ihr Leben zu schützen, damit wir sie bei zukünftigen Weihnachten sehen können.

Boris Johnson Britischer Premierminister

Mehr als 16 Millionen Menschen dürfen ihre Wohnungen nur noch zur Arbeit und in wichtigen Ausnahmen wie für Arztbesuche oder zu Lebensmitteleinkäufen verlassen. Auch in Wales gelten seit Sonntag strikte Beschränkungen. Schottland und Nordirland folgen am 26. Dezember. Die schottische Regierung riegelt zudem die Grenzen zu den britischen Nachbarn über die Weihnachtsfeiertage ab.

Nach Bekanntgabe der schärferen Maßnahmen machten sich allerdings am Samstagabend noch zahlreiche Menschen spontan auf den Weg, um aus London abzureisen. Bürgermeister Sadiq Khan nannte dieses Verhalten falsch. Er habe Verständnis, dass Menschen zu ihren Familien reisen wollen. Aber sie könnten das Virus mit sich tragen. Minister Hancock sprach von "unverantwortlichem Verhalten". Er schloss nicht aus, dass die schärferen Maßnahmen "in den kommenden Monaten" in Kraft blieben.

Italien bestätigt Virus-Mutation bei Rückkehrer

Um eine weitere Ausbreitung der Variante möglichst zu unterbinden, haben inzwischen mehrere europäische Länder Flugverbindungen mit Großbritannien ausgesetzt oder entsprechende Schritte in die Wege geleitet. Als erste sagten die Niederlande Flüge von und nach Großbritannien seit Sonntagmorgen ab. Auch Belgien schließt seine Grenzen ab Mitternacht für zunächst 24 Stunden. Das betrifft auch den Eurostar durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal. Reisebeschränkungen erließen unter anderem auch Italien, Frankreich, Bulgarien und Tschechien. Seit Mitternacht gibt es auch keinen Flugverkehr mehr von Großbritannien nach Deutschland – ausgenommen sind Frachtmaschinen, Flugzeuge mit medizinischem Personal und Flugzeuge ohne Passagiere, in denen nur die Besatzung zurückkehrt.

Einzelne Fälle der Mutation sind aber offenbar bereits auch in der EU aufgetreten. Das italienische Gesundheitsministerium teilte mit, bei einem Patienten das entsprechende Genom sequenziert zu haben. Der Patient sei kürzlich mit einer weiteren Person mit dem Flugzeug aus dem Vereinigten Königreich in Rom gelandet. Beide seien in Isolation.

Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft berief für Montag ein Notfalltreffen mit Vertretern der EU-Mitgliedsstaaten ein.

Optimismus zu Wirksamkeit von Impfstoff

Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité schrieb auf Twitter, bisher sei die Mutation in Deutschland nicht aufgetaucht. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums sagte, die Entwicklung werde genau verfolgt. Die vorliegenden Informationen würden mit Hochdruck ausgewertet.

Eine Sorge mit Blick auf Mutationen ist, dass Impfstoffe damit an Wirksamkeit verlieren und die nötige Herdenimmunität zur Beendigung der Pandemie nicht erreicht werden kann. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach betonte auf Twitter jedoch auch, solche Mutationen seien nicht überraschend. Angesichts hoher Fallzahlen und viel Mobilität habe das Virus mehr Gelegenheit, sich zu verändern. Aber: "Angriffspunkte der Impfung sind nicht betroffen."

Auch Welt-Ärzte-Präsident Frank Ulrich Montgomery sagte, die Mutation stelle die bisherige Impfstrategie nicht in Frage. Er sagte den Funke-Medien, die Mutation zeige, "dass wir uns noch konsequenter schützen müssen, weil ein ansteckenderes Virus natürlich auch mehr Infektionen erzeugt. Sinnvoll ist mit Sicherheit, Kontakte einzuschränken".

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. Dezember 2020 | 15:00 Uhr

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