Digitalisierung Elektronische Patientenakte – Vorteile, Grenzen und Risiken

Keine dicken Ordner mehr, keine verlorenen Befunde, keine Suche nach dem Impfausweis. All das soll zukünftig in der elektronischen Patientenakte (ePA) digital gespeichert werden. Ab Juli können Ärzte sie gemeinsam mit ihren Patienten befüllen. Einige Funktionen sind schon jetzt freigeschaltet.

Sie ist die größte Neuerung im deutschen Gesundheitswesen der letzten Jahre – die elektronische Patientenakte. Sie soll die rund 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten mit ihren Ärzten digital vernetzen und die Patientenversorgung auf ein neues Level heben. Seit dem 1. Januar 2021 haben gesetzlich Versicherte ein Anrecht auf die Nutzung einer elektronischen Patientenakte. Doch neun von zehn Versicherten wissen der Umfrage "Datapuls 2021" zufolge nicht oder nur oberflächlich, wie die ePA funktioniert.

Als kostenlose App verfügbar

Die elektronische Patientenakte stellen die Krankenkassen für ihre Kunden als kostenlose App bereit. Patienten können sich diese bereits jetzt auf ihrem Smartphone oder einem Tablet installieren und sich mit ersten Funktionen vertraut machen. So kann schon jetzt ein Notfalldatensatz und ein Medikamentenplan hinterlegt werden. Ab 1. Juli 2021 muss dann jeder Arzt in der Lage sein, die App gemeinsam mit seinen Patienten zu befüllen.

Nutzung ist freiwillig

"In der elektronischen Patientenakte können Arztbriefe, Befunde und Laborwerte hinterlegt werden. Das vermeidet unnötige Doppeluntersuchungen. Und für den Notfall liegen Informationen über Vorerkrankungen vor, das kann Leben retten", erklärt Thorben Krumwiede von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschlands.

Datenschutz: Patient entscheidet über Freigabe einzelner Daten

Das Angebot ist freiwillig, die Hoheit über seine Daten hat der Patient. Er kann Untersuchungsergebnisse einstellen oder löschen und Ärzten sowie Apothekern den Zugriff erlauben. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der Patient hat seine wichtigsten Gesundheitsdaten immer bei sich, transparent und digital. Das Ende der Zettelwirtschaft.

Hürden bei der Registrierung

Doch der Teufel steckt wie immer im Detail. Und das beginnt schon bei der Registrierung. In diesem Jahr wird die Nutzung nur mit einem Smartphone oder Tablet möglich sein. Erst im kommenden Jahr wird der Zugang per PC hinzukommen. Zudem ist für die Aktivierung der App eine aufwendige Zweifaktoren-Identifizierung nötig. "Das wird für viele Patienten schwierig werden. Besonders Ältere oder Patienten mit einer Sehschwäche werden hier auf Hilfe angewiesen sein", befürchtet Thorben Krumwiede.

Hier ist noch Handlungsbedarf

Problematisch ist, dass dieses Jahr der Patient noch nicht wählen kann, welche Dokumente er für welchen Arzt freigeben möchte. Es geht nur: alles oder nichts. "Nicht jeder möchte beispielsweise, dass der Zahnarzt weiß, dass der Patient wegen einer Depression in Behandlung ist. Solche selektiven Datenschutzeinträge werden erst ab 2022 möglich sein", kritisiert Thorben Krumwiede. Auch wer dieses Jahr vorhat, die Krankenkasse zu wechseln, sollte vielleicht noch warten, seine elektronische Patientenakte zu befüllen. Denn die Speicherung der Daten ist aktuell an die jeweilige Krankenkasse gekoppelt und momentan noch nicht übertragbar.

Ärzte blicken mit Skepsis auf offiziellen Startschuss zum 1. Juli

Ob zum 1. Juli wirklich alle Ärzte und Zahnärzte in der Lage sein werden, die Patientenakte zu befüllen, ist jedoch fraglich. Um die technische Infrastruktur herzustellen, braucht es spezielle Konnektoren in der Arztpraxis, einen elektronischen Heilberufsausweis und die Einarbeitung in ein neues System. Die Sächsische Landesärztekammer beispielsweise ließ auf Nachfrage wissen, das zwar alle Ärzte gewillt sind, sich mit der Digitalisierung in ihrer Praxis auseinanderzusetzen, dass sie aber derzeit mit der Bewältigung der pandemischen Lage ausgelastet sind und nur wenig freie Kapazitäten dafür haben. Zudem sind viele Ärzte skeptisch, ob die Patienten, die ihre Akte in erster Linie selbst verwalten sollen, dazu auch technisch in der Lage sein werden.

Ein Arzt hält in der einen Hand einen aufgeschlagenen Impfausweis und in der anderen eine Impfspritze
Auch der Impfpass soll ab kommendem Jahr dann in der elektronischen Gesundheitsakte gespeichert werden können. Bildrechte: imago/Jochen Tack

Ab 2022 auch Speicherung des Impfpasses

Verschiedene Funktionen der elektronischen Patientenakte werden erst nach und freigeschaltet. So können ab 2022 auch der Impfpass, der Mutterpass, das Kinderuntersuchungsheft und das Zahnbonusheft in der ePA gespeichert werden. Später soll es auch die Möglichkeit geben, den Organspendeausweis zu hinterlegen.

Alle Daten werden verschlüsselt abgelegt und nur der Patient und die von ihm freigegebenen Mediziner haben Zugriff darauf. Die Krankenkasse hat dagegen keinen Zugang, sie stellt nur die technische Infrastruktur in Form der App.

Auch das E-Rezept kommt

In Zusammenhang mit der elektronischen Patientenakte wird auch das elektronische Rezept kommen. Ab dem 1. Juli 2021 wollen bundesweit alle Apotheken in der Lage sein, E-Rezepte zu verarbeiten. Hierbei erstellt der Arzt über seine Praxissoftware ein Rezept, das er kontaktlos auf das Smartphone des Patienten schicken kann. Der Patient muss dann gar nicht mehr in die Praxis kommen, um das Rezept abzuholen, zum Beispiel wenn es sich um ein regelmäßiges Folgerezept oder eine Verordnung aus einer Videosprechstunde handelt.

Das spart Wege und Zeit, auch beim Gang in die Apotheke. Denn dorthin kann das E-Rezept vorab geschickt und auf Verfügbarkeit geprüft – oder gleich nach Hause gebracht werden. "Patientinnen und Patienten ohne Smartphone müssen sich aber vorerst keine Sorgen machen“, gibt der Leipziger Apotheker Friedemann Schmidt Entwarnung. "Sie können sich nach wie vor beim Arzt das Rezept auch ausdrucken lassen und in der Apotheke wie gehabt vorzeigen." So sei auch sichergestellt, dass Patienten ohne Handy sicher an ihre Rezepte kommen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 08. April 2021 | 21:00 Uhr

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