Digitalisierung des Gesundheitswesens Ärzte müssen elektronische Patientenakte anbieten

Ab 1. Juli sollen alle Ärzte in Praxen elektronische Patientenakten anbieten können. Für Patienten ist dies ein freiwilliges Zusatzangebot, das schon 200.000 Versicherte nutzen. Wird das nun auch überall möglich sein?

Die elektronische Patientenakte (ePA) soll die Patientenversorgung von rund 70 Millionen gesetzlich Krankenversicherten auf ein neues Level heben. Sie ist die größte Neuerung im deutschen Gesundheitswesen der vergangenen Jahre. Ab 1. Juli soll sie von allen Ärzten in Praxen angeboten werden können. Für Krankenhäuser gibt es noch Aufschub: Dort muss die ePA ab 1. Januar 2022 nutzbar sein.

Digitale Speicherung und Übermittlung von Patienten-Daten

Laborwerte, EKG-Ergebnisse und Untersuchungsberichte – all das soll in der ePA digital erfasst und übermittelt werden können. Jeder behandelnde Arzt soll darauf zurückgreifen können. So können unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden und für den Notfall auch wohlmöglich lebensrettende Informationen über Vorerkrankungen vorliegen können.

ePA hat Testphase durchlaufen

"Die elektronische Patientenakte ist das Herzstück einer modernen digitalen Gesundheitsversorgung. Mit der ePA vernetzen wir alle an der Behandlung von Patienten Beteiligten und geben den Patienten ihre relevanten Daten an die Hand", sagte Dr. med. Markus Leyck Diecken dem MDR-Magazin "Hauptsache Gesund". Er ist Geschäftsführer der gematik GmbH aus Berlin, der nationalen Agentur für digitale Medizin. Diese wird einerseits vom Bundesgesundheitsministerium finanziert und andererseits von den Verbänden der Ärzte, Zahnärzte, Kliniken, Apothekern sowie Krankenversicherungen getragen.

Startschwierigkeiten dennoch zu erwarten

Allerdings muss Dr. Leyck Diecken die Hoffnungen von Ärzten und Patienten noch etwas dämpfen, dass pünktlich ab Stichtag 1. Juli alles perfekt funktioniert: "Trotz einer intensiven Testphase ist davon auszugehen, dass zu Beginn noch kleinere Anpassungen vorgenommen werden müssen. Lösungen müssen dann gemeinschaftlich und schnell entwickelt werden. Bei einem IT-Projekt dieser Größenordnung ist dies ein normaler Prozess, der dabei hilft, die ePA an die Bedürfnisse der Nutzer fortlaufend anzupassen."

Nach Angaben von aerzteblatt.de hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) mitgeteilt, dass "nahezu alle Praxen der niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten an die an die digitale Telematikinfrastruktur des Gesundheitswesens (TI) angeschlossen seien. Doch um darauf zugreifen zu können, sei noch ein Update vonnöten. Hier gäbe es Zeitverzüge. "So könnte es noch einige Zeit dauern, bis tatsächlich alle Arztpraxen die ePA befüllen können", so das Portal.

Noch fehlende Hardware

Auch bei pharmazeutische-zeitung.de heißt es: "E-Patientenakte startet mit technischen Problemen", weil die Hardware noch nicht auf dem neuesten Stand sei. Dort wird KBV-Sprecher Roland Stahl zitiert: "Gleiches gibt für die EPA-Anpassung der Praxisverwaltungssysteme (PVS) – auch hier sind nach unserem Stand noch nicht alle Anbieter zertifiziert."

Wenn die technischen Voraussetzungen zum Befüllen der ePA bis zum 1. Juli nicht gegeben sind, werden Ärzte dieser gesetzlichen Verpflichtung auch nicht nachkommen können.

200.000 Versicherte nutzen die ePA bereits

Bereits 200.000 Versicherte nutzen eine elektronische Patientenakte, sagt Leyck Diecken. Dies sei positiv zu werten angesichts der Tatsache, dass dies Angebot für Patienten kaum kommuniziert worden sei. Schritt für Schritt werden sich in den kommenden Monaten immer mehr Versicherte, Ärzte, Apotheker, Therapeuten und anderes medizinisches Fachpersonal mit der elektronischen Patientenakte vertraut machen", sagt er. So werde sich "das Potenzial und der Mehrwert schon bald für alle zeigen".

Kostenlose App über Krankenkassen als Grundlage

Die Krankenkassen stellen die ePA für ihre Kunden als kostenlose App bereit. Patienten konnten sich diese bereits seit Januar auf ihrem Smartphone oder einem Tablet installieren und sich mit ersten Funktionen vertraut machen. Das waren bisher lediglich ein Notfalldatensatz und ein Medikamentenplan.

ePA-Funktionen werden noch erweitert

Die Möglichkeiten der ePA werden bereits weiterentwickelt. Ab dem kommenden Jahr soll man auch den Impfpass, das Mutterschutzheft und das Zahnbonusheft einpflegen können. Und ab 2023 wird es zum Beispiel möglich sein, MRT- und CT-Bilder in die ePA zu laden.

Patient entscheidet über (Nicht-)Nutzung seiner Daten

Die Informationen zu den einzelnen Behandlungen werden in digitalen Umschlägen verwaltet. In manche Umschläge kann der Patient selbst Daten stecken, andere Umschläge befüllen die Ärzte. Jeden dieser Umschläge kann man dann einem Arzt für eine bestimmte Zeit freigeben oder versperrt lassen.

Will der Patient also beispielsweise nicht, dass der Zahnarzt lesen kann, dass er wegen Geschlechtskrankheiten in Behandlung ist, dann er diesen Umschlag verschließen. Die Krankenkassen haben gar keinen Zugriff auf die Daten. Die Hoheit über seine Daten bleibt also beim Patienten. Und das digitale Angebot der Patientenakte wird immer freiwillig bleiben.

Auch E-Rezept-App geht in Testphase

In einem Pilotprojekt wird ab sofort das elektronische Rezept per App im Praxisalltag erprobt – allerdings zunächst nur in der Modellregion Berlin-Brandenburg. Ziel ist es, wichtige praktische Erkenntnisse über das Zusammenspiel aller Komponenten zu sammeln, bevor die bundesweite Einführung des E-Rezepts am 1 Januar 2022 kommt.

 "Gesetzlich Versicherte können dann in der App E-Rezepte von der Ärztin oder dem Arzt empfangen und Informationen wie Hinweise zur Einnahme und Dosierung einsehen. Zum Einlösen eines E-Rezepts kann entweder der Rezeptcode in der App geöffnet und in der Apotheke vorgezeigt oder das Rezept bereits vorab an eine Apotheke übermittelt werden", zeigt sich Dr. Florian Hartge optimistisch. Er ist für die Produktionsprozesse der gematik GmbH verantwortlich, die die App entwickelt hat.

Friedemann Schmidt
Friedemann Schmidt ist Apotheker und Vorsitzender der Sächsischen Landesapothekerkammer. Er sieht das angepeilte Startdatum kritisch. Bildrechte: ABDA

Start am 1. Januar 2022 auch realisierbar?

Gespannt erwartet auch der Präsident der sächsischen Apothekerkammer Friedemann Schmidt die Ergebnisse der Testphase. "Viel wird jetzt davon abhängen, wie die Erprobung in Berlin-Brandenburg verläuft und welche Probleme dabei auftauchen. Ich persönlich glaube nicht an das verbindliche Startdatum 1. Januar 2022, zumindest nicht in allen Praxen und Apotheken in Deutschland. Die eRezept-App der Gematik, die jetzt zur Verfügung steht, ist ja nur eine von mehreren Voraussetzungen dafür."

Denn Voraussetzung hierfür ist ein NFC-fähiges Smartphone (also ein Smartphone mit einer kontaktlosen Schnittstelle) mit mindestens iOS 14- oder Android 7-Betriebssytem. Zur Anmeldung in der App ist eine elektronische Gesundheitskarte (eGK) notwendig, die NFC unterstützt (erkennbar an der sechsstelligen Zugangsnummer unter den Deutschland-Farben), und die dazugehörige PIN. Gesundheitskarte und PIN können Versicherte bei ihrer Krankenkasse bestellen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 01. Juli 2021 | 21:00 Uhr

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