"Droge Zucker" Eltern unterschätzen Zuckergehalt in Lebensmitteln

Der tägliche Zuckerverbrauch in Deutschland liegt bei 90 Gramm pro Person. Das ist fast doppelt so viel wie von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen. Hauptproblem ist künstlich zugesetzter Zucker in Lebensmitteln. Am Pranger steht vor allem die Nahrungsmittelindustrie - sie verhinderte bislang wirksame Maßnahmen zur Zuckerreduzierung. Beim 1. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel wurde nun über neue Anti-Zucker-Strategien beraten.

Fast alle Eltern unterschätzen den Zuckergehalt in Lebensmitteln. In einer Untersuchung des Max-Planck-Instituts zusammen mit der Universität Mannheim vermuteten 92 Prozent der Mütter und Väter in einem handelsüblichen 250-Gramm-Fruchtjoghurt etwa vier Zuckerwürfel als Zusatz. Tatsächlich sind jedoch elf Zuckerwürfel enthalten.  

Diese Fehleinschätzung gab es auch bei der Frage nach dem Zuckergehalt eines Müsliriegels: Statt geschätzter eineinhalb Stück enthält ein Riegel zweieinhalb Stück Zucker. Dieses Unwissen bei Joghurt und Müsliriegeln, die allgemein eher als eher "gesund" gelten, kann auf viele andere Lebensmittel übertragen werden.

Die Forscher ermittelten, je stärker die Eltern den Zuckergehalt unterschätzten, umso höher ist der Body-Mass-Index der Kinder. Die bislang unveröffentlichte Studie wurde auf dem 1. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel in Berlin vorgestellt. Dort diskutieren auf Initiative des AOK-Bundesverbandes Vertreter aus Politik, Industrie, Wissenschaft und Gesundheitsbranche über Wege, den Anteil von Zucker, aber auch von Salz und Fett in Lebensmitteln zu verringern.

Industrie blockiert Zuckerreduktion

Die Zahl der Übergewichtigen in Deutschland wächst. 18 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen sind übergewichtig oder gar adipös. Daher fordert AOK-Bundeschef Martin Litsch von Politik und Lebensmittelindustrie deutlich mehr Anstrengungen zur Zuckerreduktion und mehr Transparenz beim versteckten Zucker.

Litsch wirft der Lebensmittelindustrie vor, seit Jahren eine laienverständliche Lebensmittelkennzeichnung zu verhindern. Unterdessen verarbeite sie weiter unnötig viel Zucker in den Produkten und spreche flächendeckend gezielt Kinder mit Werbung für süße Produkte an.

Deutschland isst "zu süß"

Unter dem Motto "süß war gestern" startet die AOK deshalb eine nationale Kampagne zur Zuckerreduktion.

Litsch mahnt, Deutschland liege im europäischen Zuckerranking weit vorne. Beinahe jedes fünfte Kind sei übergewichtig - Tendenz steigend. Übergewicht wiederum sei der entscheidende Risikofaktor für Diabetes, Bluthochdruck und Kreislauferkrankungen.

Insgesamt verursachen demnach ernährungsbedingte Krankheiten in Deutschland jährlich Kosten von rund 70 Milliarden Euro. Die AOK werde deshalb mit Partnern eine Allianz zur Zuckerreduktion starten, um nach dem Vorbild Großbritanniens endlich verbindlichen Abmachungen und wirksame Maßnahmen durchzusetzen.

Gigantischer Werbeetat für Süßes

Auch Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes Gesellschaft, kritisiert: "Die Strategie der Politik, an den Einzelnen zu appellieren, sich gesund zu ernähren und Übergewicht zu vermeiden, ist wirkungslos geblieben." Das liege vor allem am geänderten Konsumverhalten. Fastfood und Snacks gebe es rund um die Uhr an jeder Ecke.

Garlichs zufolge gibt die Industrie für Süßwaren hundertmal mehr Werbegeld aus als für Obst und Gemüse. Auch für Information und Aufklärung zu den Risiken durch Zucker stehe nicht einmal ein Prozent der Süßwarenwerbung zur Verfügung. Garlichs beklagt, während Gurt- und Helmpflicht problemlos akzeptiert würden, setzten sich Regeln zur Gefahrenabwehr von Fettleibigkeit und Diabetes nur schwer durch.

Den kürzlich vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vorgelegten Entwurf einer "Nationalen Strategie für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten" bewertet Garlichs skeptisch. Kurz vor Ende der Legislatur komme diese Ansage reichlich spät und sei überwiegend unverbindlich. Auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie könne man sich nicht verlassen. Das zeigten Erfahrungen auf EU-Ebene.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: RADIO | 28.06.2017 | ab 13:00 Uhr

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