Tipps einer Umweltmedizinerin So vermeiden Sie Schimmel und Schadstoffe in Wohnräumen

Viele verbringen den Großteil ihres Lebens in Innenräumen. Wie man Gesundheitsgefahren durch Schimmelpilze oder Möbelausdünstungen vermeidet, erklärt hier Umweltmedizinerin Professorin Iris Chaberny.

Eine Hand in Gummihandschuhen sprüht ein Anti-Schimmel-Mittel an eine von Schimmel befallene Wand.
Schimmelpilze in der Wohnung sind ein Gesundheitsrisiko, denn sie belasten die Atemwege und können sogar zu Asthma führen. Bildrechte: imago/Streiflicht-Pressefoto

Interview mit Umweltmedizinerin Professorin Iris Chaberny

Schimmel in der Wohnung kann krank machen, wenn man ihm länger ausgesetzt ist. Was sind mögliche Symptome oder Erkrankungen?

Iris Chaberny: Schimmelpilzwachstum im Innenraum ist generell als Gesundheitsrisiko zu betrachten. Die Auswirkungen sind abhängig von der gesundheitlichen Situation der Betroffenen und vom Ausmaß des Schimmelpilzbefalls. Epidemiologische Studien konnten zeigen, dass Schimmelpilzbefall und erhöhte Feuchtigkeit in Innenräumen mit einem erhöhten Risiko für Atemwegserkrankungen sowie für eine Entwicklung und Verschlimmerung von Asthmasymptomen assoziiert ist. Vor allem Kinder sind davon betroffen. Auch Personen unter Immunsuppression oder mit Mukoviszidose sind besonders gefährdet. Darüber hinaus bestehen Zusammenhänge mit Atemwegsinfektionen, keuchenden oder pfeifenden Atemgeräuschen, Augen-, Nasen- und Rachenreizungen, trockenem Husten und Müdigkeit. Ein kausaler Zusammenhang kann allerdings im Einzelfall nicht zweifelsfrei hergestellt werden.

Prof. Iris Chaberny
Professorin Iris Chaberny ist Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin am Uniklinikum Leipzig. Bildrechte: Uniklinikum Leipzig

Großflächigem Schimmel muss ein Fachmann beseitigen. Kleine Schimmelecken, zum Beispiel in der Dusche, kann man selbst bekämpfen. Holt man sich mit chemischen Putzmitteln neues Ungemach ins Haus?

Iris Chaberny: Bei der Bekämpfung von Schimmelpilzen steht an erster Stelle die Identifikation und Beseitigung der Ursache für die erhöhte Feuchtigkeit, zum Beispiel ein Wasserschaden, bauliche oder nutzungsbedingte Mängel. Schimmelpilze mit geringerem Umfang, also weniger als ein halber Quadratmeter und nur oberflächlicher Befall mit bekannter Ursache, kann von Betroffenen selbst beseitigt werden. Dabei sollte man auf eine persönliche Schutzausrüstung wie Handschuhe, Schutzbrille und FFP-Maske achten. Glatte Oberflächen, wie Fliesen oder Fliesenfugen, können mit Wasser und einem haushaltüblichen Reiniger abgewaschen werden. Poröse Oberflächen, wie beispielsweise verputzte Wände, können mit alkoholischen Reinigern (hochprozentig, mindestens 80 %) kleinflächig behandelt werden. Diese Mittel stellen bei sachgerechter kleinflächiger Anwendung unter starkem Lüften kein unmittelbares Gesundheitsrisiko dar und sind wirksam. Auf chlorhaltige Mittel oder Wasserstoffperoxid kann daher verzichtet werden, da von diesen Gefahrstoffen ein gewisses Gesundheitsrisiko ausgeht.

Möbel oder Teppiche können dauerhaft Schadstoffe ausdünsten, die Kopfschmerzen machen oder die Atemwege reizen. Was sind das für Stoffe?

Iris Chaberny: Vor allem Formaldehyd aus Holzwerkstoffen, Möbeln und Bodenbelägen hat in der Vergangenheit große Aufmerksamkeit erhalten und gehört zu den sogenannten "CMR-Stoffen", die zu den krebserzeugenden, erbgutverändernden und fruchtbarkeitsgefährdenden Stoffen zählen. 2015 wurde Formaldehyd in die Kategorie 1B "wahrscheinlich karzinogen beim Menschen" eingestuft. Karzinogen heißt krebserregend. Des Weiteren können aus Möbeln und Teppichböden sogenannte VOC, flüchtige organische Verbindungen, in die Raumluft freigesetzt werden. Zu diesen Verbindungen gehören eine Reihe von Stoffklassen, wie beispielsweise Alkane, Aromaten, Alkohole, Terpene und organische Säuren. In der Raumluft können bis zu 1.000 Einzelverbindungen der VOC nachgewiesen werden.

Ist also alles gut, wenn man Naturholzmöbel kauft?

Iris Chaberny: Ja und Nein. Einerseits sind Naturholzmöbel in der Regel nicht mit Klebstoffen oder Lösungsmitteln behandelt. Anderseits werden von Naturholzmöbeln Terpene als natürliche Bestandteile von Holzprodukten an die Raumluft abgegeben, welche bei entsprechend vorbelasteten Personen allergisierende Eigenschaften aufweisen können. Das Gütesiegel Blauer Engel bietet für Verbraucher einen Anhaltspunkt, dass Möbelstücke nachhaltig produziert werden und keine bedenklichen Substanzen für die menschliche Gesundheit enthalten.

Neue Häuser werden heute gut gedämmt und möglichst umweltfreundlich gebaut. Heißt das gleichzeitig, man wohnt besonders gesund?

Iris Chaberny: Nein, gerade durch den vermehrten Fokus auf die Energieeffizienz von Gebäuden kommt es zu einer verstärkten Isolierung von Innenräumen gegenüber ihrer Umwelt. Dies wiederum führt zu einer geringeren Luftwechselrate und dadurch können die Schadstoffe in Innenräumen akkumulieren. Daher ist es wichtig, mehrmals täglich für circa fünf bis zehn Minuten bei weit geöffneten Fenster zu lüften.

Pflanzen wie die Grünlilie sollen nicht nur das Raumklima verbessern, sondern auch Schadstoffe wie Formaldehyd absorbieren. Was ist da dran?

Iris Chaberny: Ja, in begrenzten Umfang können Zimmerpflanzen wie die Grünlinie Schadstoffe aus der Raumluft filtern. Allerdings können hiermit weder belastete Innenräume gereinigt werden, noch ersetzen Zimmerpflanzen eine adäquate Fensterlüftung. Dafür wären mehrere tausend Zimmerpflanzen pro Quadratmeter nötig.

Mehr Pflanzen oder gar ein Zimmerspringbrunnen bringen mehr Feuchtigkeit in Innenräume. Fördert das nicht wiederum die Schimmelbildung?

Rund 80 Prozent des Gießwassers der Zimmerpflanzen wird als Luftfeuchtigkeit an den Raum abgegeben. Dies hat gerade in der kalten Jahreszeit den positiven Effekt, dass die trockene Heizungsluft befeuchtet wird und ein angenehmes Innenraumklima herrscht. Allerdings muss übermäßige Luftfeuchtigkeit durch regelmäßiges Lüften abtransportiert werden, da eine erhöhte Luftfeuchtigkeit auf Dauer an Materialoberflächen kondensiert und das Schimmelpilzwachstum begünstigt. Ein Indikator für ungünstige, raumklimatische Verhältnisse ist eine Schimmelpilzbildung auf der Pflanzenerde. Abhilfe kann hier Tongranulat als Substrat für Zimmerpflanzen schaffen, da an den anorganischen Substraten ein Schimmelpilzwachstum deutlich seltener auftritt.

Tipps: So lüften Sie richtig

Frische Luft verhindert die Bildung von Schimmel in Innenräumen. So lüften Sie richtig, ohne zu viel Heizenergie zu verschwenden:

  • Öffnen Sie am besten gegenüberliegende Fenster und sorgen Sie täglich fünf bis zehn Minuten für Durchzug.
  • Lüften Sie immer, wenn beim Kochen oder Duschen Wasserdampf entsteht.
  • Öffnen Sie immer ein Fenster, wenn Sie mit geruchsintensiven Stoffen arbeiten wie Lösungsmittel, Farbe oder Nagellack.
  • Dauerhaft angekippte Fenster bringen wenig Luftaustausch. Besser ist es, das Fenster kurz komplett zu öffnen.
  • Das Schlafzimmer sollte vor dem Zubettgehen ordentlich durchgelüftet werden.
  • Lüften Sie auch selten genutzte Räume regelmäßig.

Infos zur Expertin Professorin Iris Chaberny ist Fachärztin für Hygiene und Umweltmedizin am Uniklinikum Leipzig.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 09. September 2021 | 21:00 Uhr

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