Gender-Medizin "Männer brauchen drastischere Bilder, damit sie zur Vorsorge-Untersuchung gehen"

Männer sterben häufiger an Herzinfarkten und Frauen haben lange Zeit die falschen Medikamente bekommen. Trotz Hochleistungsmedizin wird bei der Versorgung in Deutschland noch immer zu wenig zwischen den Geschlechtern differenziert. Diesen Schluss zieht die Medizinerin und Gesundheitsökonomin Dr. Ursula Marschall von der Barmer. Im Interview erklärt sie, warum die Gendermedizin wichtig ist, um den Menschen wirksamer helfen zu können. Sie ist am 13. Juni zu Gast bei "Fakt ist!" im MDR FERNSEHEN.

Ursula Marschall
Dr. Ursula Marschall von der Barmer spricht sich dafür aus, die medizinische Versorgung noch besser nach den individuellen Bedürfnissen von Männern und Frauen auszurichten. Bildrechte: Foto: BARMER

Frau Dr. Marschall, während es beim Gendern in der Sprache darum geht, die Geschlechter gleich zu behandeln, treten Sie in der Gender-Medizin für eine Ungleichbehandlung ein. Warum ist es wichtig, zu differenzieren?

Ursula Marschall: Das hängt mit den medizinischen Erkenntnissen der vergangenen Jahrzehnte zusammen. Während beispielsweise Männer wegen Herzinfarkten im Schnitt fünf Jahre eher sterben, haben Frauen aufgrund spezieller Hormonveränderungen eine Art Schutz vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie bekommen zwar auch Herzinfarkte, aber deutlich seltener.

Anders ist das beim Lungenkrebs. Da haben wir bisher gedacht, dass er überwiegend Männer betrifft, weil er mit dem Rauchen zu tun hat. Das stimmt aber heutzutage nicht mehr. Der Lungenkrebs wird wegen einer bestimmten Krebsmutation weiblich. Deshalb bekommen im Augenblick mehr Frauen Lungenkrebs als Männer.

Seit wann gibt es die Erkenntnis, dass in der Medizin individuell zwischen den Geschlechtern unterschieden werden sollte?

Das Wissen an sich gibt es schon lange. Allerdings war das früher überwiegend Expertenwissen, das sich nicht wirklich verbreitet und auf die Strukturen ausgewirkt hat. Wo es bereits seit reichlich zehn Jahren eine Veränderung gegeben hat, ist die Medikamentenentwicklung. Dort gab es lange das Problem, dass ein Patient, bei dem ein Medikament innerhalb einer Studie getestet wurde, kein anderes Medikament nebenbei einnehmen durfte.

Frauen, die die Pille nehmen, waren damit von vornherein ausgeschlossen. Das hatte die Folge, dass Medikamente vor allem auf die Bedürfnisse der Männer abgestimmt wurden. Inzwischen hat sich das zum Glück gewandelt, da die entsprechende Vorschrift geändert wurde.

Welche Rolle spielen die Strukturen im Gesundheitswesen?

Das ist ein wichtiger Punkt. Blickt man in der Geschichte zurück, erkennt man, dass es in der Medizin kaum weibliche Ärzte gab. Noch Anfang der 1980er-Jahre, als ich studiert habe, sagte mein Professor zu mir: Frauen gehören an den Herd, nicht in den Hörsaal. Da hat sich inzwischen einiges verändert. Im Medizinstudium gibt es zwei Drittel Frauen und auch in den Krankenhäusern hat die Zahl der Chefärztinnen zugenommen.

Wie lassen sich die gewonnenen Erkenntnisse im Alltag verankern?

Ein gutes Beispiel ist die Vorsorge. Wenn wir als Krankenkasse dafür werben, wissen wir mittlerweile, dass Männer drastischere Bilder und eine andere Wortwahl brauchen, um sich überhaupt um einen Arzttermin zu bemühen. Banal gesagt ist es so, dass Frauen zur Vorsorge und Männer eher zur Reparatur gehen. Darauf müssen wir reagieren.

Allerdings gibt es auch bei Frauen Informationsbedarf. Wenn der Verdacht auf einen Herzinfarkt besteht, rufen sie oft später den Krankenwagen als Männer, weil sie sich noch um ihre Familie sorgen: Ist die Wäsche raus aus der Waschmaschine? Ist der Mann mit Essen versorgt? Dann erst kümmern sie sich um sich selbst.

Wir leben in Zeiten der Digitalisierung. Wie können Daten genutzt werden, um die Situation zu verbessern?

Bei den Daten aus dem Gesundheitswesen müssen wir noch mehr nach Männern und Frauen auswerten. Wir haben in Deutschland keine Versorgung, die von Hamburg bis nach München und vom Osten bis zum Westen gleich ist. Daher müssen wir erstmal wissen: Wo liegen denn mögliche Unterschiede? Erst dann können wir Strukturen weiter anpassen.

Infos zum Experten Dr. Ursula Marschall ist Medizinerin und Gesundheitsökonomin. Seit 2007 leitet sie am Institut für Gesundheitssystemforschung der Krankenkasse Barmer den Bereich Medizin und Versorgungsforschung.

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MDR (sth)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Fakt ist! | 13. Juni 2022 | 22:10 Uhr

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