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Pro Jahr sterben 66.000 Menschen in Deutschland am plötzlichen Herztod. Bildrechte: colourbox

Plötzlicher Herztod

Wie groß ist die Gefahr und was ist zu tun?

von Thomas Becker, MDR THÜRINGEN

Stand: 14. Juni 2021, 23:03 Uhr

Nach dem Schreckmoment bei der EM um den dänischen Nationalspieler Christian Eriksen fragt sich nicht nur die Fußball-Welt, wie kann das bei der nahezu flächendeckenden Überwachung der Profis passieren? Und welche Überlebenschance haben Amateursportler und wir alle im Alltag? Wo ist der nächste lebensrettende Defibrillator und wie wird der richtig angewandt?

Der Schock saß tief, vor einem Millionenpublikum ging es plötzlich nicht mehr um die wichtigste Nebensache der Welt, sondern um die Hauptsache, das Leben. Wir nehmen Profifußballer oft nur als Profis wahr, die funktionieren müssen, die Ziele haben, eine Karriere und viel Geld. Aber auch sie sind nur Menschen, die verletzlich sind und trotz aller Checks und wissenschaftlicher Begleitung gibt es ein Restrisiko, gerade für das Herz.

Auch die beste Screening-Untersuchung ist nicht perfekt, sodass dennoch solche Dinge passieren können. Deshalb gibt es dann die zweite Linie der Vorbeugung und das ist die Präsenz der Notärzte am Spielfeldrand.

Prof. Tim Meyer, DFB-Mannschaftsarzt

Mehrere Zehntausend Menschen sterben in Deutschland an plötzlichem Herztod

Beides fehlt beim Amateursport meistens gänzlich und im normalen Leben ebenso. Die Deutsche Herzstiftung geht von 66.000 Menschen aus, die in Deutschland pro Jahr am plötzlichen Herztod sterben. Andere Schätzungen sprechen von 100.000 Menschen. Es gibt Risikofaktoren, die wir alle schon einmal gehört haben: Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen (hohes Cholesterin), Herzklappenerkrankungen oder angeborene Herzfehler. Auch eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) kann ein Auslöser sein, diese Erkrankung wird wiederum durch Viren, Bakterien, Pilze, aber auch durch Giftstoffe wie Kokain verursacht.

Natürlich lassen sich nicht alle Fälle des plötzlichen Herztods verhindern, aber ein bedeutender Teil, wenn wie bei Christian Eriksen alles richtig gemacht wird. Er hatte das Glück, dass auch medizinische Profis im Stadion waren, die fachgerecht eine Wiederbelebung durchgeführt haben. Hier kam auch ein Defibrillator zum Einsatz, der letztlich das Herz wieder zum Schlagen bringt.

17 Minuten bis der Notarzt kommt

Bis ein Defibrillator verfügbar ist, sei es zum Beispiel durch einen Notarzt, ist es wichtig, der Kreislauf "extern" im Betrieb zu halten. Denn wenn kein Sauerstoff zum Hirn gelangt, entstehen schon nach drei Minuten irreparable Schäden und mit jeder weiteren Minute werden es mehr, nach 10 Minuten kommt jede Rettung zu spät. Zum Vergleich: Die Hilfsfrist vom Eingang der Notfallmeldung in der Leitstelle bis zum Eintreffen am Notfallort beträgt je nach Bundesland zwischen 8 und 17 Minuten, der höchste Wert trägt die Thüringer Landesfarben und meint laut §10 Thüringer Rettungsdienstgesetz "dünn besiedelte Regionen".

Was muss ich tun, bis der Arzt kommt?

Ohne Ersthelfer, die bis zum Eintreffen und im Rhythmus von "Atemlos" von Helene Fischer 120 Mal pro Minute kräftig auf den Brustkorb drücken, hat der Betroffene also keine Überlebenschance. Diese steigt natürlich mit jeder Minute, in der ein Defibrillator früher verfügbar ist, weil er mittels elektrischer Stimulation das Herz wieder zum Schlagen bringt. Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Denn es gibt mittlerweile die sogenannten automatisierten externen Defibrillatoren (AED) für Laien. Diese sollten nach dem Muster vorgehen:

  1. Prüfen (Vitalfunktionen Herz + Atmung)
  2. Anrufen (112)
  3. Drücken (120 Mal pro Minute)
  4. Währenddessen sollte ein zweiter Helfer irgendwo einen AED auftreiben

Hier die Berührungsangst zu überwinden und die Wissenslücken seit der DRK-Schulung zu tilgen, ist auch eine Forderung des Thüringer Gesundheitsministeriums an uns alle: Es geht konkret um Erste-Hilfe-Lehrgänge und entsprechende Auffrischungslehrgänge, für die wir uns alle mal wieder Zeit nehmen sollten. Denn unser rudimentäres Altwissen ist längst überholt.

Die neuen Leitlinien des Europäischen Rats für Wiederbelebung sagen, dass die Herzdruckmassage das wichtigere Thema ist und Laien, die nicht in der Lage sind professionell Atemspenden zu geben, machen eher viel falsch. Die Zeit, in der das Herz nicht weiter Blut zum Hirn pumpen kann, muss gering gehalten werden und deswegen empfehlen die Leitlinien: Pumpen ist das Allerwichtigste und auf Atemspende kann von Laien auch verzichtet werden!

Friedrich Nölle, Definetz

Woher bekomme ich einen Defibrillator?

Das Grundproblem beschreibt das Thüringer Gesundheitsministerium in seiner schriftlichen Stellungnahme. Der Einsatz solcher Defibrillatoren ist nämlich nach medizinproduktrechtlichen Vorschriften nicht anzeigepflichtig. Das bedeutet: Selbst wenn ein Gerät vorhanden ist, muss es erstmal gefunden werden. Dafür engagiert sich der Verein Definetz, der ein Kataster führt und bereits 33.000 solcher Standorte in seiner Karte verzeichnet hat.

Thüringen ist Schlusslicht

Thüringen gehört in dieser Auflistung zu den Schlusslichtern in Deutschland. Angepeilt ist eigentlich ein Defibrillator pro 1.000 Einwohner, bei uns in Thüringen teilen sich mehr als 6.000 Menschen einen solchen Lebensretter, das bedeutet: Die Wege zu einem AED sind viel zu lang und das auch besonders wieder im ländlichen Bereich, wo auch schon der Krankenwagen länger braucht als anderswo. Während Erfurt zum Beispiel in einigen Supermärkten, Ministerien und anderen öffentlichen Gebäuden ganz gut versorgt ist, gibt es in den meisten Landgemeinden kein Gerät und wenn, weiß es niemand. Deshalb die Definetz-Forderung: Macht das öffentlich, wo die AED hängen und sorgt dafür, dass die Menschen auch geschult werden.

Hierfür wäre ganz sicher ein kleiner Kraftakt nötig, bei dem man aber nicht auf "die da oben" warten muss. Die nächste Einwohnerversammlung tut es auch, um das Thema einmal auf die Tagesordnung zu setzen. Und theoretisch kann jeder Sportverein, jede Gemeinde, die Feuerwehr, die Kirche usw. Anbringungsort für einen Defi-Kasten sein und die Kosten halten sich auch im Rahmen. Bei einer Art Leasing beginnen die Preise bei 30 bis 35 Euro im Monat, das ist eigentlich keine Größenordnung, an der Lebensrettung scheitern darf. Der Verein Definetz nennt Beispiele, wo sich 10 Mietparteien eines Wohnhauses gemeinsam einen AED angeschafft haben, das macht nicht einmal 4 Euro im Monat für jeden. Angst vor der Anwendung muss auch niemand haben. Auch nicht, wenn die Ersthelferdiagnose fehlschlägt und das Herz doch noch schlägt.

Da passiert gar nichts, denn ein Defibrillator prüft zuerst, ob noch Herzfunktion vorhanden ist und nur wenn nicht, schockt das Gerät. Falsch machen kann man dabei nichts.

Friedrich Nölle, Definetz

Die Fehler passieren an ganz anderen Stellen. Oftmals in der Kommunikation oder der Zugänglichkeit. Viele große Einrichtungen wie Betriebe beispielsweise haben ein solches Gerät, das sich aber unerkannt zum Beispiel auf dem Betriebsgelände befindet. Das nützt nichts, wenn außerhalb ein Notfall eintritt. Auch dass viele Banken in ihren Vorräumen nicht nur Geldautomaten und Kontoauszugdrucker vorhalten, sondern eben auch Defibrillatoren, das ist kaum bekannt. Vielleicht kann der Fall Christian Eriksen helfen, ein neues Bewusstsein zu schaffen. 

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. Juni 2021 | 15:20 Uhr