Varizella zoster Gürtelrose: Wenn Erreger erneut erwachen

Eine Windpocken-Erkrankung im Kindesalter verläuft meist glimpflich. Doch die Erreger verstecken sich nach dem Abheilen der Windpocken im Körper und können in späteren Lebensjahrzehnten erneut aktiv werden. Dann lösen sie eine schmerzhafte Gürtelrose aus.

Gürtelrose
Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Viele von uns kennen die Windpocken aus eigener Erfahrung. Sie sind extrem ansteckend und extrem lästig. Die meisten Infektionen erfolgen im Alter zwischen vier und acht Jahren. Über den ganzen Körper verbreitet sich ein rötlicher Hautausschlag, begleitet von unerträglichem Juckreiz. Werden die Bläschen aufgekratzt, können Narben verbleiben. Glücklicherweise verläuft die Erkrankung in der Regel glimpflich. Doch für Neugeborene können die Windpocken lebensbedrohlich sein und auch bei Jugendlichen und Erwachsenen wird die Erkrankung nicht selten von ernsteren Komplikationen begleitet.

Seit einigen Jahren gibt es eine Schutzimpfung gegen Windpocken. Für die effektive Immunisierung sind zwei Impftermine nötig. Die Erkrankungszahlen sanken dadurch deutlich. Nach Auskunft des Robert Koch-Instituts gab es 2004 noch etwa 750.000 Windpockenerkrankungen pro Jahr, 2019 waren es nur noch 22.678.

Varizella zoster: Das Virus, das zwei Mal angreift

Windpocken
Windpocken verlaufen bei Kindern in der Regeln ohne Komplikationen. Bildrechte: imago images / Schöning

Verantwortlich für die Windpocken ist ein Virus namens Varizella zoster. Dieser Erreger hat eine Besonderheit: Nach dem Abheilen der Windpocken verschwinden die Viren nicht ganz, sondern ziehen sich in Nervenzellhaufen im Bereich der Wirbelsäule zurück. Dort bleiben sie über Jahre und Jahrzehnte lebensfähig. Gegen ein gesundes und aktives Immunsystem sind die Viren in der Regel machtlos, doch unter bestimmten Bedingungen werden die Erreger aktiviert. Verantwortlich dafür kann eine altersbedingte Immunschwäche, aber auch eine schwere Grunderkrankung wie zum Beispiel Krebs sein. Auch bestimmte immunhemmende Therapien können dazu führen, dass die Viren aus ihrer Ruhe erwachen.

Diese erneute Aktivierung äußert sich dann in einer Erkrankung, die allgemein als Gürtelrose oder Herpes zoster bekannt ist. Das Virus ist also verantwortlich für zwei verschiedene Krankheitsbilder.

Wie sieht eine Gürtelrose aus?

Bei einem Ausbruch der Krankheit wandern die Viren von ihrem Rückzugsort die Nerven entlang an die Haut. Dabei treten die typischen Bläschen auf, die an ein Band erinnern oder, wenn beide Körperseiten betroffen sind, an einen Gürtel. Wo diese Krankheitszeichen erscheinen, hängt davon ab, wo am Rückenmark die Viren sich zuvor eingenistet hatten. Befand sich ihr Rückzugsort etwa in den Nervenwurzeln in Höhe des Brustkorbs, sind die entsprechenden Hautareale am Brustkorb betroffen.

Gürtelrose
Nicht immer bildet sich bei einer Gürtelrose ein Bläschenausschlag. Bildrechte: imago/Gerhard Leber

Die Erkrankung beginnt meist mit einem allgemeinen Krankheitsgefühl und lokalen, brennenden Schmerzen. Je nach betroffener Körperregion können diese Schmerzen mit jenen einer Gallenblasenentzündung, eines Herzinfarkts oder einer Augenerkrankung verwechselt werden. Häufig folgt dann der Bläschenausschlag. Bei manchen Betroffenen kann dieser aber auch fehlen, was die Diagnose erschwert, wie der Neurologe Dr. Rolf Malessa vom Klinikum Weimar erklärt: "Besonders häufig ist die Gürtelrose im Bereich des Brustkorbes, in zunehmendem Alter häufig auch im Kopfbereich oder als Rücken-Bein-Schmerz, wo er mit einem Bandscheibenvorfall verwechselt werden kann."

Die Viren können, wenn ihre Verbreitung nicht sofort gebremst wird, die befallenen Nervenfasern zerstören. Die Folge sind lang andauernde schwere Schmerzen. Mediziner nennen das eine Post-Zoster-Neuralgie. Betroffen von einer Gürtelrose-Erkrankung sind vor allem Menschen nach dem 50. Lebensjahr, mit jedem weiteren Lebensjahrzehnt mehr steigt auch das Risiko einer Post-Zoster-Neuralgie, wie Dr. Rolf Malessa sagt: "Bei jüngeren Menschen heilt die Gürtelrose fast immer folgenlos aus. Bei älteren bleiben oft diese Vernarbungen in den Nerven. Ein einzelner Zoster reicht aus, um Ihnen anschließend das Leben zur Hölle zu machen.

Neben den schweren Schmerzen können durch eine Gürtelrose aber noch weitere Komplikationen auftreten. Dazu zählen Lähmungen, Funktionsstörungen der Blase, Gefäßentzündungen bis hin zum Schlaganfall.

Wie wird behandelt?

der Neurologe Dr. Rolf Malessa
Dr. Rolf Malessa Bildrechte: MDR

Mit einer systemischen antiviralen Therapie sollen die Erreger zunächst an ihrer Verbreitung gehemmt werden. Zugleich wird der Akutschmerz bekämpft. Außerdem wird durch die Behandlung versucht, dem drohenden Dauerschmerz einer Post-Zoster-Neuralgie vorzubeugen. Das kann mit Lidocain-Pflastern geschehen oder Pflastern mit hoch dosiertem Capsaicin, dem Wirkstoff aus Paprika- bzw. Chili-Schoten. Dr. Rolf Malessa hat bei der Behandlung seiner Patienten am Klinikum Weimar auch gute Erfahrungen mit einer Capsaicin-Salbe gesammelt.

Hoffnungsträger Gürtelrose-Impfung

Seit 2013 gibt es einen Lebend-Impfstoff gegen Gürtelrose, seit 2018 einen Totimpfstoff. Letzterer wird von der STIKO, der Ständigen Impfkommission, für alle Personen über 60 Jahren empfohlen. Auch Menschen, die über 50 sind und aufgrund eines geschwächten Immunsystems oder infolge von bestimmten Vorerkrankungen ein höheres Risiko haben, wird diese Impfung angeraten. Seit Mai 2019 ist die Impfung Kassenleistung. Tatsächlich ist die Wirksamkeit dieser Immunisierung sehr hoch – der Schutz vor einer Gürtelrose-Erkrankung beträgt etwa 90 Prozent. Zudem wird die Gefahr von Post-Zoster-Neuralgien deutlich reduziert.

Auch Menschen, die schon eine Gürtelrose durchgemacht haben, können sich impfen lassen, um das Auftreten weiterer Erkrankungen zu verhindern. Voraussetzung ist, dass zunächst alle Symptome abgeklungen sind. Allerdings beobachten Mediziner, dass durch die Impfung vereinzelt auch neue Reaktivierungen angestoßen werden.

Viele Menschen, die sich mit einer Impfung vor einer Gürtelrose-Erkrankung schützen wollten, erlebten im letzten Jahr jedoch eine Enttäuschung. Denn der Hersteller des Impfstoffs (Markenname Shingrix) konnte die große Nachfrage nicht bedienen. Immer wieder kam es zu Engpässen. Manche Patienten bekamen nur die erste der beiden nötigen Dosen. Auch aktuell sieht das nicht anders aus: Immer wieder werden Nachschubprobleme mit dem Impfstoff gemeldet, momentan gilt er als "begrenzt verfügbar". Mit dem alternativen Lebend-Impfstoff (Markenname Zostavax) sieht es leider nicht besser aus. Frühestens im September soll sich bei diesem Präparat die Situation entspannen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 11. Juni 2020 | 21:00 Uhr

Ein Angebot von

Mehr Gesundheit

Weitere Ratgeber-Themen

Ein Geschwindigkeitsmeßgerät löst vor einer Schule in Wendelstein bei einem Auto aus. 4 min
Bildrechte: dpa