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Die Uni Essen erforschte mit einem Erdbeermilch-Lavendelöl-Getränk den Zusammenhang von Geschmack und einer Placebo-Wirkung. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Medizin

Der Placebo-Effekt - eine "innere Apotheke"

Stand: 28. August 2020, 10:18 Uhr

Mediziner forschen derzeit daran, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu nutzen, um die Wirkung von Medikamenten zu verbessern. Der Geschmack eines Arzneimittels spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Auch die Wirkung von Schmerzmitteln wird durch den Placebo-Effekt positiv verstärkt. Rein physiologisch brauche der Wirkstoff einer Schmerztablette etwa eine halbe Stunde, bis er die vorgesehenen Rezeptoren im Körper erreicht habe und seine Wirkung entfalten kann, erklärt Neurologin Ulrike Bingel vom Universitätsklinikum Essen. Tatsächlich wirkten Schmerzmedikamente bei den meisten Menschen aber erheblich schneller, oft bereits nach zehn Minuten.

Erfahrungen als Grundlage für den Placebo-Effekt

Die schmerzlindernde Wirkung von Medikamenten sei also nicht allein auf den darin enthaltenden Wirkstoff zurückzuführen, sondern auch auf die positive Erfahrung, dass Schmerzmittel normalerweise Schmerzen lindern. Weil der Patient das weiß, schüttet sein Organismus körpereigene Botenstoffe aus, die ähnlich wirken, wie der von außen zugeführte körperfremde Wirkstoff. Solche körpereigenen Stoffe seien teileweise schon identifiziert worden. Sie ähneln in ihrer chemischen Zusammensetzung bekannten Opioiden, also dem Morphium vergleichbaren Substanzen.

Übrigens könne bereits durch ein vertrauensvolles Arzt-Patienten-Gespräch ein Placebo-Effekt ausgelöst werden. Die positive Erfahrung, dass ein Arzt normalerweise das Wissen und die Fähigkeiten besitzt, Krankheitszeichen richtig zu deuten und sinnvoll dagegen zu intervenieren, löse körpereigene Heilungskräfte aus.

Placebo muss einen unverwechselbaren Geschmack haben

Am Essener Institut für klinische Neurowissenschaften wurde eine Studie durchgeführt, die belegt, dass auch ein bestimmter Geschmacksreiz einen Placebo-Effekt begünstigen kann. Versuchsleiter Prof. Manfred Schedlowski hatte hierfür ein Getränk aus Erdbeermilch und Lavendelöl kreiert. Durch Lebensmittelfarbe bekam es dazu ein außergewöhnliches giftgrünes Aussehen.

Er arbeitete mit Probanden, die Medikamente erhielten, die das körpereigene Immunsystem unterdrücken. Das ist zum Beispiel nach Organtransplantationen notwendig, damit der Körper das fremde Organ nicht abstößt. Solche Arzneimittel haben allerdings heftige Nebenwirkungen. Sie stehen im Verdacht, Hautkrebs auszulösen. Daher war das Ziel, die Dosis der Arzneimittel und damit die gefährlichen Nebenwirkungen zu reduzieren.

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Placebo als Medizin

Immunkonditionierung ermöglicht Verringerung von Medikamentengaben

"Das Besondere daran ist, dass es ganz besonders aussieht und auch ganz besonders schmeckt. Weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass diese Immunkonditionierung tatsächlich nur funktioniert, wenn dieser Geschmacksreiz wirklich ganz neu ist", erklärt der Mediziner. Die Probanden tranken das Getränk, bevor sie die echte Medizin, die auch Nebenwirkungen hat, einnahmen. Der Körper verband dann den Geschmack des grünen Getränks mit der Unterdrückung der Immunaktivität. Später tranken die Probanden nur noch das grüne Getränk.

"Der Körper verbindet den Geschmack des Placebos allmählich mit der Unterdrückung der Immunaktivität. Diesen Prozess nennt man Konditionierung", erklärt Prof. Manfred Schedlowski. "Hat der Organismus die Verknüpfung erlernt, löst allein das Placebo ein Herunterfahren des Immunsystems aus - auch ohne das wirkstoffhaltige Präparat", führt er weiter aus. Es habe sich allerdings gezeigt, dass der Effekt allmählich nachlasse. Die Probanden hätten weiterhin den echten Wirkstoff gebraucht, konnten die Menge aber reduzieren. Zu dem Thema laufen auch weitere Studien an der Universität Duisburg-Essen. Neue Studienergebnisse werden 2021 erwartet.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 27. August 2020 | 21:00 Uhr

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