Corona-Spätfolgen "Wir müssen die Post-Covid-Ambulanz drastisch ausbauen"

Selbst bei Corona-Patienten mit leichten Krankheitsverläufen hat ein Fünftel mit Spätfolgen zu kämpfen, erklärt Professor Stallmach. Er leitet die Post-Covid-Ambulanz in Jena. Die Patientenzahlen dort steigen stark an.

Prof. Dr. Andreas Stallmach, Klinikdirektor Innere Medizin, Universität Jena
Prof. Dr. Andreas Stallmach leitet die Post-Covid-Ambulanz am Jenaer Universitätsklinikum. Bildrechte: MDR/ Universitätsklinikum Jena

Mit welchen Beschwerden kommen Patienten zu Ihnen, die eine Covid-Erkrankung überstanden haben?

Dr. Andreas Stallmach: Patienten, die ambulant eine Covid-19-Erkrankung überstehen und sich bei uns in der Post-Covid-Ambulanz vorstellen, klagen zum Beispiel über chronische Müdigkeit im Sinne eines Fatigue-Syndroms, über Depressionen, auch über Konzentrationsstörungen. Bei Konzentrationsstörungen denkt man jetzt vielleicht an ältere Menschen, die etwas vergesslich sind. Das Erstaunliche ist aber, dass das Durchschnittsalter der Patienten bei 57 Jahren liegt. Die jüngste Patientin ist 20 Jahre alt, der älteste ist 93. Das ist also ein ganz breites Spektrum.

Sie haben im Spätsommer mit Ihren Kollegen an der Uniklinik Jena eine Post-oCovid-Ambulanz gegründet, die einzige in ganz Thüringen. Warum ist die wichtig?

Wir haben die ersten Patienten in Thüringen im März beobachtet. Diese erste Welle war nur ein Plätschern. Im Schnitt hatten wir fünf bis acht Patienten stationär. Nachdem sie die akute Infektion überwunden hatten, haben wir sie entlassen. Die Patienten meldeten sich später und sagten: 'Es geht uns noch nicht richtig gut. Ich bin immer noch müde. Ich habe immer noch Luftnot. Wenn ich vom Einkaufen zurückkomme, kann ich die Treppen nicht steigen. Ich kann die Tasche nicht tragen.' Auch junge Leute, 40, 41 Jahre alte Männer, haben gesagt: 'Vor der Erkrankung bin ich Marathon gelaufen. Wenn ich mir jetzt die Turnschuhe anziehe und zwei Kilometer laufe, bin ich kaputt. Das kann doch nicht sein!' Für diese Patienten ein Behandlungsangebot zu machen, war uns wichtig. Mit der zweiten Welle, die deutlich höher ist, steigen auch die Patientenzahlen in der Post-Covid-Ambulanz stark an und wir müssen diese Ambulanz drastisch ausbauen. Es muss mehr Personal zur Verfügung stehen, weil großer Bedarf da ist.

Wie häufig kommt es zu Spätfolgen nach einer überstandenen Covid-19-Infektion?

Wir müssen unterscheiden, ob die Covid-19-Erkrankung einen leichten Verlauf hatte, also der Patient zum Beispiel die Infektion zu Hause überwunden hat, oder ob der Patient wegen einer schweren Infektion ins Krankenhaus, vielleicht sogar auf die Intensivstation, musste. Patienten mit schwerer oder schwerster Infektion haben in 50 bis 60 Prozent der Fälle Symptome nach der Erkrankung, die das tägliche Leben beeinträchtigen - wo die Menschen wirklich sagen: 'Ich habe die Erkrankung überwunden, aber ich bin nicht gesund.' Bei Patienten mit leichteren Infektionen sind es 20 Prozent der Fälle. Die Hoffnung ist immer, dass diese sogenannten Langzeitfolgen mit der Zeit tatsächlich weniger werden. Das scheint auch bei einigen Patienten der Fall zu sein.

Sie arbeiten in der Ambulanz interdisziplinär, das heißt, mit Ärzten verschiedener Fachrichtungen. Warum ist das wichtig?

Am Anfang hat man gedacht, Covid-19 sei eine Lungenerkrankung. Mit der wachsenden Zahl von Patienten sah man, dass nicht so sehr die Lungenentzündung und auch bei den schweren Verläufen gar nicht so sehr die Beatmung das Problem ist, sondern dass vielmehr der gesamte Patient krank ist. Dass das Virus viele andere Organe schädigt, zum Beispiel das Gehirn, aber auch das Herz, die Leber und die Nieren. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Blutgefäße, die innen von einer ganz feinen Schicht ausgekleidet sind, sich entzünden. Blutgefäße sind in allen Organen. Deshalb können Schäden in allen Organen auftreten. Und da das Bild so bunt ist, muss auch die Kompetenz vielfältig sein, um den Patienten geeignet helfen zu können. Das bedeutet, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Ambulanz sind im Grunde genommen wie Lotsen - sie unterhalten sich mit dem Patienten, untersuchen ihn, machen Funktionstests und leiten dann die Weiterbehandlung beim Spezialisten ein.

Sie sind Gastroenterologe, also Spezialist für Magen-und Darm-Erkrankungen. Was haben Magen oder Darm mit Covid zu tun?

Das SARS-CoV-2-Virus bindet sich über bestimmte Rezeptoren an Zellen. Das ist wie ein Schlüssel, der in ein bestimmtes Schloss passt. Und diese Schlösser sind nicht nur in der Lunge, man findet sie auch im Magen-Darm-Trakt, insbesondere im Endteil des Dünndarms und im Dickdarm. Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen erleiden manchmal spezielle seltene Infektionen. Und so gesehen habe ich eine zweite Liebe zu den Infektionskrankheiten entwickelt.

Was wäre zurzeit Ihr größter Wunsch als Mediziner?

Die Kapazitäten im Gesundheitssystem sind begrenzt, die sind nicht unendlich. Die Kollegen und die Pflegekräfte, die hier arbeiten, haben nur eine bestimmte Kapazität, um Patienten zu betreuen. Das ist auch gar nicht so sehr die Zahl der Intensivbetten, sondern es ist insgesamt das, was so ein Gesundheitssystem leisten kann. Wir sind im Moment noch gut aufgestellt. Wir schaffen auch sicher noch eine Verdopplung der Patienten. Aber ob wir eine Vervierfachung oder eine Verachtfachung der Patientenzahlen dann auch noch so gut schaffen und so stolz auf unsere niedrige Sterblichkeitsrate sind, das würde ich sehr stark in Zweifel ziehen. Das heißt, es muss gelingen, und das ist ja das, was jetzt auch durch die Politik für uns alle schmerzhaft verordnet wurde, es muss gelingen, mit diesem Lockdown light die Welle zu brechen. Die Patienten sind ja nicht nur ein, zwei oder drei Tage im Krankenhaus. Die Patienten liegen relativ lange, über eine Woche, teilweise sogar über 14 Tage im Krankenhaus. Da ist klar, dass das System irgendwann erschöpft ist. Und deshalb wäre meine Bitte an alle Menschen um mich herum, natürlich auch an meine Familie, an Freunde, Kollegen, aber auch an die Zuschauer: Bleiben Sie zu Hause, reduzieren Sie Ihre Kontakte. Wir sind im Krankenhaus für Sie da, bleiben Sie für uns zu Hause, damit diese Welle gebrochen wird.

Vielen Dank für das Interview.

Teaserbild Coronavirus Schwerpunkt
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 12. November 2020 | 21:00 Uhr

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