Europäische Impfwoche 2021 Impfschutz für Erwachsene: Das müssen Sie wissen

Seit Wochen wird über Impfungen gegen das Corona-Virus berichtet. Gerade Erwachsene sollten jedoch auch ihren allgemeinen Impfschutz nicht vernachlässigen. Wir haben anlässlich der Europäischen Impfwoche mit Katharina Schmidt-Göhrich gesprochen. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin in Dresden und Mitglied der Sächsischen Impfkommission und gibt nicht nur Tipps zu Grundimmunisierung und Auffrischungen, sondern äußert sich auch zur Debatte um den umstrittenen Corona-Impfstoff Astrazeneca.

Krankenschwester Susanne Kugel bereitet eine Spritze mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca vor.
"Letztlich gibt es in der Medizin keine bessere und risikoärmere Möglichkeit, schwere Erkrankungen zu verhindern", sagt Katharina Schmidt-Göhrich über Impfungen im Allgemeinen. Bildrechte: dpa

Europäische Impfwoche

Die Europäische Impfwoche 2021 startet am 26. April. Die Aktion soll mehr Bewusstsein für den Impfschutz erzeugen. Sie steht unter dem Motto "Vorbeugen – Schützen – Impfen". Die Aktion soll bei Eltern, Organisationen und Medien mehr Bewusstsein für den Impfschutz erzeugen, Impflücken schließen lassen und so zu höheren Durchimpfungsraten führen, um mögliche Ansteckungsketten zu verhindern. 2005 war die erste Europäische Impfwoche.

Welche Impfungen benötigt ein Erwachsener überhaupt?

Katharina Schmidt-Göhrich: Je kompletter der Impfschutz in der Kindheit, desto günstiger ist dies für das Erwachsenen-Alter. Dann sind vor allem Auffrischungen erforderlich, z.B. für Wundstarrkrampf. Für alle wichtig und zum Teil gesetzlich vorgeschrieben ist z.B. ein kompletter Masernimpfschutz. In Sachsen wird auch die Influenza-Impfung für alle empfohlen. Manche Impfungen, z.B. gegen Pneumokokken (Lungenentzündung) oder Gürtelrose sind erst ab einem bestimmten Alter oder bei schweren Vorerkrankungen indiziert. Andere Impfungen sind abhängig von Gesundheitsrisiken im Beruf, wie z.B. Hepatitis A und B, oder bei Fernreisen, hier z.B. Tollwut, Japanische Enzephalitis u.a. Dazu sollte man sich in einer qualifizierten individuellen Beratung informieren. In Sachsen gibt die Sächsische Impfkommission die jährlich aktualisierten Impfempfehlungen heraus, bundesweit tut das die STIKO am Robert-Koch-Institut.

Bei Kindern behält der Kinderarzt den Impfstatus im Blick. Sollte bei Erwachsenen der Hausarzt die Impfungen koordinieren oder ist der Patient selbst gefragt?

Katharina Schmidt-Göhrich: Prinzipiell ist ein Erwachsener immer für sich selbst und seine Gesundheit verantwortlich. Hausärzte sind dabei die wichtigsten Begleiter, sollten den Impfstatus ihrer Patienten immer im Auge behalten und entsprechend beraten bzw. erinnern. Hilfreich wäre hier ein einheitlicher elektronischer Impfausweis, am besten gespeichert auf der Chipkarte und als App verfügbar.

Katharina Schmidt-Göhrich Hauptsache gesund
Katharina Schmidt-Göhrich ist Fachärztin für Innere Medizin in Dresden und Mitglied der Sächsischen Impfkommission. Bildrechte: Katharina Schmidt-Göhrich

Tetanus, Keuchhusten, Pneumokokken: Welche Impfung muss in welchem Abstand aufgefrischt werden?

Katharina Schmidt-Göhrich: Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Als Faustregel: Tetanus und Keuchhusten alle zehn Jahre, Pneumokokken je nach Alter, Vorerkrankungen und Impfstoff. Hier sind die Impfkalender zum Nachschlagen empfohlen.

Ein Patient hat eine generelle Abneigung gegen Impfungen. Welche Impfungen sind Ihrer Ansicht nach unverhandelbar?

Katharina Schmidt-Göhrich: In Deutschland existiert derzeit keine Impfpflicht, von daher ist generell jede Impfung "verhandelbar". Aufgrund des Masernschutzgesetzes besteht allerdings eine Einschränkung, so dass die Masernimpfung Voraussetzung für Kita- und Schulbesuch sowie für bestimmte Berufe ist. Hier geht es um den Schutz derer, die selbst nicht ausreichend geschützt werden können. Dieses solidarische Prinzip halte ich unbedingt für richtig, insbesondere, wenn man bedenkt, dass Impfschäden extrem selten auftreten und das Risiko für den Impfling insgesamt sehr gering ist. Eine Maserninfektion kann großen Schaden verursachen. Der Nutzen für die Gesellschaft und ihre Schutzbedürftigen ist dagegen immens. Ich versuche immer, Patienten so gründlich wie möglich zu beraten, so dass sie verstehen können, warum Impfungen empfehlenswert und notwendig sind. Skeptiker finde ich wichtig für die kritische Diskussion und versuche, mit klaren medizinischen Argumenten zu überzeugen. Letztlich gibt es in der Medizin keine bessere und risikoärmere Möglichkeit, schwere Erkrankungen zu verhindern. Manchmal hilft auch, daran zu erinnern, wie manche Krankheiten gewütet haben – z.B. wie viele Kinder noch vor nicht allzu vielen Jahren hier an Diphtherie und Kinderlähmung starben oder schwerbehindert überlebten. Das wird in unserer Wohlstandsgesellschaft gern vergessen.

Gibt es Krankheitsbilder bzw. Indikationen, bei denen bestimmte Impfungen nicht empfehlenswert sind?

Katharina Schmidt-Göhrich: Die meisten Impfungen sind erst ab einem bestimmten Lebensalter möglich. Gerade um Babys zu schützen, die noch nicht geimpft werden können, ist die Impfung für die Menschen in ihrer Umgebung so wichtig – gegen Masern, Keuchhusten u.ä.  Das gilt auch für Menschen mit Immundefekten, Krebs und einigen neurologischen Erkrankungen. Generell gibt es nur wenige absolute Kontraindikationen gegen Impfungen: z.B. Allergien gegen Inhaltsstoffe, schwere akute Erkrankungen, hohes Fieber. Vorsicht geboten ist bei schweren Impfreaktionen in der Anamnese. Sogenannte Lebendimpfstoffe (wie z.B. Masern, Gelbfieber) sind bei bestimmten Erkrankungen und Therapien, die das Immunsystem beeinflussen, und in der Schwangerschaft nicht angezeigt.

Ich finde meinen Impfpass nicht. Gibt es eine Möglichkeit, bereits früher erfolgte Impfungen nachtragen zu lassen? Wenn ja: Wie gehe ich vor? Liegen die Daten bei der Krankenkasse vor?

Katharina Schmidt-Göhrich: Normalerweise sollte beim Kinder- und beim Hausarzt eine gute Impfdokumentation vorliegen, so dass der Impfausweis ersetzt werden kann. Die Daten liegen leider nicht unbedingt bei der Krankenkasse vor. Die meisten Kassen haben inzwischen Angebote zur Digitalisierung. Leider gibt es dazu aber noch kein einheitliches Verfahren. Wir hoffen hier auf einen echten Nutzen der elektronischen Chipkarte.

Ich habe eine Auffrischung vergessen. Muss ich jetzt wieder ganz von vorn anfangen?

Katharina Schmidt-Göhrich: Bei den allermeisten Impfungen ist bei einer vollständigen Grundimmunisierung eine Auffrischung ausreichend. Bei Lebendimpfungen (Masern, Gelbfieber) hält diese lebenslang. Bei Kindern ist es wichtig, die Impfabstände bis zur Grundimmunisierung möglichst einzuhalten - umso sicherer ist der Impfschutz. Generell gilt: Jede Impfung zählt!

Ich bin gerade gegen Grippe geimpft worden und bekomme spontan einen Termin für die Corona-Impfung. Spricht etwas dagegen, zwei unterschiedliche Impfungen in kurzer Folge machen zu lassen?

Katharina Schmidt-Göhrich: Nach aktuellem Wissenstand empfiehlt sich ein 14-tägiger Mindest-Abstand. Bei sehr kurzem Abstand ist v.a. mit einer verstärkten Impfreaktion zu rechnen. Inwiefern möglicherweise die Immunantwort abgeschwächt wird, ist noch nicht ganz klar. Im Zweifelsfall und gerade in der aktuellen Pandemiesituation kann der Abstand auch verkürzt werden.

Stichwort Corona-Impfung: Manche Wirkstoffe machen zwei Impfungen erforderlich, manche nur eine Gabe. Ist eine einmalige Impfung weniger belastend für den Körper? Und anders herum: Garantiert sie denselben Schutz?

Katharina Schmidt-Göhrich: Für alle Corona-Impfstoffe gilt: Sie schützen gleich gut vor schwerer Erkrankung und Tod. Ob eine oder zwei Impfungen erforderlich sind, hängt letztlich von der Biologie des Impfstoffs und der erzeugten Reaktion unseres Immunsystems ab. Die Belastung für den Körper ist dabei relativ ähnlich. Je jünger wir sind, desto stärker kann die Impfreaktion mit Fieber, Gliederschmerzen etc. ausfallen. Je älter wir werden, desto schwächer wird unser Immunsystem – aber die Impfungen oft besser verträglich.

Von Grippeimpfungen wissen wir, dass manche Stränge dagegen immun sind und die Impfung quasi nutzlos machen. Gilt das auch für die Corona-Mutanten?

Katharina Schmidt-Göhrich: Inwieweit das tatsächlich so ist, wird gerade intensiv beforscht – eindeutige Antworten gibt es hier noch nicht. Es ist damit zu rechnen, dass das sehr änderungsfähige Corona-Virus die aktuellen Impfstoffe versucht auszutricksen. Das gelingt uns aber hoffentlich auch umgekehrt durch die entsprechende Anpassung der Impfstoffe. Ich rechne damit, dass, ähnlich wie bei der Grippeimpfung, regelmäßige Auffrischungen bzw. Aktualisierungen erforderlich sein werden.

Wir hören derzeit viel von der STIKO und der EMA, die Empfehlungen für Impfungen aussprechen. Wie kommen diese Empfehlungen zustande?

Katharina Schmidt-Göhrich: Die EMA ist die Europäische Arzneimittelagentur – die übergeordnete Arzneimittelbehörde der EU, die die Erkenntnisse der nationalen Behörden der Mitgliedsstaaten zusammenfasst und koordiniert. Hier arbeiten hauptberuflich Wissenschaftler, Juristen, Verwaltungsfachleute. Sie überprüft die Zulassung und überwacht die Sicherheit von Arzneimitteln für Menschen, Tiere und Pflanzen.

Die Ständige Impfkommission STIKO ist ein Expertengremium, das ehrenamtlich beratend tätig ist und dem Robert-Koch-Institut angegliedert ist. Sie gehört damit zum Bundesministerium für Gesundheit. Hier sitzen Fachleute aus verschiedenen medizinischen und wissenschaftlichen Bereichen zusammen. Mittels ihrer fachlichen Expertise erstellen sie Impfempfehlungen. Diese sind dann die Grundlagen für die öffentlich empfohlenen Schutzimpfungen, für die die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten übernehmen.

In Sachsen als einzigem Bundesland gibt es eine eigene Impfkommission – die SIKO (Sächsische Impfkommission). Sie wurde auf Initiative von Prof. Siegwart Bigl 1991 gegründet, da die bundesdeutsche Gesetzgebung beim Impfwesen der DDR deutlich "hinterherhinkte". Die SIKO gibt jährlich aktualisierte Impfempfehlungen heraus, die oft der STIKO-Empfehlung etwas voraus sind.  Auch sie ist ein ehrenamtlich tätiges Gremium, das sich aus durchweg in der Praxis tätigen Ärztinnen und Ärzten verschiedener Fachrichtungen zusammensetzt, gemeinsam mit Vertretern der Krankenkassen und des SMS.

Die Empfehlungen von SIKO und STIKO entstehen durch Analyse der internationalen Datenlage, Fachliteratur, Infektionssituation, aber auch durch die klinischen Erfahrungen der beteiligten Ärzte. In intensiven Diskussionen wird hier um die bestmögliche Evidenz und die daraus folgende medizinische Empfehlung gerungen. Und diese Erkenntnisse werden engmaschig kritisch überprüft und angepasst – gerade in der aktuellen Corona-Situation eine intensive Arbeit.

Beim Impfstoff Astrazeneca kam es immer wieder zu neuen Überprüfungen. Welche Rolle spielen die Empfehlungen der EMA bzw. der STIKO in der Impfpraxis? Wie bindend sind sie?

Katharina Schmidt-Göhrich: Die Überprüfung der Arznei- und Impfstoffe und Kontrolle ihrer Verträglichkeit – die sogenannte Pharmakovigilanz – ist eine essentielle Aufgabe der Arzneimittelbehörden EMA und in Deutschland z.B. des Paul-Ehrlich-Instituts. SIKO und STIKO sind keine Behörden, aber helfen, die Einschätzungen der Behörden in aktuelle Empfehlungen einzuarbeiten. Da aktuell sowohl die Aufmerksamkeit besonders hoch ist und sich die Datenlage in kurzer Zeit ändert, kann es auch zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Entscheidend ist letztlich die Zulassung eines Impfstoffs 1. auf europäischer und 2. auf bundesdeutscher Ebene. Die Empfehlungen für Covid19-Schutzimpfungen werden im Moment engmaschig aktualisiert.

Gerade bei Astrazeneca ist die Lage derzeit etwas unübersichtlich. Was sollte jemand tun, der bereits eine Impfung mit dem Wirkstoff erhalten hat, nun aber keine zweite erhalten soll?

Katharina Schmidt-Göhrich: Dafür gibt es mittlerweile eine Festlegung des Bundesgesundheitsministeriums: Ältere bekommen den erprobten Astra-Impfstoff, Menschen < 60 Jahre sollen die Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff erhalten. Auf jeden Fall bleibt die Möglichkeit einer individuellen Entscheidung, die von und mit dem impfenden Arzt getroffen werden wird.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 22. April 2021 | 21:00 Uhr

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