Interview Dietrich Grönemeyer: "Beim Reizdarm gibt es nicht die eine Therapie."

Ständig rumort es im Bauch, Durchfall oder Verstopfung folgen - steckt dahinter ein Reizdarm, haben Betroffene oft über Jahre damit zu tun. Welche Ursachen es dafür gibt, wie die Behandlungen aussehen und welche Tipps Linderung verschaffen, verrät Mediziner Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer im Interview.

Dietrich Grönemeyer bei Hauptsache Gesund
Dietrich Grönemeyer zu Gast bei Hauptsache Gesund. Bildrechte: MDR/Hauptsache Gesund

Was bedeutet die Diagnose Reizdarm für die Patienten?    

Prof. Dietrich Grönemeyer: Grundsätzlich ist zu sagen, dass das Reizdarmsyndrom sehr schwer zu diagnostizieren ist. Der Patient muss meist sehr viel Zeit und Geduld aufbringen, um am Ende mit einem Syndrom oder sogar (Vor-)Erkrankung zu leben, die nicht wirklich heilbar und auch nicht richtig greifbar ist. Es gibt nicht DIE eine Therapie oder DAS richtige Medikament. Neueste Erkenntnisse zeigen auch, dass ein Bakterium mit dem Namen “Brachyspira” im Darm der betroffenen Patienten vorkommt, welches bei gesunden Menschen fehlt.

Dietrich Gönemeyer, Mediziner & Autor des Buches ''Weltmedizin''.
Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer ist Experte für Naturheilkunde. Bildrechte: Dietrich Grönemeyer

Zusätzlich findet sich eine Störung der Aktivierung der sogenannten absteigenden Nervenbahnen, die vom Gehirn über das Rückenmark Signale zum Magendarm-Trakt senden. Entweder zu den Gefäßen oder den kleinen vegetativen Nerven in der Darmwand, die entweder für die Durchblutung oder die Bewegung und Zusammenziehung sowie die Aktivität der Verdauungsprozessen verantwortlich sind.

Für die Patienten bedeutet all dies einen enormen Kraftaufwand. Zum einen benötigt der Körper Energie und wesentliche Grundnahrungsbestandteile zum Leben und zur Kraftentwicklung. Auch Denken und Gefühle brauchen Kraft. Ist die Verdauung gestört, kommt es häufig zu einer Störung des gesamten Verdauungsprozesses und einem ungesunden Verhältnis zum Essen allgemein.

Ein krankhafter Kreislauf entsteht: keine Kraft, Schmerzen und/oder Blähungen, Mangel an wichtigen Nahrungsbestandteilen, Stoffwechselveränderungen, Ungewissheit, Stress. Das alles ist eine zusätzliche Belastung für den Darm. 

Ich rate dazu, sich mit den Themen Naturmedizin und Entspannung zu beschäftigen. Kräuter wie Kurkuma, Pfefferminze, Fenchel, Kümmel, Melisse und Kamille beruhigen und unterstützen die Verdauung, auch Prä- und Probiotika.  

Wir sind es gewohnt, dass unsere Medizin für alles eine technische oder medikamentöse Lösung verspricht. Beim Reizdarm gibt es diese jedoch nicht. Damit muss man nicht selten leben sowie seinen Körper und seine Eigenarten bzw. Verträglichkeiten verstehen lernen.

Mediziner sprechen auch vom „Bauchhirn“. Ist am „Bauchgefühl“ also tatsächlich etwas dran?   

Jeder kennt diese Aussagen: „Liebe geht durch den Magen“, „Wir machen uns vor Angst in die Hose“ oder „Wir haben Schmetterlinge im Bauch“.  Sofort können wir uns selbst an Situationen erinnern, in denen wir mit dem Bauch gefühlt haben. Verdauung und Psyche sind eng miteinander verbunden.

Es wird sogar von einem zweiten Gehirn gesprochen, welches im Darm sitzen soll. Mediziner bezeichnen das Bauch- oder Darmhirn als enterisches Nervensystem. Über 100 Millionen Nervenzellen regulieren die Verdauung. Auch finden sich hier Botenstoffe wie Dopamin und Serotonin, die auch unser Gehirn bildet und für unsere Gefühlswelt zuständig sind. 

Welchen Einfluss haben Stress und psychische Belastungen?

Über die Darm- Hirnachse kommunizieren unsere beiden „Gehirne“ über das unbewusste vegetative Nervensystem miteinander.  Das ist der Grund dafür, dass wir bei Stress bzw. Aufregung mit einer gestörten Verdauung reagieren.  Da Stress ein Fluchtmechanismus ist, wird der Darm hierzu nicht gebraucht. Verstopfung und/oder Durchfall sind häufige Symptome. Wichtig ist es in Bewegung zu bleiben. Beim Spazierengehen zum Beispiel schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: die Verdauung kommt ins Lot und es wird Stress abgebaut. Auch Entspannungstechniken wie Yoga, Meditation oder Atemübungen bzw. Autogenes Training können sehr hilfreich sein. 

Welche Rolle spielt dabei das Mikrobiom im Darm?  

Die meisten Zellen in unserem Körper sind keine menschlichen. Unser Mikrobiom besteht aus Billionen von Bakterien, das sind ungefähr hundert Mal mehr als Körperzellen. Den Hauptteil dieser Bakterien findet man im Darm. Sie beeinflussen unsere Gesundheit entscheidend. Dieses kleine Ökosystem muss gepflegt werden. Unsere Ernährung und unsere Lebensweise spielen dabei eine bedeutsame Rolle.

Begriff: Mikrobiom Unter dem menschlichen Mimrobiom versteht man die Gesamtheit der Mikroorganismen, mit denen der Mensch - von der Haut bis zum Verdauungstrakt - besiedelt ist. Die meisten davon sind im Darm und als Darmflora oder Darm-Mikrobiota bekannt.

Die Fachrichtung Psychomikrobiotik befasst sich mit dem Aspekt, dass die Darmflora entscheidenden Einfluss auf unsere Psyche hat. Zum Beispiel wird erforscht, ob sie den Serotoninspiegel reguliert, welcher verantwortlich ist für das Gute Laune-Hormon. Fest steht jedoch bereits, dass eine gestörte Darmflora zu gastrointestinalen Störungen und Erkrankungen sowie zu chronischer Infektanfälligkeit, allergischen Reaktionen und somit auch zu Unwohlsein und Depressionen führen kann. 

Brauchen wir neue Formen der Diagnostik?

Eine erweiterte Labormedizin mit speziellen Blut-, Stuhl und Harnanalysen sowie die radiologische Diagnostik mit CT und/oder MRT sind bei chronifizierten oder starken akuten Schmerzzuständen wichtig um andere, auch lebensbedrohliche, Erkrankungen des Verdauungssystems auszuschließen. Auch eine gezielte differenzierte Analyse der individuellen Ernährungsweise ist wichtig.

Ich plädiere seit Langem dafür, dass Schul- und Naturmediziner miteinander diagnostizieren und behandeln. Patienten würden davon enorm profitieren und der medizinische Blick sich erweitern! Nicht selten lernen beide Beteiligten viel voneinander, z.B, ein Ayurveda-Therapeut von einem Gastroenterologen und umgekehrt.

Besonders im Fall des Reizdarmsyndrom kann zum Beispiel die Pflanzenheilkunde, welche seit Jahrtausenden wichtige Erkenntnisse liefert, Symptome lindern und Stress reduzieren. Und außerdem - jeder kennt es: Kneift es mal im Bauch, hilft oft ein Kamillentee, Zwieback und eine Wärmflasche. 

Was bedeuten diese Erkenntnisse für die Therapie?

Wie bereits erwähnt, plädiere ich seit vielen Jahren dafür, den Menschen als psychosomatisches Gesamtsystem zu betrachten. Was uns jedoch fehlt, ist ein stärkeres Bewusstsein für die Notwendigkeit des Zusammenwirkens von Schul- und Naturmedizin.

Wichtig wäre es auch, sich viel mehr Zeit für den Patienten zu nehmen, ihn gründlich zu untersuchen und ihm zuzuhören. Ein solche Form der Zuwendung und des Gespräches muss unbedingt anders honoriert werden.  Denn es gilt immer, herauszufinden - besonders im Falle von ungenauen Symptomen wie beim Reizdarmsyndrom - was die Störfaktoren sind und welche psychosomatischen Störungen oder welche Erkrankungen sich möglicherweise hinter solch einem Syndrom verbergen könnten.   

Trotzdem muss jeder Mensch sich persönlich verantwortlich fühlen für seine Gesundheit. In sich hineinhören, immer wieder versuchen herauszufinden, was einem gut tut.  

Zur Person Professor Dietrich Grönemeyer setzt sich dafür ein, Rückenschmerzen mit natürlichen Mitteln zu heilen, um unnötig medizinische Eingriffe zu vermeiden.

Ein Zusammenspiel der verschiedenen medizinischen Disziplinen ist für ihn und sein Team von ebenso großer Bedeutung wie die ganzheitliche Wahrnehmung von Körper und Emotionen, um den Ursachen auf den Grund zu gehen.

1997 rief er das Institut für Mikrotherapie in Bochum ins Leben. Weitere Standorte gibt es inzwischen in Berlin, Hamburg, Köln und Stuttgart.

Professor Dietrich Grönemeyer ist der Bruder des Sängers Herbert Grönemeyer.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 15. April 2021 | 21:00 Uhr

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