Interview Thomas Grünewald zu Asthmaspray: "Vom Gamechanger zu sprechen, halte ich für überzogen"

Der "Gamechanger" in der Corona-Behandlung soll ein Asthmaspray sein, so
äußerte sich zumindest SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Denn eine
Studie der University of Oxford legt nahe, dass ein bestimmtes Spray mit
dem Kortison Budesonid die Krankheitsdauer verkürzen und schwere
Verläufe verhindern kann. Überbewerten sollte man den Einfluss des Mittels
aber nicht, meint Dr. Thomas Grünewald, Leiter der Klinik für
Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz.

Dr. Thomas Grünewald
Dr. Thomas Grünewald mahnt, den Einfluss des Mittels nicht zu überschätzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Asthmaspray könnte künftig Corona-Patientinnen und
-Patienten helfen. Was halten Sie davon?

Dr. Thomas Grünewald: In der sehr frühen Phase ergibt das sicherlich Sinn. Wir wissen, dass Entzündungshemmung eigentlich das ist, womit wir den meisten Patienten helfen können. Und natürlich mit so einer milden Entzündungshemmung über die inhalativen Kortisonsprays, die man auch beim Asthma oder der chronisch obstruktiven Atemwegserkrankung nimmt, mag das helfen.

Heißt das, alle Asthmasprays mit Kortison könnten dafür eingesetzt werden?

Es ist beileibe nicht so, dass jedes Asthmaspray da tatsächlich diesen Effekt hat, der in der Studie beschrieben ist. Das gilt ausschließlich für die Kortisonsprays und auch nur für eine Form des Kortisons, es gibt mehrere. Das heißt, es ist eine Substanz untersucht worden, für die ist es nachgewiesen, dass es in den sehr frühen Phasen tatsächlich eine Verbesserung gebracht hat.

Was bringt das eine Spray Patientinnen und Patienten, die über die frühe Krankheitsphase hinaus sind?

Wenn Patienten sehr krank sind, bekommen sie systemisch Kortison, das heißt entweder über die Vene oder in Tablettenform, in einer deutlich höheren Dosierung als das, was man in den inhalaiven Kortikoiden, also in den Asthmasprays drin hat. Man muss sagen: In der klinischen Medizin, im Krankenhaus, kommen diese Sprays in der Regel zu spät.

Wenn Patienten schon sauerstoffpflichtig sind, wenn Patienten eine schwere Lungenentzündung haben, dann ist das nicht mehr wirksam, sondern dann, wenn die Symptome beginnen und man weiß: Dieser Patient hat ein hohes Risiko, sich zu verschlechtern. Da haben wir mehrere Medikamente. Da wären diese inhalativen Kortison-Präparate ein zusätzliches Medikament, das wir dann einsetzen können.

Heißt das, alle Corona-Patientinnen und -Patienten, die nicht im Krankenhaus behandelt werden müssen, könnten davon profitieren?

Das ist nicht nebenwirkungsfrei. Patienten, die zum Beispiel einen Diabetes haben, wenn die das nicht richtig anwenden, nicht tief genug inhalieren, dann können die einen Mundpilz bekommen und ähnliche Probleme. Und man muss es auch inhalieren können. Das sind Patienten, die vielleicht dement sind, die ja ein hohes Risiko haben für schwere Verläufe, die können mit solchen Sprays oder Inhalatorien vielleicht nicht gut umgehen. Also es ist beileibe nicht für jeden geeignet. Auch das muss man im Hinterkopf behalten.

Was bringen die Studienergebnisse dann in der Praxis?

Es ist sicherlich ein Add-on, um das Ganze zu verbessern. Aber es ist nicht der Gamechanger, das jetzt auf einmal alle Covid-Probleme gelöst sind, das halte ich für weit überzogen. Aber es ist eben gerade für die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen eine ganz sinnvolle Geschichte. Ich sehe den Patienten sehr früh, der hat ein Risiko, sich zu verschlechtern. Dann kann ich das zusätzlich zu meinen anderen Maßnahmen mit dazu nehmen.

Zur Person Dr. med. Thomas Grünewald ist Leiter der Klinik für
Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz.
Er ist aktuell Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 15. April 2021 | 21:00 Uhr

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