Fußgesundheit Fuß-Check bei Kindern als Vorsorgeuntersuchung?

"Bei den Vorsorgeuntersuchungen von Kindern im Alter zwischen neun und zehn Jahren sollte auch ein Orthopäde auf die Füße schauen", fordert der Leipziger Fußexperte Dr. Jörn Schwede. Dadurch könnte man mehr Fußprobleme frühzeitig zu erkennen. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welche Gründe es für Fußfehlstellungen gibt.

Wie viele Kinder sind von Fußfehlstellungen betroffen?

Dr. Schwede: Das sind erstaunlich viele. Wir haben jeden Mittwoch eine Kindersprechstunde und die ist brechend voll. Es ist eher so, dass Termine im Vierteljahr vergeben werden. Häufig werden Fußfehlstellungen auch verschleppt, wenn sie nicht früh genug erkannt werden. Das ideale Alter um Fußfehlstellungen endgültig zu therapieren ist zwischen zwölf und 14 Jahren, da sich das Kind noch in der Wachstumsphase befindet. Wenn Kinder mit 15 oder 16 Jahren zu uns kommen, sind sie ausgewachsen und ihre Füße sind dann so wie die Füße von Erwachsenen zu behandeln.

der Leipziger Fußchirurg Dr. Jörn Schwede
Dr. Jörn Schwede ist Orthopäde und Fußchirurg in Leipzig. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was sind die häufigsten Fußfehlstellungen bei Kindern?

Dr. Schwede: Die häufigste Fußfehlstellung, die wir sehen, sind Plattfüße. Das ist ein Problem, was viele Kinder mit sich herumtragen und was auch viele sekundäre Folgen haben kann. Viele Kinder klagen dann nach sportlicher Belastung unter anderem über Schmerzen im Bereich der Achillessehne oder auch am inneren Fußrand. Unter Umständen entwickelt sich auch bei Kindern schon ein Hallux valgus, weil der innere Fußrand durch den Plattfuß überlastet ist. Zu Erklärung: Plattfuß heißt, dass der Fuß nach innen kippt. Es gibt auch angeborene Fußfehlstellungen, die einen höheren Schweregrad haben, wie zum Beispiel Klumpfüße. So etwas wird dann aber meistens schon im Krankenhaus behandelt.

Wie entsteht eine Fußfehlstellung?

Dr. Schwede: Bei Kindern ist es häufig so, dass auch die Eltern eine Fußfehlstellung haben und diese tatsächlich vererbt wird. Und natürlich ist es so, dass auch eine gewisse muskuläre oder auch Bandschwäche dazu beiträgt, beziehungsweise förderlich dafür ist, ebenso eine Fußfehlstellung zu entwickeln.

Bei Kindern ist es häufig so, dass auch die Eltern eine Fußfehlstellung haben und diese tatsächlich vererbt wird.

Dr. Jörn Schwede, Fußchirurg und Orthopäde

Warum ist es wichtig, Fußfehlstellungen frühzeitig zu erkennen?

Dr. Schwede: Weil sich durch diesen Plattfuß zum einen Probleme am Fuß ergeben können. Es kann zu einem Hallux valgus kommen oder es kann im Laufe des Lebens eine Arthrose in den kleinen Fußgelenken entstehen. Zum anderen ist es häufig außerdem so, dass der Plattfuß nicht auf beiden Seiten gleich ausgebildet ist, sondern die eine Seite platter ist als die andere. Dadurch kommt es zu einer funktionellen Beinlängendifferenz. Beim platteren Fuß ist das Bein funktionell kürzer, wodurch das Becken schief steht und die Wirbelsäule irgendwie um die Kurve laufen muss. So kommt es zu Rückenschmerzen und kann bis zu Zahnschmerzen, Schmerzen in der oberen Halswirbelsäule oder Kopfschmerzen führen.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Dr. Schwede: Die Therapie muss angepasst an das Alter und die Beschwerden des Kindes sein. Im häufigsten Fall ist es so, dass ein Kind Plattfüße hat, ohne damit Probleme zu haben. Durch Röntgenbilder lässt sich bei Kindern im Alter von zwölf bis 14 feststellen, ob etwas gegen den Plattfuß getan werden muss oder nicht. Bis zu diesem Alter ist es bei einem symptomfreien Kind so, dass man wirklich nur Physiotherapie und Eigenübung verordnet, sodass das Kind sich muskulär kräftigt und dadurch eine bessere Stellung des Fußes entsteht.

Einlagen werden kontrovers diskutiert. Ich persönlich verordne sie grundsätzlich, da meiner Meinung nach alles getan werden muss. Außerdem gibt es keinen negativen Effekt bei Einlagen. Die sekundären Folgen des Plattfußes, also der Beckenschiefstand oder auch die Fehleinstellung in der Wirbelsäule, werden durch die Einlage korrigiert, da sie den Fuß richtig ausrichten. Allerdings kann die Einlage den Fuß selbst nicht verändern, weshalb sich die Fußstellung durch die Einlage nicht verbessert.

Welche Rolle spielt dabei das Schuhwerk?

Dr. Schwede: Das wird auch kontrovers diskutiert. Grundsätzlich ist es so, dass Kinder immer passende Schuhe anziehen sollten. Ich glaube, eine gesunde Mischung von Schuhen ist genau das Richtige für Kinder. Vor allem sollten Kinder viel barfuß laufen, weil das die Fußmuskulatur trainiert. Es ist auch nicht gut, wenn Kinder immer denselben Schuh anhaben.

Gibt es eine Art von Schuhwerk, die Kinder überhaupt nicht tragen sollten?

Dr. Schwede: Grundsätzlich sollten Kinder erst einmal nur Schuhe tragen, die ihnen keine Schmerzen bereiten. Ansonsten würde ich das jetzt nicht einschränken.

Was denken Sie, wenn Sie Mädchen mit hohen Schuhen sehen?

Dr. Schwede: Das ist so eine Gewissensfrage. Früher war es ein Dogma einer Fußchirurgie zu sagen, die High-Heels und auch die spitzzulaufenden Schuhe produzieren den Hallux valgus und Fußfehlstellungen allgemein. Klar ist es so, wenn der Fuß vorne ganz spitz zuläuft und das über Dauer getragen wird, führt das dazu, dass der Fuß sich auch in seiner Form verändert, weil er in diese Form gezwängt wird. Hohe Schuhe sind kein Schuhwerk, die für Kinder empfohlen werden sollten. Wenn jetzt eine gesunde Mischung gewählt wird, dann kann ein Mädchen für einen festlichen Anlass, wie die Jugendweihe, auch mal hochhackige Schuhe anziehen. Es müssen ja keine richtig hohen Schuhe sein, ein normaler Absatz reicht auch.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 23. September 2021 | 21:00 Uhr

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