Künstliches Hüftgelenk Nach der Hüft-OP schneller wieder auf den Beinen

Lange Ausfallzeiten, schwierige Rekonvaleszenz, stationäre Reha: Wer ein künstliches Hüftgelenk benötigte, musste nach dem Eingriff bislang große Einschränkungen in Kauf nehmen. Mit minimalinvasiven Operationsmethoden soll das nun anders sein. Warum, dazu haben wir Maik Hoberg, den ärztlichen Direktor der Fachklinik für Orthopädie am Marienstift Arnstadt.

Mann im Büro mit Hüftschmerzen
Bei ständigen Hüftschmerzen kann ein künstliches Hüftgelenk notwendig sein. Bildrechte: imago images/AFLO

Was ist derzeit gemäß den Leitlinien der Goldstandard bei der Hüft-OP?

Bei der Hüft-OP gibt es aktuell keinen absoluten Goldstandard oder eine feste Leitlinie für das OP-Verfahren. Gerade im Hinblick auf den OP-Zugang gibt es verschiedene Methoden und Schnittführungen, die sich alle voneinander unterscheiden und jeweils in einer klassischen und auch in minimalinvasiver Technik angewandt werden. Am häufigsten wird in Deutschland der klassische seitliche Zugang zum Hüftgelenk verwendet.

Welche Vor- und Nachteile haben minimalinvasive Operationsmethoden gegenüber den klassischen?

Größter Vorteil der minimalinvasiven Operation ist unter anderem die geringere Verletzung der hüftumgebenden Weichteile sowie die Schonung wichtiger Strukturen. Patienten erleiden dadurch einen geringeren Blutverlust während der Operation. Sie haben nach der OP weniger Schmerzen und erholen sich im Allgemeinen schneller.

Außerdem ist bei minimalinvasiven Eingriffen eine reduzierte Komplikations- und Infektionsrate zu verzeichnen. Die Schwierigkeiten der Minimalinvasivität liegen vor allem im dem hohen technischen Anspruch an diese Art der OP, in der geringeren Übersicht während der Operation und in der großen Anzahl notwendiger Eingriffe zum sicheren Erlernen dieser OP-Methoden.

Mann mit Brille und Kittel
Prof. Dr. med. Maik Hoberg ist Ärztlicher Direktor an der Fachklinik für Orthopädie des Marienstifts Arnstadt. Bildrechte: MDR/Marienstift Arnstadt

Hat die OP-Methode Einfluss auf das Langzeitergebnis der Hüftoperation? Oder geht es in erster Linie darum, den Eingriff selbst unkomplizierter zu gestalten?

Die OP-Methode hat generell einen Einfluss auf das Langzeitergebnis, dies ist aus zahlreichen wissenschaftlichen Studien bekannt. Bei den klassischen OP-Verfahren, wie dem seitlichen oder hinteren Zugang, werden große Teile der Hüftmuskulatur ein- oder abgeschnitten. Diese müssen zum Ende der OP wieder an den Knochen angenäht werden. Hierdurch entstehen teilweise große Probleme beim Laufen aufgrund von Schmerzen oder Muskelschwäche mit hinkendem Gang.

Ebenso können Narben auftreten, die zu langwierigen Entzündungen am seitlichen Hüftschleimbeutel mit starken Schmerzen führen. Durch den minimalinvasiven, modifizierten, direkten vorderen Zugang bei der Würzburger Prozedur kann man diese Probleme stark minimieren. Diese OP-Methode ist jedoch selbst nicht unkomplizierter, sondern erfordert gerade ein hohes Maß an operationstechnischem Können, spezielle OP-Instrumente und eine sehr lange, fundierte Ausbildung in dieser Art der OP. Es ist für den erfahrenen Operateur die schwierigste Art, eine Hüft-OP durchzuführen und wird daher in dieser Form nur in hochspezialisierten Zentren angeboten.

Stichwort Heilung: Wie lange dauert es, bis man nach einem minimalinvasiven Eingriff wieder funktionsfähig ist?

Die Heilung nach dem direkten vorderen Zugang, wie bei der Würzburger Prozedur, ist bedeutend schneller als nach einem klassischen OP-Zugang. Am OP-Tag, spätestens am Morgen danach, laufen die Patienten in der Regel auf dem neuen Hüftgelenk und können sich selbst versorgen. Die Schmerzen sind gering und die Erholung geht sehr schnell. Nach circa 3 bis 4 Wochen ist man oftmals wieder funktionsfähig und kann seinem Alltag, manchmal auch dem Arbeitsleben, in großen Teilen wieder nachgehen.

Gibt es Indikationen, bei denen von einer minimalinvasiven Hüft-OP abzuraten ist?

Auf einer blauen Fläche liegen zwei Teile eines künstlichen Hüftgelenks
Ein künstliches Hüftgelenk eines Thüringer Herstellers. Bildrechte: MDR/Maria Socolowsky

Über den direkten vorderen Zugang können nahezu alle Patienten mit den allermeisten Indikationen versorgt werden. Durch die Weiterentwicklung dieser Methode und unter der Voraussetzung einer höchsten Expertise im OP-Verfahren können auch komplexe Operationen mit jeglicher Prothesenart ausgeführt werden. In seltenen Fällen, wie zum Beispiel bei speziellen Fehlentwicklungen des Hüftgelenks, sind manchmal andere OP-Zugänge notwendig.

Profitieren auch Patienten von einem minimalinvasiven Verfahren, bei denen eine Prothese nur ausgetauscht werden muss – also auch dann, wenn der ursprüngliche Eingriff klassisch stattgefunden hat?

Auch diese Patienten profitieren von der Würzburger Prozedur. So kann ein Austausch einer Hüftpfanne sehr gut über dieses Verfahren erfolgen, gerade, wenn zum Beispiel bei der Erstoperation ein hinterer Zugang verwendet wurde und man weiß, dass die Komplikationen nach erneutem hinteren Schnitt massiv zunehmen. Dies muss individuell zwischen Patient und dem Revisionsoperateur besprochen werden.

Sie selbst haben den „Würzburger Schnitt“ mitentwickelt. Könnten Sie kurz zusammenfassen, was bei dieser Technik geschieht? Wo wird sie derzeit angewendet?

Beim Würzburger Schnitt, offiziell der "Würzburger Prozedur", handelt es sich um eine Weiterentwicklung des vorderen Zugangs zum Hüftgelenk. Hierbei wird nach festgelegten Standards und unter Verwendung von exakt vorgeschriebenen Körperstrukturen und maximaler Schonung der umgebenden Muskeln, Sehnen, Bänder und Nerven das Gelenk eröffnet. So kann die Hüftprothese für den Patienten äußerst schonend und komplikationsarm eingebracht werden und die Erholung nach der Operation geschieht sehr schnell. Die Würzburger Prozedur wird derzeit nur in wenigen hochspezialisierten Zentren deutschlandweit angewendet.

Worauf sollte ein Patient bei der Wahl der operierenden Klinik achten?

Bei der Auswahl der operierenden Klinik sollte der Patient Vertrauen zu Operateur und Klinik haben. Man sollte sich nach den OP-Verfahren und den Komplikationen, wie zum Beispiel Infektionen, erkundigen sowie nach der Erfahrung des Operateurs. Aus Studien weiß man, dass hierdurch Komplikationen minimiert und die Haltbarkeit der Prothese verlängert werden können.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 18. Februar 2021 | 21:00 Uhr

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