Gendermedizin Warum Frauen andere Therapien brauchen als Männer

Symptome für Herzinfarkte sind bei Männern anders als bei Frauen. Aber auch nötige Medikamente oder Operationen können sich je nach Geschlecht unterscheiden. Sonst kann es sehr gefährlich werden.

Person liest Packungsbeilage, am Tisch sind Tabletten und Glas Wasser
Männer- und Frauenkörper ticken biologisch anders. Das sollte auch bei der Dosierung von Medikamenten eine Rolle spielen. Bildrechte: Colourbox.de

Frauen und Männer sind verschieden. Und obwohl diese Erkenntnis nun wahrlich nichts Überraschendes hat, hält sie erst seit Kurzem Einzug in die Medizin und die Behandlung von weiblichen und männlichen Patienten. Einer der Gründe: Medizinische Forschung findet zum überwiegenden Teil mit männlichen Patienten statt. Weibliche Körper unterliegen hormonellen Schwankungen und Frauen könnten schwanger werden – unkalkulierbare Risiken, zum Beispiel für Arzneimittelstudien.

Dosierung von Medikamenten kann gefährlich werden

Doch gerade die Wirkungen von Medikamenten können sich bei Frauen und Männern stark unterscheiden. Der "kleine" Unterschied ist in Wirklichkeit ein ziemlich großer und kann vor allem bei weiblichen Patientinnen zwischen Leben und Tod entscheiden, nur wird das bis heute zu wenig beachtet.

Beschwerden bei Frauen werden ignoriert – mit dramatischen Folgen

Früher galten kranke Frauen schnell als "zimperlich" oder "hysterisch". Aktuelle Studien zeigen, dass gesundheitliche Beschwerden bei Frauen noch immer nicht so ernst genommen werden wie bei Männern. Das erklärt vielleicht, warum männliche Patienten mit Symptomen wie Brustschmerz und Druckgefühl mit dem Rettungswagen und Verdacht auf Herzinfarkt schnell ins nächste Krankenhaus eingeliefert werden.

(Nicht nur) Herzinfarkte bei Frauen übersehen

Frauen werden mit typisch weiblichen Herzinfarktsymptomen wie Übelkeit, Kurzatmigkeit und Bauchschmerzen dagegen eher nach Hause schickt – und das, obwohl man inzwischen weiß, dass diese Anzeichen auf einen Infarkt hindeuten könnten. Weil Herzinfarkte häufiger bei älteren Männern vorkommen, wird er bei weiblichen Patientinnen oft außer Acht gelassen. Nicht wenige Frauen kostet es das Leben. Und das gilt nicht nur für den Herzinfarkt. Auch Krebs der Leber, Bauchspeicheldrüse und Blase gelten als männlich und werden deshalb bei Frauen erst spät diagnostiziert.

Erkenntnisse über den weiblichen Körper könnten auch Männern helfen

Aber dennoch ist das "schwache Geschlecht" erstaunlich zäh. Frauen leben durchschnittlich viel länger als Männer: ein Mädchen, das heute geboren wird, lebt 83 Jahre, ein Junge nur 78 Jahre. Wenn Gendermedizin entdeckt, was Frauen so stark macht, könnte dieser Schutz auch Männern helfen. Denn bei der Diagnose von typisch weiblichen Erkrankungen wie Depressionen und Osteoporose sind häufig die Männer im Nachteil.

Gut zu wissen Der englische Begriff "gender" bedeutet Geschlecht. Die Gendermedizin ist ein relativ neues Feld der Medizin. Sie widmet sich den geschlechtsspezifischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen und leitet daraus spezielle Behandlungsoptionen ab.

Geschlechtsspezifisch verschieden: Hormonhaushalt

Eine Hauptursache für diese Unterschiede bei den Geschlechtern liegt im Hormonhaushalt, der das Herz-Kreislaufsystem, den Stoffwechsel und viele andere Abläufe im Körper beeinflusst. So haben Frauen einen höheren Anteil an Fettgewebe, Männer dafür mehr Muskeln und Wasser. Je nachdem, ob Medikamente eher fett- oder wasserlöslich sind, werden Wirkstoffe unterschiedlich schnell ins Gewebe abgegeben. So verbleiben sie über längere oder kürzere Zeit im Körper - und das kann zu einer Über- oder Unterdosierung führen.

Enzyme der Leber unterschiedlich aktiv

Auch Enzyme der Leber, die die Wirkstoffe aus Arzneimitteln abbauen, sind unterschiedlich aktiv. So bauen sich zum Beispiel Schmerzmittel bei Männern schneller ab als bei Frauen, was ungewollte Nebenwirkungen beim weiblichen Geschlecht erhöhen kann. Einige Mediziner fordern inzwischen bereits, das Geschlecht als Dosierungsempfehlung auf Beipackzetteln für Medikamente mit einzubeziehen.

Starkes Immunsystem – eine Frage des Geschlechts?

Den von Frauen gern belächelten Männerschnupfen gibt es tatsächlich. Schuld ist das schlechtere Funktionieren des Immunsystems. Männer erkranken schwerer und häufiger an Atemwegsinfekten. Ihr Körper kann die feindlichen Angreifer nicht so effektiv abwehren, Schnupfenviren haben leichtes Spiel.

Das Immunsystem von Frauen reagiert dagegen schneller und kann akute Infektionen besser bekämpfen. Deshalb reagieren Frauen oft auch stärker auf Impfungen, mit hoher Wahrscheinlichkeit hält die Immunantwort bei ihnen auch länger an. Für die Therapie könnte das bedeuten, dass Frauen geringe Impfdosen bräuchten und seltenere Auffrischungen als Männer.

Weibliches Östrogen und männliches Testosteron

Der Nachteil des weiblichen Immunsystems ist, dass Frauen dafür häufiger unter Autoimmunerkrankungen wie Rheuma, Schilddrüsenerkrankungen, Typ-I-Diabetes oder Allergien leiden. Verantwortlich sind dafür die Sexualhormone Testosteron und Östrogen.

Das weibliche Östrogen stimuliert das Immunsystem und regt die Bildung von Abwehrzellen an. Das männliche Testosteron wirkt anti-entzündlich, unterdrückt die Immunantwort auf fremde Erreger. Das könnte übrigens auch erklären, warum Männer im Durchschnitt schwerer an Covid-19 erkranken.

Mehr Gesundheit

Weitere Ratgeber-Themen