Medikamentenabhängigkeit Medikamentensucht erkennen und behandeln

Abhängige nehmen Drogen wie Kokain und Heroin – so denken viele. Es gibt aber auch die stille Sucht, die es auf Rezept gibt: die Medikamentenabhängigkeit. Häufig bekommen Betroffene gar nicht mit, wann sie in die Abhängigkeit rutschen. Welche Warnsignale es gibt und wie man sich von der Sucht befreien kann, weiß Mediziner Dr. Thomas Dietz.

Tabletten
Bildrechte: imago images/photosteinmaurer.co

Zwischen 1,5 und 1,9 Millionen Menschen in Deutschland sind Medikamentenabhängig. Das schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen.

Die Art der Abhängigkeit ist besonders tückisch: Oft merken die Betroffenen selbst gar nicht, dass sie süchtig sind. Die Abhängigkeit kommt schleichend.

Oftmals hat ein Arzt sogar Tabletten verschrieben, die beispielsweise Schmerzen lindern sollen oder bei Schlafproblemen helfen. Die regelmäßige Anwendung hilft, also wird die Behandlung fortgesetzt.

Irgendwann führt ein Weglassen der Medikamente nicht einfach nur dazu, dass die unerwünschten Symptome wiederkommen, sondern sich psychische und körperliche Entzugserscheinungen zeigen - dann besteht bereits eine Abhängigkeit.

Abhängigkeit oder Missbrauch? Ein Arzneimittelmissbrauch bedeutet, dass Medikamente nicht zur Behandlung erkennbarer Beschwerden eingesetzt werden, sondern zur Beeinflussung des eigenen Wohlbefindens. Der Übergang zur Abhängigkeit ist fließend.

Missbrauch und Abhängigkeit erkennen

Eine Medikamentenabhängigkeit zu erkennen, ist nicht einfach, da die Betroffenen in der Regel lange relativ unauffällig am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und sich nichts anmerken lassen. Freunde und Angehörige können trotzdem auf bestimmte Anzeichen achten.

Dosis und Einnahmezeit
Das Medikament wird länger oder in höherer Dosis eingenommen als verordnet.

Mehrere Bezugsquellen
Nicht selten verschleiern Betroffene ihre Sucht, indem sie sich das nötige Medikament von verschiedenen Ärzten verschreiben lassen oder Präparate in mehreren Apotheken kaufen.

Fixierung
Ähnlich wie bei einer Alkoholabhängigkeit dreht sich das Leben des Betroffenen ausschließlich um das Medikament. Sie können sich nicht mehr vorstellen, die Einnahme zu reduzieren oder zu beenden.

Häufig macht sich die Abhängigkeit erst so richtig bemerkbar, wenn das Mittel abrupt abgesetzt wird. Das kann zufällig passieren, weil zum Beispiel das Medikament im Urlaub vergessen wurde oder bei einem ungeplanten Krankenhausaufenthalt. Dann treten akute Entzugssymptome auf, die sowohl psychisch als auch körperlich sein können.

Bewährter Selbsttest

Haben Sie Sorge, selbst Medikamentenabhängig zu sein? Wenn Sie eine der folgenden Fragen mit "Ja" beantworten, kann das zumindest ein Hinweis auf ein Problem sein:

1. Beunruhigt Sie die Vorstellung, mehrere Tage bzw. Wochen auf "Ihr" Medikament verzichten zu müssen?

2. Haben Sie sich zur Sicherheit einen Vorrat dieses Medikaments angelegt?

3. Haben Sie über die Zeit der Einnahme hinweg die Dosis gesteigert, da die Wirkung des Medikaments nachließ und die ursprünglichen Beschwerden trotz Einnahme des Medikaments wiederkamen?

4. Verbergen Sie vor anderen, dass Sie dieses Medikament einnehmen bzw. wie häufig und in welcher Dosis Sie dieses Medikament einnehmen?

Achtung! Dieser Selbsttest ersetzt nicht das Gespräch mit einer Ärztin, einem Arzt oder einer Suchtberatungsstelle. Er zeigt lediglich auf, ob möglicherweise ein Problem besteht und eine entsprechende fachliche Rücksprache anzuraten ist.

Gefahren für Körper und Seele

Besteht eine Abhängigkeit, kann diese auch schwere Folgen für Körper und Seele haben.

Erhöhte Unfallgefahr durch:

  • Gleichgewichtsstörungen (Sturzrisiko)
  • verminderte Reaktionsfähigkeit im Straßenverkehr
  • Konzentrationsstörungen
  • erhöhte Risikobereitschaft

Weitere körperliche Folgen:

  • Organschäden, wie Magenerkrankungen, Leberschäden, Nierenversagen
  • Übelkeit
  • Sprachstörungen
  • Atemlähmungen (insbesondere bei Überdosierung von Schmerzmitteln)

Eine junge Frau mit Händen in den Haaren.
Die Medikamentenabhängigkeit kann die Psyche stark beeinflussen und beispielsweise Depressionen auslösen. Bildrechte: PantherMedia / Viktor Cap

Psychische Symptome

  • Interessenlosigkeit und Verflachung der Gefühle
  • Persönlichkeitsveränderungen
  • Stimmungsschwankungen
  • Gedächtnisstörungen
  • paradoxe Reaktionen
  • Depressionen
  • Ängste

Medikamentengruppen mit Suchtpotenzial

Der größte Teil der Medikamente, die abhängig machen, kann in folgende Gruppen eingeteilt werden:

Eine schalflose Frau schaut auf Ihren Wecker nachts im Bett
Blei Schlaflosigkeit behelfen sich viele Menschen mit Beruhigungsmitteln. Bildrechte: Colourbox.de

Tranquilizer
Diese Psychopharmaka helfen bei Erregungs-, Spannungs- und Angstzuständen, ohne dass sie Leistungsfähigkeit und Denkvermögen beeinträchtigten.

Jedoch führen sie leicht zu einer „low-dose-Abhängigkeit“, die bereits nach drei bis vier Wochen eintreten kann. Das Missbrauchspotenzial von Schlafmitteln ist höher, da sie meist in höherer Dosierung verschrieben werden.

Opiate und Opioide (Morphium)
Sie haben eine schmerzhemmende, beruhigende und mitunter auch aufputschende Wirkung. Immer höhere Dosen sind nötig, um das innere Gleichgewicht zu erhalten und Entzugserscheinungen zu verhindern. Dies führt im fortgeschrittenen Stadium zu Schlaflosigkeit, Abmagerung, Impotenz, Koordinations- und psychischen Störungen.

Die richtige Anwendung ist entscheidend Für einen „echten“ Schmerzpatienten mit Opioden liegt bei sachgemäßer Anwendung dieser Substanzen die Gefahr einer Abhängigkeit bei 1:1000, also sehr gering.


Nichtopioide Schmerzmittel
Werden rezeptfreie Mischpräparate mit den Wirkstoffen wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ergotamin zu lange eingenommen, besteht die Gefahr eines Dauerkopfschmerzes, der ausschließlich auf diese Medikamente zurückzuführen ist. Das Risiko ist jedoch minimiert, wenn nicht mehr als zehn Tabletten monatlich geschluckt werden.

Hustenblocker (Antitussiva)
Vor allem Mittel, die Codein enthalten, machen relativ schnell psychisch und physisch abhängig.

Aufputschmittel (Psychostimulantien)
Psychostimulantien wie Amphetamine und Ephedrine haben ein sehr hohes Suchtpotenzial. Sie verdrängen Müdigkeit und Erschöpfung, steigern die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit sowie das Selbstvertrauen. Außerdem unterdrücken sie das Hungergefühl.

Die Dosis muss ständig erhöht werden, um Entzugserscheinungen zu vermeiden. Bei chronischem Missbrauch schlägt die anfängliche Euphorie in Gereiztheit, Gespanntheit und Verstimmungen um. Die Appetitzügler basieren auf derselben chemischen Struktur und zeigen ähnliche Folgen wie Aufputschmittel.

Wege aus der Sucht

Aus der Sucht herauszukommen ist nicht einfach und der Weg dahin individuell verschieden. Es gibt jedoch einige Kernpunkte, an denen man sich orientieren kann.

Hilfe suchen
Betroffene können sich an eine Selbsthilfegruppe, Suchtberatungsstelle, einen kompetenten Hausarzt, Psychiater oder Neurologen wenden. Bei einem ersten Gespräch muss der Patient meist offen legen, welche Medikamente er über welche Zeitspanne eingenommen hat und wie seine soziale Situation ist. Dann wird gemeinsam über das weitere Vorgehen nachgedacht.

Menschen sitzen in einem Gesprächskreis zusammen.
Austausch mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, kann helfen. Bildrechte: IMAGO / Paul von Stroheim

Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige hat der Fachverband Sucht e.V. aufgelistet.

Möglich sind ambulante oder stationäre Behandlungsverfahren. Ohne den aufrichtigen Willen, etwas zu ändern, geht nichts. Wenn die Abhängigen von Familie, Freunden oder Arbeitskollegen unterstützt werden, hilft das im Regelfall sehr.

Entgiftung
Jetzt gilt es, die jeweiligen Medikamente abrupt abzusetzen oder Schritt für Schritt – je nach Substanzklasse. Der Arzt begleitet diese Phase, da es beim Entzug zu gravierenden Problemen kommen kann, wie Angstattacken, Unruhe, Schlafstörungen, Kreislaufzusammenbrüche und Psychosen.

Da sich viele Wirkstoffe im Fettgewebe ablagern und in den Nervenstoffwechsel eingreifen, kann es im Einzelfall relativ lange dauern, bis die Wirksubstanzen aus dem Körper entfernt sind.

Faustregel zum Entzug Einen Monat pro Einnahmejahr können die Entzugssymptome auftreten, sie müssen aber nicht so lange anhalten.

Eine junge Frau sitzt auf dem Boden
Entspannungstechniken können bei er Entwöhnung helfen. Bildrechte: imago images / Westend61

Entwöhnung
Nach der Entgiftung setzt die Entwöhnungsphase ein. Der Abhängige lernt jetzt, sich auch psychisch von seinem Medikament zu lösen. In den Kliniken gibt es kreative Angebote wie Körpertherapie, Malen, Entspannungstechniken, Angstgruppen, die klassische Gesprächstherapie und vieles andere. Diese Therapie kann auch ambulant erfolgen. Sie dauert 1 bis 1,5 Jahre.

Nachsorge
Im Anschluss an den Klinikaufenthalt oder einen ambulanten Entzug ist eine Nachbetreuung durch eine ambulante Suchtberatungsstelle oder einen niedergelassenen Psychotherapeuten sehr wichtig. In dieser ersten Zeit geht es vor allem darum, neues Verhalten unter Alltagsbedingungen zu festigen. Dabei kann der Austausch mit Menschen, die gleiche oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben, helfen.

Hinweise für Patienten

ein Arzt im Patientengespräch
Stellen Sie immer Fragen zu den Medikamenten, die Sie verschrieben bekommen. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Ein Grund, das Menschen in den Medikamentenmissbrauch oder die Abhängigkeit rutschen: Viele Patienten wissen nicht genau, was ihnen verschrieben wird und sie scheuen sich, Fragen zu stellen. Das muss sich ändern! Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt nach den Medikamenten, die Sie nehmen sollen, lassen Sie sich fachkundig beraten und über mögliche Risiken aufklären.

Die folgenden Fragen können Ihnen helfen, das gemeinsam zu klären:

  • Welches Medikament nehme ich denn da ein?
  • Welche Risiken gehen von der Einnahme in der angegebenen Dosis und Dauer aus?
  • Können unerwünschte Wirkungen dabei auftreten?
  • Welche alternativen Medikamente gibt es zur Behandlung der Beschwerden?
  • Warum ist genau dieses Medikament für mich geeignet?
  • Gibt es mögliche alternative Behandlungsformen für meine Beschwerden?

Mehr Gesundheit

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 07. Januar 2021 | 17:00 Uhr

Ein Angebot von

Mehr Gesundheit

Weitere Ratgeber-Themen