Palliativmedizin Mehr Lebensqualität für Schwerkranke

Niemand spricht gern darüber. Doch das Sterben gehört zum Leben dazu. Die Palliativmedizin hilft am Lebensende Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu erhöhen. Und das sowohl für die Patienten als auch für die Angehörigen. Doch ihr Potential wird häufig noch unterschätzt.

Die Hände eines Senioren halten einen Gehstock. Eine junge Frau stützt ihn.
Palliativmediziner kümmern sich um Schwerkranke. Bildrechte: Colourbox.de

Frische Blumen auf dem Flur, ein Aquarium im Besucherzimmer und eine Stationsküche, in der Patienten auch schon mal nachts mit einer Schwester Kuchen backen. – Auf der Palliativstation der Ilm-Kreis-Kliniken Ilmenau laufen die Dinge anders als auf einer normalen Krankenhausstation.

Patienten kommen oft zu spät

Die Patienten, die hierher kommen, sind unheilbar krank. Chefärztin Dr. Heike Schlegel-Höfner bedauert, dass viele Patienten zu spät auf ihre Station kommen: "Es ist schade, dass die Palliativmedizin oft nur als Sterbemedizin betrachtet wird. Natürlich soll sie auch Sterbende begleiten. Aber sie soll vor allen Dingen Menschen, die noch Leben vor sich haben, Wochen oder Monate, die Chance geben, diese entsprechend ihren Wünschen zu nutzen. Ohne Schmerzen, mit viel Elan und mit Dingen, die sie wieder lernen können." Das kann beispielsweise der Erfolg sein, wieder länger laufen zu können. Oder dass der Tag-Nacht-Rhythmus wieder besser funktioniert, Atemnot gelindert oder Übelkeit und Erbrechen behandelt werden.

Es ist schade, dass die Palliativmedizin oft nur als Sterbemedizin betrachtet wird.

Dr. Heike Schlegel-Höfner, Ilm-Kreis-Kliniken Ilmenau

Großer Bedarf für palliative Betreuung

Diese Einschätzung bestätigt auch eine aktuelle Studie mit 500 Patienten an 20 deutschen Krebs-Behandlungszentren. Zum ersten Mal wurden unter Leitung des Universitären Krebszentrums am Uniklinikum Leipzig unheilbar erkrankte Krebspatienten nach ihrem palliativmedizinischen Behandlungsbedarf befragt. Studienleiter Professor Florian Lordick resümiert: „Es besteht eine dringende Notwendigkeit für einen frühen Zugang zu unterstützender palliativmedizinischer Versorgung der Betroffenen, einschließlich psycho-sozialer Hilfe.“

Wünsche der Patienten stehen an erster Stelle

Auf der Ilmenauer Palliativstation steht dafür ein interdisziplinäres Team bereit. Dazu zählen speziell ausgebildete Ärzte und Pfleger, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter, Seelsorger und Psychologen. Je nach Problematik werden die Patienten mit Medikamenten oder invasiven Maßnahmen wie Portanlagen oder Sonden versorgt. Zudem sind es auch die vermeintlich kleinen Dinge, die wieder für mehr Lebensqualität sorgen können: eine Massage mit ätherischen Ölen, ein ausführliches Gespräch, das dank eines größeren Personalschlüssels stressfrei möglich ist.

Die Therapien werden den Wünschen des Patienten angepasst. „Wir bemühen uns, den Patienten den Tagesablauf in keiner Weise vorzugeben. Wer eine unruhige Nacht hatte, darf morgens ausschlafen. Dort wird nicht wegen des Frühstücks gestört, sondern es wird gefrühstückt, wenn der Patient Appetit und Lust darauf hat“, gibt Dr. Schlegel-Höfner einen Einblick in den Stationsalltag.

Zwei Hände die sich halten
Niemand bleibt auf einer Palliativstation allein. Bildrechte: Colourbox.de

Appetitlosigkeit großes Problem

Eins der häufigsten Probleme in der letzten Lebensphase sind neben Schmerzen vor allem Ernährungs- und Verdauungsprobleme. Angehörige wollen meist unbedingt, dass Patienten essen, die aber gar keinen Appetit haben. "Es ist normal, dass im Laufe des Lebens der Appetit abnimmt und in den letzten Wochen und Tagen kaum Nahrung aufgenommen wird. Das ist unsere Arbeit, dass den Angehörigen zu erklären, und Verständnis für die Situation zu erzeugen", so Dr. Schlegel-Höfner. Sinnvoll sei es dann, den Patienten nach seinen Wünschen zu fragen, ihm das zuzubereiten, was er früher mal gern gegessen hat.

Es ist normal, dass im Laufe des Lebens der Appetit abnimmt.

Dr. Heike Schlegel-Höfner, Palliativmedizinerin

Eiswürfel aus Wein und Bier

Auf der Ilmenauer Palliativstation gibt es daher einige Extras, die so auf keiner anderen Krankenhausstation serviert werden, Eis mit Schlagsahne beispielsweise. "Das ist oft mehr wert als ein Fläschchen mit einem Nahrungsergänzungsmittel. Und es macht die Patienten glücklich", berichtet Schwester Annette Buse.

Auch Saft, Rotwein oder Bier wird hier in kleinen Eiswürfelbehältern eingefroren. "Das lutschen die Patienten, weil das im Mund einen anderen Geschmack macht. Das freut die Patienten immer sehr", weiß die erfahrene Schwester. Dabei geht es nicht um große Mengen. Es geht vielmehr um Geschmack und Wohlbefinden, dass man damit erzeugen kann.

Brückenteams unterstützen zu Hause

Durchschnittlich bleiben die Patienten rund zehn Tage auf der Ilmenauer Palliativstation. Etwa die Hälfte der Patienten verstirbt während des Aufenthaltes, die andere Hälfte möchte gern zurück in die vertraute Umgebung. Aber auch hier sind die Patienten und ihre Angehörigen nicht auf sich allein gestellt. Sogenannte Brückenteams, die auf die ambulante Palliativversorgung zu Hause spezialisiert sind, kümmern sich um die Patienten und ihre Angehörigen. Die speziell geschulten Hausärzte oder Palliativmediziner, Schwestern, Pfleger und Hospizdienste haben in der Regel eine 24-Stunden-Rufbereitschaft und ermöglichen medizinische Versorgung und Selbstbestimmung in der letzten Lebensphase.

Palliativmedizinerin Dr. Schlegel-Höfner würde sich wünschen, dass sich mehr Menschen frühzeitig über diese Phase Gedanken machen: "Das Thema wird gerne weggeschoben. Aber unser aller Leben ist endlich. Wir können im Rahmen unserer Möglichkeiten Lebensqualität schenken, die man auch in Anspruch nehmen darf."

Für alle Fälle: Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Möchte ich künstlich ernährt werden, wenn ich mich im Endstadium einer unheilbaren Krankheit befinde? Möchte ich künstlich beatmet werden? Wo möchte ich sterben? Niemand beschäftigt sich gern mit solchen Fragen. Doch im Fall eines schweren Unfalls oder einer schweren Erkrankung treten diese Fragen auf. Hat man seinen Willen nicht selbst in einer Patientenverfügung festgelegt, müssen andere darüber entscheiden.

Liegt eine Vorsorgevollmacht vor, sind das in der Regel die nahen Angehörigen. Ist keine Vorsorgevollmacht vorhanden, wird vom Amtsgericht ein Betreuer bestellt, der dann entscheidet. Was viele nicht wissen: Ehepartner sind nicht automatisch bevollmächtigt zu entscheiden. Auch sie brauchen eine Vorsorgevollmacht, genau wie Eltern, deren Kinder über 18 Jahre alt sind.

Kugelschreiber auf Vorsorgevollmacht
Ohne Vorsorgevollmacht wird vom Amtsgericht ein Betreuer bestellt. Bildrechte: imago/STPP

Wichtig auch: Die Patientenverfügung sollte regelmäßig aktualisiert und angepasst werden. Etwa alle zwei Jahre sollte sie erneut unterschrieben werden. Bei den teils komplizierten medizinischen Fragen sollte man sich von einer Ärztin oder einem Arzt beraten lassen. Auch Hospizdienste, die Verbraucherschutzzentralen und die Deutsche Stiftung Patientenschutz bieten meist Hilfe bei Fragen an.

Eine Vorlage für eine Patientenverfügung und ein Formular für eine Vorsorgevollmacht findet man beim Bundesgesundheitsministerium.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz berät und prüft kostenfrei zur Patientenverfügungen und hat eine Schiedsstelle für Streitfälle.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 27. Mai 2021 | 21:00 Uhr

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