Der Redakteur | 04.04.2022 Das Ende vieler Corona-Regeln: Wie viel Schutz ist jetzt noch klug?

Bei den Corona-Krankschreibungen hat Thüringen einen neuen Höchststand erreicht. Dennoch fallen die meisten Regeln. Doch wie sollte man sich nun verhalten? Wie viel Schutz ist klug?

Einkaufen beim Discounter
Im Einzelhandel fällt die Maskenpflicht weg. Allerdings können Händler oder Supermarktketten eine solche Pflicht per Hausrecht durchsetzen.  Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Die Abschaffung von 2G, 3G und Maskenpflicht war mehr ein politischer Betriebsunfall als ein kluger Ausstiegsplan. Corona hat seinen Schrecken ein stückweit verloren, sodass sich parteipolitische Spielchen auch nicht mehr ganz so verwerflich anfühlen. Dass Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) als Mahner vom Dienst eine dreistellige Zahl an täglichen Corona-Toten als nicht hinnehmbar bezeichnet, ist längst auch nur noch eine von vielen Wortmeldungen, die bis zu Klageandrohungen gingen, für den Fall der Verlängerung der Schutzmaßnahmen.

Patientenschützer wie der Vorsitzende der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, halten die Lockerungen für unverantwortlich. Die Chefin der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, hätte die Maskenpflicht in Innenräumen gern beibehalten. Und was machen wir? Wir tragen die Masken weiter freiwillig. Die Beobachtungen des ersten "maskenfreien" Verkaufstages deckten sich mit den Ergebnissen des ARD-Deutschlandtrends und einer "Bild am Sonntag"-Umfrage, beide repräsentativ für die Gesamtbevölkerung.

Beim ARD-Deutschlandtrend haben sich 61 Prozent gegen die Abschaffung der Maskenpflicht ausgesprochen und der Insa-Umfrage für die "Bild am Sonntag" zufolge wollen 63 Prozent der Deutschen weiter Maske tragen, wenn es eng wird. Zum Beispiel im Supermarkt. Eine kluge Entscheidung angesichts der aktuellen Omikron-Welle, sagen Prof. Christian Drosten und Prof. Alexander Kekulé und verweisen auf diverse Studien, die weltweit die Wirksamkeit der Masken wissenschaftlich bewiesen haben.

Die angenehmen Nebeneffekte ausgebliebener Grippe- und Erkältungswellen kommen noch hinzu. Wäre eine Maske vielleicht auch künftig angebracht, wenn wir uns einen Schnupfen eingefangen haben?

Wer viele Viren ausscheidet, verbreitet eine massive Wolke. Deshalb sind Masken zum Fremd- und Selbstschutz derzeit immer noch sinnvoll.

Prof. Alexander Kekulé, Corona-Kompass MDR Aktuell

Es gilt die Formel: Fremdschutz: OP-Maske, Eigenschutz: FFP2. Mit Omikron haben wir leider eine Virusvariante, die in der Lage ist, besonders unsere maskenfreien Momente für die Weiterverbreitung zu nutzen. Deshalb raten die Experten dazu, sorgfältig abzuwägen, in welche Situationen man sich begibt. Nicht jede Menschenansammlung, nicht jede Party sollte gleich mitgenommen werden.

Das heißt: Abstand und frische Luft und das Fernbleiben von Schnupfennasen sind weiter Gebote der Stunde. Zumal sich eine Ansteckung durch Omikron innerhalb eines Haushalts kaum noch verhindern lässt, wenn dort Personen empfänglich sind. Das erhöht die Verbreitung enorm und war beim Subtyp noch anders. Bekannt ist, dass die Empfänglichkeit für das Virus von verschiedenen persönlichen Gegebenheiten und Risikofaktoren abhängt, deren Aufzählung "Immunschwäche, Diabetes, Übergewicht und männlich" leider noch nicht vollständig ist. Und bekannt ist auch: Wer nicht geimpft ist, hat nicht nur ein erhöhtes Risiko, schwer zu erkranken, sondern auch und besonders nach einem milden Verlauf, sich monatelang mit Long-Covid-Symptomen herumzuschlagen.

Thüringen ist krankgeschrieben

Auch für Betriebe werden die vermeintlich "milden" Verläufe, die zwar nicht zu einer Krankenhauseinweisung, aber zu einer Krankschreibung führen, immer mehr zum Problem. Noch nie waren in Thüringen so viele Menschen wegen Corona arbeitsunfähig wie im Moment, hat eine Auswertung des Barmer Instituts für Gesundheitssystemforschung (bifg) unter Barmer-versicherten Erwerbstätigen ergeben. Demnach waren in der Woche vom 6. bis 12. März 2022 von 10.000 Thüringer Barmer-Versicherten mit Anspruch auf Krankengeld, 217 krankgeschrieben.

Anfang Januar 2022 lag der Wert noch bei 81 von 10.000, in der ersten Welle waren es maximal 183. Angesichts einer stets nachlaufenden Long-Covid-Welle, sind viele Betroffene auch nach einer Erkrankung Kandidat für weitere Ausfallzeiten. Es sei denn, sie sind geimpft. Denn das ist eine der Erkenntnisse der vergangenen Monate, dass die Impfungen nicht nur gegen schwere Verläufe, sondern eben auch sehr gut gegen Long Covid wirken.

Dass aktuell unter den vielen Infizierten auch viele Geimpfte und Geboosterte sind, die zum Teil auch mit Symptomen oder gar Fieber einige Tage flach liegen, ist übrigens kein Beweis dafür, dass die Impfung völlig versagt hat. Das betonen die Experten gebetsmühlenartig, wohl wissend, dass es schwer ist, Laien die Begründungen verständlich zu machen. Die da wären, dass Impfungen nicht zu 100 Prozent schützen und auch geringe Prozentwerte in Pandemien zu vielen sichtbaren Fällen führen.

Eine weitere Begründung hat mit der Komplexität unseres Immunsystems zu tun. Vereinfacht gesprochen: Die in unseren Körper tief eingedrungene Nadel der Impfung schützt unser Inneres, also die Lunge und andere Organe vor einer schweren Erkrankung. Diese Tatsache, dass Corona eben diese schweren Erkrankungen überdurchschnittlich oft auslöst, macht das Ganze zusammen mit der leichten Übertragbarkeit zur Pandemie.

Und der Impfschutz vor schweren Erkrankungen gilt nach dem ersten Booster auch als sehr zuverlässig und lang anhaltend. Über 70-jährigen und Menschen mit Vorerkrankungen wird jedoch ein zweiter Booster empfohlen, um den Schutz aufrechtzuerhalten und zudem sogar wieder für einige Zeit vor einer Ansteckung zu schützen.

Wann sind wir endlich auch vor einer Ansteckung geschützt?

Für den Schutz vor einer Ansteckung ist das Immunsystem der Atemwegsschleimhäute zuständig, bedeutet: Ich bekomme erst gar nicht Corona, weil die Viren schon am "Eingang" abgefangen werden. Dieses "äußere Immunsystem" ist zwar eine etwas vereinfachte Darstellung, aber Immunologen und Virologen benutzen dieses Bild gern, um uns Laien die Wirkungsweise zu verdeutlichen.

Dieser Schutzmechanismus in Nase und Rachen bekommt zwar vom "Tiefenschutz" der Impfungen auch etwas mit, aber leider ist die Vergesslichkeit an dieser Stelle größer als ursprünglich erhofft. Das heißt übersetzt, die Viren werden mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur Impfung quasi erst bekämpft, wenn sie schon zu tief in den Körper eingedrungen sind. Deshalb sind Symptome auch bei Geimpften eine logische Folge. Aber jede Infektion eines Geimpften trägt dazu bei, dessen Immunität der Atemwegsschleimhäute aufzubauen.

Bei Influenza hat jeder Erwachsene mehrfach die echte Infektion in der Nase gehabt, dadurch bildet sich in der Schleimhaut eine eigene Immunität.

Prof. Christian Drosten im Coronavirus-Update NDR info

Bis zu diesem Effekt kann es bei Corona noch ein wenig dauern und je mehr wir das Virus kreiseln lassen und somit neue Varianten fördern, umso länger dauert die Pandemie, sagt Prof. Drosten auch an die Adresse der Ungeimpften. Außerdem hofft er auf die Impfungen mit einem Spray, die es aber noch nicht bis zur Zulassungsreife geschafft haben.

Und um das noch einmal ganz klar zu sagen: Nein, man hätte es ohne Impfschutz nicht einfach laufen lassen können. Und das ist auch aktuell noch kein ethisch vertretbarer Weg aus der Pandemie, so Prof. Drosten. Deshalb raten Wissenschaftler und Mediziner weiterhin zur Vorsicht und zur Maske, die angesichts der neuen Freiwilligkeit auch zum Statement werden könnte: Sie schützt nicht nur, sie zeigt auch: Ich nehme Rücksicht auf andere.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 04. April 2022 | 17:10 Uhr

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