Unruhige Beine Schlaflos durch "Restless Legs": Was hilft?

Etwa zehn bis 20 Prozent der Europäer leidet unter "Restless Legs" (kurz: RLS). Obwohl die "rastlosen Beine" so häufig sind, wird die Erkrankung oft spät diagnostiziert. Typische Symptome sind Kribbeln, Schmerzen oder Zuckungen. Sie unterscheiden sich individuell. Gemeinsam ist jedoch eines: Betroffene können häufig nachts nicht schlafen. Wir haben mit Björn Wito Walther, Neurologe am Zentralklinikum Suhl, über Auslöser, Begleiterkrankungen und Heilungschancen gesprochen.

bewegte Beine eilender Frauen
Es fühlt sich bei manchen Betroffenen so an, als hätten sie "Ameisen in den Beinen". Das RLS-Syndrom behindert so oft ein normales Einschlafen. Bildrechte: imago/imagebroker

Wodurch kann das Restless Legs Syndrom ausgelöst werden?

Björn Wito Walther: Das RLS ist bei 50 Prozent der Betroffenen eine familiäre Form und damit vermutlich genetisch bedingt. Solche Patienten sind zumeist etwas jünger und können auch in der Nachfolgegeneration früher erkranken. Das RLS kann aber auch sekundär bedingt, also Folge einer anderen Erkrankung sein.

Welche anderen Erkrankungen können sich denn dahinter verstecken?

Björn Wito Walther: Etwa 50 Prozent der nierenkranken Dialyse-Patienten leiden an einem RLS. Auch eine Neuropathie an den Beinen wie beim Diabetes mellitus oder eine Erkrankung des Rückenmarks können mit RLS verbunden sein, ebenso wie Erkrankungen, die mit einem Eisen- oder Vitamin B12-Mangel einhergehen. RLS kennen wir aber auch als Nebenwirkung von Medikamenten wie Antidepressiva oder Neuroleptika.

Eine Holzpuppe fasst sich ans Knie. 11 min
Bildrechte: IMAGO

Gibt es Menschen, die besonders gefährdet sind?

Björn Wito Walther: Das RLS ist eine Störung, die vor allem ältere Menschen betrifft. Etwa zehn Prozent der über 65-Jährigen haben Erfahrungen mit unruhigen Beinen gemacht, wenngleich nur ein Teil dieser Menschen auch eine behandlungsbedürftige Erkrankung hat. Allerdings kann das RLS auch im letzten Drittel der Schwangerschaft vorkommen, was vermutlich mit einem Mangel an Eisen in dieser Schwangerschaftsphase zu tun hat. Wir wissen, dass dem RLS ein Mechanismus zugrunde liegt, der im Dopamin-Stoffwechsel im zentralen Nervensystem und in dessen Wechselspiel mit Nerven und Muskeln begründet ist. Eine besondere Rolle kommt dem Eisen als Kofaktor in der Dopaminherstellung zu, die besonders am Abend und nachts aktiv ist.

Warum trifft es vornehmlich ältere Menschen?

Björn Wito Walther: Vermutlich spielt – auch bei den familiären Formen – ein degenerativer Prozess eine Rolle, also eine Demaskierung der Erkrankung, die mit zunehmendem Alter sichtbar wird. Hier ist allerdings noch einiges ungewiss. Andererseits sind Erkrankungen wie Neuropathien, Rückenmarksschädigungen, Nierenfunktionsstörungen oder Eisenmangelerkrankungen im Alter häufiger. Auch RLS-auslösende Medikamente werden im Alter häufiger eingesetzt.

Kann man vorbeugen bzw. das Auftreten des RLS in jedem Fall verhindern?

Björn Wito Walther: Wer die Veranlagung für das Auftreten eines RLS hat, wird das Auftreten von Symptomen nicht verhindern können. Mangelzustände von Eisen oder Vitamin B12, besonders bei speziellen Ernährungsgewohnheiten, sollten aber durch eine ausreichende Nahrungsergänzungsstrategie verhindert werden.

Sie sprechen von Mangelzuständen. Kann man sagen, dass das RLS gewissermaßen anzeigt, dass im Körper etwas nicht im Lot ist?

Björn Wito Walther: Es kann vorkommen, dass das RLS tatsächlich als richtungsweisendes Symptom auftritt, das zum Beispiel eine Entleerung der Eisenspeicher im Körper signalisiert. Das kann dann schon Anlass sein, sich auf die Suche nach der Ursache für eine Blutarmut zu begeben und eine ausführliche Diagnostik besonders des Magen-Darm-Trakts oder beim Gynäkologen nach sich ziehen.

Kann man davon ausgehen, dass die Beschwerden nachlassen, wenn der Mangel behoben bzw. die zugrundeliegende systemische Erkrankung korrekt eingestellt ist?

Björn Wito Walther: Wenn eine sekundäre Form des RLS identifiziert werden konnte, sollte natürlich in erster Linie versucht werden, die Mangelzustände (Eisen, Vitamin B12) auszugleichen oder eine Anämie zu behandeln. Das allein kann ausreichend sein, um das Syndrom zu heilen. In anderen Fällen, wie bei chronischen Erkrankungen zum Beispiel einer dialysepflichtigen Niereninsuffizienz oder einer Neuropathie bei Diabetes mellitus, braucht es dann trotzdem eine medikamentöse Behandlung. Diese kann sich aber von der üblichen Behandlung des RLS unterscheiden.

Eine Eisentablette
Eisenpräparate sollte man nur einnehmen, wenn es wirklich nötig ist und der Eisenwert im Blut regelmäßig kontrolliert wird. Bildrechte: imago/photothek

Lässt sich ein RLS in jedem Fall heilen?

Björn Wito Walther: Bei sekundären Formen ist, wie oben erwähnt, ist eine Heilung möglich. Bei den familiären Formen ist eine Heilung in aller Regel nicht zu erreichen. Bei umsichtigem Vorgehen, das besonders die langfristige Behandlungsstrategie dieser chronischen Erkrankung im Auge hat, ist aber das Erreichen einer optimalen Lebensqualität kein Problem.

Stichwort Nebenwirkungen: Welche Rolle spielen Medikamente bei der Entstehung eines RLS? Wie lässt sich das umgehen?

Björn Wito Walther: Insbesondere Psychopharmaka können ein RLS auslösen oder bei Menschen mit familiärem RLS auch erstmalig demaskieren. Das ist ein Problem, weil es nicht viele Ausweichpräparate in dieser Substanzgruppe gibt. Die wenigen Möglichkeiten sind den Spezialisten aber bekannt. Sollte sich der Einsatz solcher Medikamente trotz RLS nicht vermeiden lassen, muss diese Nebenwirkung dann unter Umständen medikamentös abgefangen werden. 

Was versteht man unter Augmentation?

Björn Wito Walther: Augmentation bedeutet eine scheinbare Verschlimmerung der RLS-Symptome unter der eigentlich richtigen Therapie mit sogenannten dopaminergen – also auf Dopamin reagierenden – Substanzen. Beschwerden treten dann schon früher im Tagesverlauf auf, breiten sich an den Beinen weiter oder auch auf die Arme aus, werden intensiver und die Wirksamkeit der Medikamente lässt nach oder ist verkürzt. Ursache hierfür ist in aller Regel eine zu hohe Dosierung der eigentlich richtig eingesetzten RLS-Medikamente. Begünstigt wird das Auftreten einer Augmentation wiederum durch einen Eisenmangel im Körper.

Lässt sich dieser Effekt rückgängig machen?

Björn Wito Walther: Der Effekt ist einfach zu beheben durch das Absetzen der Medikamente und eine Medikamentenpause. Dadurch können sich die Rezeptoren erholen. Danach begibt sich die Erkrankung immer wieder auf das Ausgangsniveau, kann allerdings vorübergehend noch einmal etwas schlimmer toben. Darauf sollte der Patient eingestellt sein; gegebenenfalls muss das medikamentös mit Ausweichpräparaten aufgefangen werden. Anschließend muss eine Neueinstellung erfolgen, meist auf eine andere Substanz.

Dr. Walther
Dr. Björn Wito Walther ist Neurologe und am Zentralklinikum Suhl tätig. Bildrechte: SRH Zentralklinikum Suhl

Was können Betroffene selbst unternehmen?

Björn Wito Walther: Viele Betroffene haben Strategien entwickelt, um ihre unruhigen Beine vorbeugend vor der Nacht zu beruhigen. Dabei gibt es keine generelle Empfehlung, das sollte jeder individuell für sich herausfinden: viel oder wenig Bewegung, Wärmen oder Kühlen der Füße, Massieren oder Einreiben der Beine, Einhalten regelmäßiger Bettzeiten. Mangelzustände von Eisen oder Vitamin B12 sollten verhindert werden. Manche Patienten mit leichten Formen des RLS berichten von einer ausreichenden Besserung durch den abendlichen Einsatz von Magnesium als Brausetabletten.

Wann ist eine medikamentöse Behandlung ratsam? Nach welcher Zeit kann man mit einer Besserung rechnen?

Björn Wito Walther: Sicherlich ist der Leidensdruck individuell verschieden. Menschen, die regelmäßig Beschwerden haben und bei denen die Lebensqualität durch das RLS beeinträchtigt ist, sollten behandelt werden. Die zur Behandlung des RLS zugelassenen Medikamente bringen eine unmittelbare Besserung von Beginn an. Mitunter muss eine Dosisanpassung vorgenommen werden oder ein Präparat umgestellt werden. In jedem Fall sollten die Patienten darauf achten, dass eine unkontrollierte und kurzfristige Dosissteigerung ungewöhnlich ist und auf die Entwicklung einer Augmentation hinweisen kann. Das sollte unbedingt mit dem Arzt besprochen werden. Auch eine bedarfsregulierte Behandlung des RLS ist möglich, also der Einsatz von Medikamenten nur bei Auftreten von RLS-Beschwerden, insbesondere bei leichteren Fällen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 10. Juni 2021 | 21:00 Uhr

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