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Gesetzliche Krankenkassen werben dafür, dass ihre Versicherten regelmäßig zur Vorsorge gehen. Bildrechte: IMAGO / Martin Bäuml Fotodesign

Experten besorgtWeniger Menschen gehen zur Krebsvorsorge

von Annett Müller-Heinze, MDR AKTUELL

Stand: 04. Februar 2021, 10:34 Uhr

In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind in der ersten Jahreshälfte 2020 deutlich weniger Menschen zum Arzt gegangen, um gegen Krebs vorzubeugen. Experten halten das für alarmierend.

Die Corona-Pandemie hat im ersten Halbjahr vorigen Jahres zu einem deutlichen Rückgang der Krebs- und Gesundheitsvorsorge unter den gesetzlich Krankenversicherten geführt. So hieß es auf Anfrage von MDR AKTUELL bei der Barmer, dass bei allen gesetzlichen Krankenkassen in Mitteldeutschland ein Rückgang der Zahlen bei den Voruntersuchungen zu verzeichnen sei.

Weniger Frauen bei Krebsvorsorge

Besonders deutlich wird der Rückgang bei Früherkennungsuntersuchungen auf den Gebärmutterhalskrebs. In Thüringen ging der Anteil der untersuchten Frauen im ersten Halbjahr vorigen Jahres um 13,3 Prozent zurück – im Vergleich zum ersten Halbjahr 2019. In Sachsen-Anhalt gab es laut Statistik einen Rückgang von 12,5 Prozent, in Sachsen von 10,4 Prozent bei den Früherkennungs-Checks. Die rückläufigen Zahlen können auch mit einer Umstellung bei der Vorsorge begründet werden. Seit Anfang 2020 erhalten Frauen ab 35 Jahren den Pap-Abstrich und einen sogenannten HPV-Test nur alle drei Jahre. Jüngsten Daten des Robert Koch-Instituts zufolge erkrankten im Jahr 2016 bundesweit 4.400 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, etwa 1.600 verloren den Kampf gegen die Krankheit.

Bei der Früherkennung bei Brustkrebs gibt es einen ähnlichen Negativtrend. So hieß es auf MDR-Anfrage bei der Techniker Krankenkasse, sie habe allein in Sachsen-Anhalt im zweiten Quartal fast zehn Prozent weniger Frauen bei der Mammographie registriert, verglichen zu 2019. In Sachsen waren es gut drei Prozent weniger Patientinnen, in Thüringen gut 1,8 Prozent weniger Frauen.

Ähnlicher Trend bei Prostata-Untersuchung

Einen deutlichen Rückgang registrieren alle gesetzlichen Krankenkassen in Mitteldeutschland auch bei den Frühuntersuchungen auf Prostatakrebs. So haben sich im ersten Halbjahr 2020 in Thüringen 13 Prozent weniger Männer auf diese Krebsart präventiv untersuchen lassen, verglichen zu 2019. In Sachsen-Anhalt waren es 11,8 Prozent weniger Männer, in Sachsen 11,3 Prozent weniger Männer als noch 2019. An einer bösartigen Neubildung an der Prostata starben 2019 gut 15.040 Männer deutschlandweit.

Expertin befürchtet "verschleppte Krebsfälle"

Die Leiterin des Krebsinformationsdienstes vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, Susanne Weg-Remers, hält die rückläufigen Zahlen für "bedenklich". Auf Anfrage von MDR AKTUELL sagte sie, sie befürchte, dass in den kommenden Monaten und Jahren "mehr verschleppte Krebsfälle in einem fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert werden könnten". Außerdem sei zu vermuten, dass Betroffene auch im jetzigen Lockdown trotz Beschwerden die Zähne zusammenbissen, "statt zum Arzt zu gehen – womöglich aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus."

Brustkrebs war 2019 bei Frauen die Krebsart, die am häufigsten zum Tode führte. Bildrechte: imago images/Panthermedia

Gesundheits-Check - Nur noch halb so häufig nachgefragt

Den stärksten Rückgang der Zahlen verzeichnen die gesetzlichen Krankenkassen laut Barmer-Statistik beim sogenannten Check-Up 35 – ein allgemeiner Gesundheits-Check, auf den gesetzlich Versicherte ab 35 alle drei Jahre einen Anspruch haben. Dabei wird ein individuelles Risikoprofil erstellt. Hier gab es in Mitteldeutschland im vorigen Jahr einen Rückgang der Zahlen um mehr als die Hälfte (Sachsen-Anhalt um 54,1 Prozent, Sachsen um 52,8 Prozent, Thüringen um 51,3 Prozent). Experten vermuten, dass der Rückgang in dieser Kategorie nicht nur mit der Corona-Pandemie zu begründen sind, sondern auch mit einer gesetzlichen Veränderung von 2019. Seither haben ab 35-Jährige nur noch alle drei und nicht mehr alle zwei Jahre Anspruch auf diese Untersuchung.

Ob die rückläufigen Zahlen bei den Frühuntersuchungen im zweiten Halbjahr 2020 wieder ausgeglichen wurden, ist derzeit noch unklar. Diese Zahlen liegen laut Krankenkassen erst in einigen Monaten vor.

Aufruf zur Vorsorge am Weltkrebstag

Immer wieder betonen Mediziner und die Krankenkassen, dass Früherkennungen bei Krebs und anderen Krankheiten die Heilungschancen um ein Vielfaches erhöhen. Wo coronabedingt Termine nicht wahrgenommen oder verschoben worden seien, sollten diese schnellstmöglich nachgeholt werden. Keinesfalls sollte damit auf das Ende der Pandemie gewartet werden. Im Ernstfall könnte dadurch wertvolle Zeit verloren gehen.

Auch mit dem heutigen Weltkrebstag soll weltweit für eine Vorbeugung und eine frühzeitige Behandlung geworben werden. Deutschlandweit starben 2019 laut Statistischem Bundesamt täglich durchschnittlich fast 633 Menschen an Krebs. Das waren aufs Jahr gerechnet insgesamt 231.000 krebsbedingte Todesfälle.

Dieses Thema im Programm:MDR AKTUELL RADIO | 04. Februar 2021 | 06:00 Uhr