Experten-Interview Schmerzgedächtnis: "Wenn die Diagnose verschleppt wird"

Viele hoffen, dass Schmerzen irgendwann wieder verschwinden. Ein fataler Fehler. Denn so trainiert man sein Schmerzgedächtnis. Neurologe Dr. Rolf Malessa erklärt, was das für dauerhaft schmerzhafte Folgen haben kann.

3D-Illustration von Schmerzen in der Schulter
"Die Zeitdauer und Intensität des Schmerzes bestimmt, ob ein Schmerzgedächtnis entsteht", erklärt Dr. Malessa. Daher sollten Schmerzen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Bildrechte: Colourbox.de

Was ist das Schmerzgedächtnis?

Dr. Malessa: Unter einem Schmerzgedächtnis versteht man verschiedene Veränderungen, die sich im Nervensystem abspielen, wenn ein Schmerz längere Zeit anhält. Diese Veränderungen zeigen sich sowohl biochemisch, als auch physiologisch oder morphologisch. Das heißt Nervenzellen verändern sich nicht nur in ihrer Funktion, sondern sogar in ihrer Struktur, was man sich früher so nie vorstellen konnte.

Wie entsteht ein Schmerzgedächtnis?

Dr. Malessa: Besonders häufig entsteht ein Schmerzgedächtnis bei neuropathischen Schmerzen, das heißt, wenn das Nervensystem eine Schädigung hat, die zu Schmerzsignalen führt. Die Schmerzsignale können dann zum Bespiel in den Nerven in Armen und Beinen entstehen und permanent in Richtung Rückenmark feuern. Das Rückenmark wird dadurch überempfindlich und leitet die Schmerzsignale verstärkt weiter.

Diese Signale werden dann wiederum im Hirn verarbeitet und zusätzlich verstärkt. Letztlich führt dies alles dann zu einer viel stärkeren Schmerzwahrnehmung. Es kann sogar dazu kommen, dass bei völlig fehlendem äußeren Reiz spontan Schmerzen auftreten bis hin zu starken Dauerschmerzen.

der Neurologe Dr. Rolf Malessa
Dr. Rolf Malessa ist Vertreter der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft für Thüringen und Sachsen. Bildrechte: MDR

Wann sollte man mit Schmerzen zum Arzt, um chronische Schmerzen zu vermeiden?

Dr. Malessa: Die Zeitdauer und Intensität des Schmerzes bestimmt, ob ein Schmerzgedächtnis entsteht. Dies ist vor allem dann relevant, wenn die Ursache der Schmerzen unklar bleibt und die Diagnose verschleppt wird. Wenn beispielsweise kribbelnde, drückende oder brennende Schmerzen in den Füßen bestehen oder Ischias-ähnliche Schmerzen, die vom Gesäß ins Bein ausstrahlen und man keine typische Ursache findet, wie etwa eine Polyneuropathie oder einen Bandscheibenvorfall, dann müssen frühzeitig Spezialisten zu Rate gezogen werden und dazu zählen nicht nur Orthopäden, sondern auch Neurologen, Rheumatologen und Schmerztherapeuten, um die Ursache zu klären und gezielt zu behandeln. 

Besteht ein Schmerzgedächtnis ein Leben lang oder gibt es die Chance dieses wieder zurückzufahren?

Dr. Malessa: Eine Chance gibt es immer. Ideal ist es natürlich, wenn die Ursache des Schmerzes geklärt ist und man diese behandeln kann. So sehen wir Patienten, die jahrelang unter starken Schmerzen gelitten haben und nach der Behandlung einer Nervenentzündung komplett schmerzfrei werden. Andererseits kann selbst dann noch viel Gutes erreichen, wenn man die Ursache nicht beseitigen kann, denken Sie beispielsweise an eine Gürtelrose, die Narben im Nervengewebe hinterlassen hat.

Häufig ist es möglich, die Überempfindlichkeit der Nerven zumindest teilweise zurückzudrängen. Hierzu wird man in schwierigen Fällen auch mehrere Medikamente gleichzeitig einsetzen müssen, um den Schmerz auszubremsen. Bei langjährigen chronischen Schmerzen ist außerdem eine sogenannte multimodale Schmerztherapie möglich, bei der die Patienten intensiv informiert und geschult werden und körperliche sowie psychische Schmerzkomponenten identifiziert und interdisziplinär behandelt werden.

Dabei kommt auch der Physiotherapie und Ergotherapie sowie der Verhaltenstherapie und Psychotherapie eine wichtige Bedeutung zu. Derartige Behandlungen werden z. B. auf unserer NONPain-Unit, einer speziellen Nervenschmerzspezialstation zusammen mit unseren orthopädischen und anästhesiologischen Fachkollegen sowie Ärzten für Psychosomatik, Psychologen und einem großen Therapeutenteam durchgeführt. Man sollte einen solchen Aufwand nicht scheuen, denn er wird sich oft in der Zukunft für den Patienten auszahlen. Falsch wäre es, den Patienten zu sagen, dass sie den Schmerz aushalten müssen, damit es besser wird, dies wird in der Regel nicht funktionieren.

Können schon Säuglinge und Kinder ein Schmerzgedächtnis entwickeln?

Dr. Malessa: Es gibt Hinweise darauf, dass Säuglinge, die in den ersten Lebenswochen Schmerzen ausgesetzt waren, später eine größere Schmerzempfindlichkeit zeigen. Kinder können also schon ein Schmerzgedächtnis entwickeln. Entsprechend können sehr frühe Traumata, ob körperliche oder seelische dazu beitragen, dass der Mensch zu einem späteren Zeitpunkt ein chronischer Schmerzpatient wird.

Emotionaler Schmerz ist körperlichem Schmerz offenbar sehr nahe. Deshalb ist es auch wichtig bei chronischen Schmerzen nicht nur auf Medikamente zu setzen, sondern auch zu schauen, welche psychischen Belastungen vorliegen, wie beispielsweise Schlafstörungen, Depression oder Angststörungen. Deshalb haben die Psychotherapie und verhaltenstherapeutische Ansätze auch gerade bei chronischen, schwer behandelbaren Schmerzen ihren wichtigen Stellenwert. 

Gibt es eine interdisziplinäre Anlaufstelle, wenn einzelne Ärzte in der Diagnose nicht weiterkommen – aber der Schmerz bleibt?

Dr. Malessa: An manchen Kliniken gibt es Schmerzambulanzen, in denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen zusammenarbeiten. Wenn beispielsweise ein Schmerz im Schulter-Arm-Bereich oder Becken-Bein-Bereich nicht besser wird, dann wird ein guter Orthopäde immer auch einen Neurologen, Rheumatologen oder Schmerztherapeuten zu Rate ziehen. Wir sehen beispielsweise viele Patienten, bei denen dann die Ursache der Schmerzen eine Entzündung im Armnervengeflecht oder im Beinnervengeflecht ist, die dann gezielt behandelt werden kann. Häufig überlagern sich auch orthopädische und neurologische Ursachen. Wenn wirklich nichts hilft, sollte man nicht davor zurückschrecken, sich in eine spezialisierte Klinik einweisen zu lassen. Man sollte als Patient einfach nicht aufgeben.

Infos zum Experten PD Dr. med. habil. Rolf Malessa ist Chefarzt in der Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie, diese gehört zum Sophien- und Hufeland Klinikum in Weimar.

Er ist Facharzt für Neurologie und spezialisiert auf die Behandlung akuter, chronischer Schmerzerkrankungen wie z.B. Migräne, Rückschmerzen, Nervenschmerzen, Gesichtsschmerzen.

Zudem ist er Vertreter der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft für Thüringen und Sachsen.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 26. August 2021 | 21:00 Uhr

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