"Leaky Gut"-Syndrom Schmerzen durch Löcher im Darm?

Müdigkeit, Migräne oder chronische Entzündungen: Die Ursache für all diese Symptome könnte im Darm zu finden sein, genauer gesagt im "Leaky Gut"-Syndrom. Leaky Gut steht für "löchriger Darm". Doch was bedeutet das? Und was lindert die Symptome?

Eine Frau liegt mit Bauchschmerzen auf einem Sofa.
Schmerzhafte Blähungen können ihre Ursache auch im Leaky-Gut-Syndrom haben. Bildrechte: imago/Westend61

"Leaky Gut" ist englisch und bedeutet so viel wie "löchriger Darm". Dass unser Darm durchlässig ist, ist völlig normal und auch gut so. Schließlich gelangen wichtige Nährstoffe über die Darmschleimhaut ins Blut und werden so vom Körper aufgenommen. Mediziner sprechen von der Darmpermeabilität – also der Durchlässigkeit.

Auf der anderen Seite sorgt die Darmschleimhaut dafür, dass keine unerwünschten Stoffe wie Viren, Bakterien oder Pilze aus dem Darm ins Blut gelangen können. Die Pförtner, die das verhindern, sind sogenannte "Tight Junctions" oder auch "dichte Verbindungen". Sie bilden netzartige Strukturen aus Proteinen, die die Zellen der Schleimhaut zusammenhalten. Sie besteht quasi aus nebeneinander aufgereihten Mauersteinen, die die Aufgabe haben, Schadstoffe nicht in die Blutgefäße durchzulassen.

Immunsystem bekämpft Fremdkörper

Ist die Funktion der Darmschleimhaut gestört, kann sie keine Abwehr bilden, die Darmbarriere ist nicht mehr intakt und wird durchlässiger für Schadstoffe. Der Körper schlägt sofort Alarm. Das Immunsystem erkennt die Fremdkörper und bekämpft sie. Das führt aber zu weiteren Entzündungsreaktionen, die sich im ganzen Körper ausbreiten können. Eine undichte Darmschleimhaut hat Auswirkungen auf den gesamten Organismus.

Experten über "Leaky Gut"-Syndrom uneins

Weil die körpereigene Entgiftung auf Hochtouren läuft, fühlen sich Betroffene müde und schlapp. Der Organismus bildet Antikörper gegen die als schädlich eingestuften Nahrungsmittelbestandteile und entwickelt Allergien. Und mitunter richtet sich das Immunsystem auch gegen den eigenen Körper. Es kann zu Autoimmunerkrankungen kommen. Erste Studien legen diesen Zusammenhang nahe. Noch streiten Mediziner, ob das Leaky-Gut-Syndrom wirklich als Ursache hinter den vielen verschiedenen Beschwerdebildern steckt.

"Leaky Gut"-Syndrom schwierig zu diagnostizieren

Die Diagnose eines Leaky Gut ist kompliziert, da die gestörte Schleimhaut bei einer Darmspiegelung nicht erkannt wird. Inzwischen gibt es erste Tests, um Stoffe in Blut-, Stuhl- oder Urinproben nachzuweisen, die auf ein Leaky-Gut-Syndrom hindeuten könnten. Aber auch einige andere Faktoren könnten erste Hinweise geben. Dazu gehören die Einnahme von Medikamenten wie Antibiotika, eine Strahlentherapie, übermäßiger Alkoholkonsum oder auch andauernder Stress. All das kann zu einer Dysbalance der empfindlichen Darmschleimhaut führen.

Auch bestimmte Nahrungsmittel können individuell verschieden die Darmwand schädigen und Auslöser für einen Leaky Gut sein. "Nicht jeder verträgt alles", sagt Darm-Experte Dr. Lars Fechner aus Halle. Gemeint sind Nahrungsmittelintoleranzen, wie etwa eine Gluten- oder Laktoseunverträglichkeit. Auch hoch verarbeitete Lebensmittel können die Ursache sein. Sie enthalten häufig Geschmacksverstärker, verschiedene Zuckerarten wie Maltodextrin oder Emulgatoren. Diese Stoffe können die Darmschleimhaut reduzieren. Studien zeigen in Tierversuchen außerdem, dass das Immunsystem darauf ähnlich reagiert wie auf eine bakterielle Infektion.  

Wie kommt die Darmbarriere wieder ins Gleichgewicht?

Ganz oben auf der To-do-Liste sollte eine Ernährungsumstellung stehen. Dazu gehört der Verzicht auf zu viel Zucker und ungesunde Fette. So oft wie möglich sollte die Nahrung frisch zubereitet werden, ohne künstliche Zusätze. Ein Ernährungstagebuch kann dabei unterstützen, Unverträglichkeiten von Gluten, Laktose, Fruktose oder Histamin auf die Spur zu kommen. Liegt tatsächlich eine Intoleranz vor, hilft nur noch konsequentes Reduzieren oder sogar Weglassen der unverträglichen Nahrungsmittel. 

Darmexperte Dr. Lars Fechner empfiehlt außerdem Lecithin. Lecithine gehören zu den Lipiden, also Fetten. Die sorgen mit dafür, dass die Schleimhaut ihre Schutzbarriere aufrechterhalten kann. Bei Patienten mit der chronischen Darmkrankheit Colitis ulcerosa konnte nachgewiesen werden, dass die schützenden Lipide um bis zu 70 Prozent niedriger waren, als bei gesunden Probanden. 

Einnahme von Probiotika und Präbiotika

Auch die Art und Anzahl der Bakterien im Darm spielen eine wichtige Rolle. Da der schützende Schleim auf der Darmschleimhaut von guten Darmbakterien gebildet wird, kann die Einnahme von sogenannten Probiotika helfen. Die Pulver oder Tabletten enthalten verschiedene Bakterienkulturen, die natürlich im gesunden Darm vorkommen; sie können das Mikrobiom wieder ins Gleichgewicht bringen.

"Man braucht vor allem Geduld“, sagt Gastroenterologe Dr. Lars Fechner. Es kann mehrere Monate dauern, bis sich die Darmschleimhaut wieder erholt hat. Für eine Darmsanierung mit Probiotika empfiehlt er die Einnahme jeweils eine Woche im Monat, sieben Tage am Stück. Langfristig helfen auch Präbiotika, also Lebensmittel, die die guten Darmbakterien "füttern". Dazu gehören Gemüsesorten wie Sauerkraut, Kohl, Zwiebeln, Knoblauch und Hülsenfrüchte, aber auch ballaststoffreiche Lebensmittel wie Vollkornprodukte, Leinsamen, Flohsamenschalen oder pektinreiches Obst wie Äpfel und Beeren.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 03. Juni 2021 | 21:00 Uhr

Mehr Gesundheit

Weitere Ratgeber-Themen