Orthopädie Knie aus dem 3D-Drucker: Wenn Standardprothesen nicht reichen

Bei fortgeschrittener Arthrose im Knie bleibt als letzter Ausweg oft nur der Einsatz eines künstlichen Gelenkes. Nicht für jeden Patienten ist jedoch eine Standardprothese geeignet. Wir haben mit Prof. Maik Hoberg, Facharzt für Orthopädie am Marienstift Arnstadt, über die Herausforderungen des Kniegelenks und eine unkonventionelle individuelle Lösung gesprochen: die Prothese aus dem 3D-Drucker.

Zuallererst eine generelle Frage: Die Zahl der Operationen mit künstlichen Kniegelenken ist in den letzten Jahren enorm angestiegen. Experten führen das unter anderem auf finanzielle Interessen von Krankenhäusern bzw. niedergelassenen Chirurgen zurück. Wie kann ich mich als Patient vergewissern, dass der Eingriff tatsächlich notwendig ist?

Prof. Maik Hoberg: In Deutschland leiden bis zu fünf Millionen Menschen an Arthrose. Doch die OP ist der letzte Schritt. In aller Regel werden Knieprothesen nur dann empfohlen, wenn alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Meist haben die Patienten zu diesem Zeitpunkt schon eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Die Entscheidung zur OP trifft der Patient in Abstimmung mit seinem Orthopäden oder Chirurgen. Zudem besteht immer auch die Möglichkeit, sich eine zweite Meinung einzuholen.

Übergewicht, zu wenig Bewegung: Ließe sich ein künstliches Kniegelenk bei gesunder Lebensführung in jedem Fall verhindern?

Prof. Maik Hoberg: Wir werden älter, wir werden dicker. Mit Zunahme des Gewichts steigt das Risiko für Verschleiß. Tatsächlich sind vielfältige Faktoren die Ursache für Arthrose. Neben Alter und Übergewicht können dies auch X- und O-Beine, Unfallfolgen oder Stoffwechselstörungen sein. Aber auch Rheuma und Gicht, zu wenig Bewegung sowie die genetische Veranlagung können den Gelenkverschleiß fördern. Mit einer gesunden Lebensführung leistet jeder selbst seinen eigenen Beitrag zum Erhalt seines Kniegelenks – auch wenn Arthrose nicht in jedem Fall verhindert werden kann.

Prof. Maik Hoberg
Prof. Dr. med. Maik Hoberg ist Ärztlicher Direktor an der Fachklinik für Orthopädie des Marienstifts Arnstadt. Bildrechte: Marienstift Arnstadt

Was macht speziell das Kniegelenk so anfällig für degenerative Erkrankungen?

Prof. Maik Hoberg: Das Knie ist ein komplexes Gelenk, in dem extrem hohe Kräfte wirken. Anders als z.B. ein Türscharnier kann es dreidimensional rollen, gleiten und sich drehen. Bei Änderungen der Mechanik oder stärkerer Belastung, etwa durch das angesprochene Übergewicht, wirken besonders hohe Kräfte, die den Verschleiß beschleunigen können.

Ihre Fachklinik für Orthopädie im Marienstift Arnstadt bietet das sogenannte "Sportlerknie" an. Was genau versteht man darunter? Wie viele Kliniken in Deutschland bieten diese Variante an?

Prof. Maik Hoberg: In Deutschland können etwa 70 Kliniken diese Prothese einsetzen. Den Begriff haben tatsächlich Patienten diesem Kunstgelenk gegeben. Hintergrund ist, dass es gerade bei solchen Sportlern mit gutem Erfolg eingesetzt wird, bei denen eine Standard-Prothese aufgrund ihrer individuellen Anatomie nicht den gewünschten Erfolg erzielen würde. Studien zeigen: 20 Prozent aller Patienten sind mit ihrem neuen Standard-Knie unzufrieden.

Der Aufbau eines Kniegelenks ist generell sehr individuell. Bei diesem Kunstgelenk handelt es sich um ein speziell für den einzelnen Patienten hergestelltes Knie, das möglichst nah an dessen natürlichen Aufbau herankommt. So kann späteren Problemen mit einem künstlichen Kniegelenk entgegengewirkt werden.

Für wen sind diese Sportlerknie geeignet, für wen nicht?

Prof. Maik Hoberg: Eine individuelle Knieprothese ist tatsächlich nicht für jeden Patienten angezeigt. Sie macht dann Sinn, wenn eine Standard-Endoprothese Passformschwierigkeiten verursachen würde, weil der Patient eine besondere Anatomie aufweist – und zudem noch beruflich oder sportlich das Knie sehr belasten muss oder möchte. Wenn zum Beispiel die Gelenkflächen eine deutlich schiefe Ebene aufweisen, kann solch eine naturnahe Rekonstruktion des Gelenks die Biomechanik des Patienten erhalten.

Wir vermessen das Gelenk im CT. Anhand dieser Daten fertigt der Hersteller die Prothese im 3D-Drucker an. Dies alles erfordert viel Erfahrung und muss speziell geschult werden. Denn eine mögliche Abweichung muss bereits in der Sprechstunde erkannt werden. Der Einsatz ist unmöglich, wo so schwere Zerstörungen vorhanden sind, dass der Gelenkoberflächenersatz generell nicht möglich ist. Für diese Patienten sind achsgeführte Prothesen eine Option.

Was erwartet Patienten nach der Operation? Wirkt sich die genauere Passform positiv auf Heilungszeit und -erfolg aus?

Prof. Maik Hoberg: Im Allgemeinen ist mit einer sehr schnellen Rehabilitation zu rechnen. Viele Patienten können das Knie zügig frei im gewünschten Ausmaß bewegen. Auch mit Schmerzarmut und Schmerzfreiheit ist bald zu rechnen. Mittelfristig zeigen die Nachuntersuchungen, dass die Notwendigkeit von Revisionen, also Wechseloperationen, innerhalb der ersten vier Jahre um 70 Prozent reduziert ist.

Handelt es sich bei dem Knie aus dem 3-D-Drucker um eine Kassenleistung?

Prof. Maik Hoberg: Ja. Bei entsprechender Diagnose und wenn die besondere Notwendigkeit begründet und nachgewiesen ist.

Die Prothesen werden derzeit ausschließlich in Amerika gefertigt. Hat das Auswirkungen auf die Planbarkeit der Operation? Wie lange dauert der Prozess von der Entscheidung für bis hin zur Durchführung der OP?

Prof. Maik Hoberg: Nein, dies hat keine Auswirkung auf die Planbarkeit. Wir wie auch der Hersteller arbeiten in etablierten Prozessen. Nach einer Entscheidung für diese Operation dauert es von der Planung im CT über die Herstellung der individuellen Prothese bis zur OP im Schnitt acht bis zehn Wochen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 20. Januar 2022 | 21:00 Uhr

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