Dezent und smart Tipps für das richtige Hörgerät

Jeder siebente Erwachsene hört nach aktuellen Schätzungen schlecht. Betroffene lassen oft viel Zeit verstreichen, bevor sie einen Arzt aufsuchen. Dabei sind Hörgeräte inzwischen längst dezent und auch smart zu bedienen.

Ein Ohr, aus dem eine Tonfrequenz erscheint, ist von bunten Lichteffekten umgeben.
Hörverlust ist meist ein schleichender Prozess. Fatal: Im Schnitt kümmern sich Betroffene erst nach sieben Jahren um ein Hörgerät. Bildrechte: imago/Science Photo Library

Die typische Altersschwerhörigkeit geht meist mit Veränderungen im Innenohr einher. In der sogenannten Hörschnecke, der Cochlea, sterben die wichtigen Haarzellen ab. Sie sollen Schallsignale in elektrische Impulse wandeln, die das Gehirn verarbeiten kann. Gegen den Verlust dieser Haarzellen lässt sich leider nichts tun. Prof. Dr. Michael Fuchs erklärt: "Jede einzelne Haarzelle, die verloren geht, kommt nicht wieder. Man kann das nicht kausal therapieren."

Der einzige Weg, dem schleichenden Hörverlust zu begegnen, ist die Versorgung mit einem Hörgerät. Damit sollten Betroffene nicht zögern. Denn wer schlecht hört, verliert nach und nach die Fähigkeit, an Gesprächen teilzunehmen. Das kann schließlich zum sozialen Rückzug führen und birgt sogar ein erhöhtes Risiko für Demenz und Depression im Alter.

Wann externe Hörgeräte an Grenzen stoßen

Moderne Hörgeräte sind inzwischen vollkommen unauffällig und ermöglichen oft nicht nur, normalen Gesprächssituationen wieder ohne Anstrengung zu folgen. Mit "smarten" Modellen kann der Nutzer sich auch die Signale von Telefon oder Fernseher direkt ins Ohr senden lassen. Gut eingestellte Hörgeräte ermöglichen also eine entspannte Teilnahme am normalen Leben.

Doch nicht jede Form der Schwerhörigkeit lässt sich mit externen Hörgeräten zufriedenstellend ausgleichen. Etwa dann, wenn der Hörverlust so stark ausgeprägt ist, dass die bloße Verstärkung akustischer Signale nicht ausreicht. In einigen Fällen kann dann jedoch ein implantierbares Hörgerät die Lösung sein, also eine Konstruktion, die mittels eines operativen Eingriffs unter die Haut gepflanzt wird.

Wie funktionieren Cochlea-Implantate?

Der Begriff "Cochlea" bezieht sich auf die sogenannte Hörschnecke – jenen Teil des Innenohrs, in dem normalerweise Schallwellen zu Nervenimpulsen werden. Ein Cochlea-Implantat überbrückt sozusagen die natürliche Schaltstelle, die nach dem Absterben der Haarzellen nicht mehr funktioniert. Wichtigste Voraussetzung, damit das Gerät den Hörverlust ausgleichen kann – der Hörnerv muss noch intakt sein. Das Implantat sendet über Elektroden nämlich elektrische Schwingungen, die den Hörnerv direkt stimulieren.

Um das Implantat einzusetzen, wird durch ein Loch im Schädelknochen ein dünner Draht bis in die Hörschnecke geschoben. Dieser enthält die Elektroden, um den Hörnerv zu erregen. Der zweite Teil des Hörgeräts, in dem Mikrofon und Sprachprozessor untergebracht sind, wird außen hinter dem Ohr platziert.

Erst Operation, dann Reha

Die OP ist für den Patienten aber nur der erste Schritt, um wieder besser hören zu können. HNO-Professor Fuchs sagt: "Die eigentliche Arbeit geht erst nach der OP mit der Reha los.Das Gerät einzusetzen ist die eine Kunst – die andere ist, dass der Patient davon auch profitiert!"

Für die Gewöhnung an das Implantat sind etwa 30 weitere Therapietage nötig, die über drei Jahre verteilt werden. In dieser Zeit trainiert der Patient, Geräusche, Sprache und Musik wieder richtig wahrzunehmen.

Cochlea-Implantat
Das Cochlea-Implantat ist eine Hörprothese. Voraussetzung: Der Hörnerv muss noch intakt sein. Bildrechte: dpa

Eher selten: Einseitige Schwerhörigkeit

Die klassische Altersschwerhörigkeit erfasst meist beide Ohren. Bei einer kleinen Gruppe von Patienten betrifft der Hörverlust aber nur ein Ohr. Oft sind Unfälle, Tumorerkrankungen oder Entzündungen der Grund. Für den Außenstehenden scheint diese Form der Schwerhörigkeit zunächst weniger dramatisch.

Professor Michael Fuchs dazu: "Früher sagte man häufig: 'Dann hörst du eben nur auf einer Seite.'" Doch die einseitige Schwerhörigkeit schafft besondere Herausforderungen, wenn Alltagssituationen bewältigt werden sollen – und ist mitunter schwierig zu behandeln.

Richtungshören wird dadurch gestört

HNO-Mediziner Fuchs schildert die Folgen dieser Form des Hörverlusts für den Alltag. "Ich brauche eigentlich beide Ohren, um Störschall von Nutzschall zu trennen. Das wird vor allem in einer lauten Umgebung zum Problem." Auch die Ansprachefähigkeit ist beeinträchtigt, wenn sich jemand von der "tauben Seite" nähert.

Woran viele aber gar nicht denken – das Richtungshören ist gestört, wenn nur ein Ohr zur Verfügung steht. Die Betroffenen können zum Beispiel nur schwer orten, aus welcher Richtung sich ein Auto nähert. "All das führt dazu, dass diese Menschen auf dem noch funktionierenden Ohr schneller ermüden", sagt Prof. Fuchs. Folge: Sie ziehen sich zurück, meiden Situationen, die sie anstrengen könnten.

Doch wie lassen sich solche Patienten gut versorgen? Zunächst kann versucht werden, das ertaubte Ohr mit einem Cochlea-Implantat auszurüsten. Ist allerdings der Hörnerv geschädigt, kann auch so ein Gerät nicht mehr helfen.

Durch Schallumleitung kann das kranke Ohr wieder mithören

  • CROS-Systeme

Eine weitere Option: Das gesunde Ohr wird genutzt, um für die kranke Seite "mitzuhören". Nach diesem Prinzip funktionieren sogenannte CROS-Systeme. CROS steht für "Contralateral Routing Of Signal", was "Schallumleitung" bedeutet. Das noch intakte Ohr bekommt dazu ein spezielles externes Hörgerät. Dessen Mikrofon steckt aber nicht im Gerät selbst, sondern wird auf der anderen Seite, also im oder hinter dem "schlechten" Ohr, angebracht.

Die Signale dieses Mikrofons werden dann per Kabel oder über Funk an das Hörgerät übertragen. So wird für 30 bis 40 Prozent der Patienten das räumliche Hören wieder möglich. Nachteil: Der Gehörgang des noch gesunden Ohres wird durch das Hörgerät "zugestopft".

  • Knochenleitungsimplantat

Eine weitere Möglichkeit – auf der "tauben" Seite kommt ein besonderes implantierbares Hörgerät zum Einsatz, ein so genanntes Knochenleitungsimplantat. Es nimmt die akustischen Signale auf und wandelt sie in Vibrationen um, die auf den Schädelknochen übertragen werden. So gelangt das Schallsignal über den Knochen, der als eine Art Brücke funktioniert, an das gesunde Ohr auf der anderen Seite.

Ob so ein System für den Patienten in Frage kommt, lässt sich ausprobieren – mit einer vorübergehend getragenen "Hörbrille" oder einem Stirnband mit integriertem Audioprozessor, die ebenfalls Schwingungen an den Schädelknochen senden. Allerdings sind sie weniger effektiv als eingepflanzte Systeme, da Haare und Haut die Übertragung beeinflussen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 03. Juni 2021 | 21:00 Uhr

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