Ein Klimaforscher im Interview "Der Klimawandel ist menschengemacht"

Er gehört zu den rund 230 internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die im August für die Vereinten Nationen einen neuen Weltklimabericht vorgelegt haben: Johannes Quaas, Professor für Theoretische Meteorologie an der Universität Leipzig.

Mittelalter Mann mit Brille und kurzen dunklen Haaren lächelt, trägt ein hellblaues, offenes Hemd und ein graues Sakko und steht in einem Park.
Bildrechte: Katharina Werneburg / Uni Leipzig

Das Klima ist eine globale Herausforderungen, bei dem aber wirklich jeder etwas tun kann. So kann man das doch sagen?

Johannes Quaas: Tatsächlich. Denn am Ende ist es ja so, dass das CO2 lange in der Atmosphäre bleibt. Das heißt, jedes bisschen, was emittiert wird, bewirkt Klimawandel und insofern jede und jeder trägt dazu bei.

Aber gibt es irgendetwas, was bei ihnen wirklich familiär ein No-Go ist, von dem sie sagen, also das machen wir jetzt definitiv gar nicht mehr?

Johannes Quaas: Ja, auch da glaube ich, ragt unsere Familie nicht unbedingt heraus. Es sind so verschiedene Themen, die da eine Rolle spielen: Verkehr, Wohnungen, Heizen und natürlich Konsumgüter. Und in all den Dingen versuchen wir schon uns daran zu halten, dass wir möglichst wenig verbrauchen. Aber wir sind, glaube ich, auch keine Ideologen in der Richtung.

Sie stammen aus einem christlich geprägten Elternhaus. Sie haben einen Zwillingsbruder, der auch hier in Leipzig an der Universität forscht, als Volkswirt. Auch er beschäftigt sich mit den großen Fragen, auch mit den Klimafragen. Von daher könnte ich mir vorstellen, dass bei Ihrer Familie am Tisch heiß diskutiert wird.

Johannes Quaas: In der Meteorologie beschäftigen wir uns damit, was passiert, was sind die Prozesse. Wie ändert sich das Klima? Was die Leute, also auch mein Bruder, in der in der Wirtschaft in den Gesellschaftswissenschaften machen, ist besser zu verstehen, was sollten wir ändern? Wie muss das tatsächlich auch funktionieren? Gerade so ein wirtschaftlicher Blick, der ändert natürlich auch, wie man selber über solche Möglichkeiten nachdenkt. Das sieht man dann, dass es eben eigentlich als gesellschaftliches Problem besser angegangen wird. Natürlich, jeder Einzelne kann etwas tun, aber wir alle zusammen sollten etwas tun.

Sie haben an dem Weltklimabericht mitgearbeitet, der im August vorgestellt wurde. Gab es darin auch irgendetwas, was sie selbst überrascht hat?

Johannes Quaas: Es ist ja der sechste Bericht, das muss man immer bedenken. Der erste war schon 1990, das heißt, natürlich wächst das Wissen. Wir haben auch neue wichtige Erkenntnisse gewonnen, seit dem letzten Bericht. Es gibt eine Sache, die jetzt tatsächlich ein bisschen überraschend war, weil jetzt nachgewiesen wurde, dass hundert Prozent des Klimawandels menschengemacht ist.

Da haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern also schon in in den ersten Berichten ins Schwarze getroffen, also schon vor 30 Jahren?

Johannes Quaas: Genau, 1990 kam der erste Bericht. Und 30 Jahre ist ja so ein Klimazeitraum. Das heißt, man kann jetzt nachvollziehen, was hat die damalige Generation an Klimawissenschaftlern vorhergesagt für den Klimawandel bis heute. Und diese beiden Kurven liegen übereinander. Das Handlungswissen für die Politik war eigentlich schon 1990 vorhanden. Auf der Weltklimakonferenz 1992 in Rio hat ja Al Gore glasklar mit 192 Vertragsstaaten gesagt, wir müssen den Klimawandel aufhalten vor 29 Jahren.

Gibt es Gegenden der Erde, in denen die Lebensbedingungen, unter anderem auch für die bäuerliche Landwirtschaft in den nächsten zehn Jahren unzumutbar werden?

Johannes Quaas: Es gibt diese etwas fatale Eigenschaft des sich erwärmenden Klimas, dass da, wo es jetzt trocken ist, also relativ wenig Niederschlag fällt, es trockener wird. Und da, wo jetzt relativ viel Niederschlag fällt, es feuchter wird, also noch mehr Niederschlag fällt. Und deswegen ist es also so, dass gerade solche Regionen, wo es jetzt schon ziemlich trocken ist, im Mittelmeerraum zum Beispiel, dass es da weiter trocken wird. Und das hat natürlich dramatische Konsequenzen, konkret für die Landwirtschaft, nach der gefragt worden ist.

Wie geht es bei uns weiter? Für die Landwirte hier waren das ja auch bittere Jahre.

Johannes Quaas: Wir sind so ein Zwischengebiet, also ganz konkret Mitteldeutschland. Wir haben also nicht besonders hohe Niederschläge. Es ist auch nicht besonders trocken. Rein von dem, was in der Atmosphäre passiert. Hier sind die Änderungen nicht so dramatisch, wie es woanders ist. Es gibt natürlich immer auch Wetterextreme. Und die intensivieren sich. Aber es ist nicht so dramatisch wie in anderen Regionen.

Die einen haben das Gefühl, das nur wir was machen, und die anderen kümmern sich einen Dreck darum. Und die anderen sagen, na ja, eigentlich ist die Karre schon ganz schön im Dreck.

Johannes Quaas: Ich glaube eigentlich nicht, dass nur wir was machen. Man sieht in vielerlei Hinsicht, dass andere den Karren eigentlich mitziehen. Man sieht jetzt, dass in den USA weit verbreitet am Klimaschutz gearbeitet wird. China erkennt die Zukunftschancen, auch technologisch, die in einer Anpassung und in neuen Technologien stecken. Und da bin ich eigentlich nicht der Meinung, dass da Deutschland allein dasteht, ganz im Gegenteil.

Während des Lockdowns flogen zeitweise weniger Flugzeuge. Und bei ihnen hat das zu welchen Fazit in einer Studie geführt?

Johannes Quaas: Man beobachtet hinter den Flugzeugen diese Kondensstreifen. Flugzeuge tragen ja zum Klimawandel bei, durch das CO2, das sie ausstoßen, aber eben auch durch die Kondensstreifen. Die wirken erwärmend auf das Klima. Aber die Frage war, wie stark ist der Effekt dieser Kondensstreifen. Manchmal kann man beobachten, dass sich diese schmalen Kondensstreifen ausbreiten und manchmal auch den ganzen Himmel bedecken können. Dann lassen sie sich nicht mehr unterscheiden, ohne weiteres, von normalen Wolken, Zirruswolken. Deswegen war das jetzt so interessant zu schauen, was passiert, wenn man den Luftverkehr um 80 Prozent reduziert, wieviel weniger von diesen Zirruswolken hat man da? Und das Ergebnis war für unsere Regionen, wo viel Luftverkehr ist: neun Prozent weniger von diesen Zirruswolken gibt es dann. Und das das hilft dann eben genau zu wissen, wie stark ist dieser Klimaeffekt?

Aber was sollen wir denn jetzt machen? Was wäre Ihre Idee?

Johannes Quaas: Wir verstehen eigentlich ganz gut die Bedingungen, wann sich solche Kondensstreifen bilden. Das hängt mit der relativen Feuchte zusammen in der oberen Atmosphäre. Man könnte versuchen, einfach tiefer zu fliegen. In solchen Wettersituationen, wo Kondensstreifen sich bilden.

Was sind so die wichtigsten Dinge, die wir so im Kleinen verändern können?

Johannes Quaas: Jetzt will ich trotzdem sagen, was das Wichtigste ist, was vielleicht nicht so sehr klein ist. Also es ist eigentlich ein Problem, was wir insgesamt als Gesellschaft angehen müssen. Und deswegen ist am Ende der Staat gefragt. Dass die, die CO2 verursachen, auch dafür bezahlen, dass das CO2 einen Preis kriegt. Und dann sollten die, die eben ihr Leben nach und nach umstellen, auch davon Vorteile haben

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Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 20. Oktober 2021 | 16:30 Uhr

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