Der Redakteur | 07.04.2022 Angebliches Mahnschreiben: Wie erkennt man Lotto-Betrugsmasche?

Martina Böhm aus Apolda und Karin aus Jena haben Mahnschreiben einer "Euro Lotto Zentrale Euro Jackpot GmbH" erhalten, die über zwei angebliche Münchner Anwälte knapp 300 Euro eintreiben und die Kontoverbindung auskundschaften möchte. Der angeführte Vertrag, die Firma und die Anwälte - nichts davon existiert. Wie sollte man in solchen Fällen reagieren?

Kündigungsvordruck eine Betrugstricks, der Kontodaten verlangt und Geld anweist
So sieht es aus, wenn jemand Geld und Kontodaten ergaunern will. Bildrechte: MDR/Thomas Becker

Wer Zahlungsaufforderungen von Unbekannten erhält, sollte sie erstens immer kritisch zu prüfen, zweitens im Zweifel zur Polizei gehen und das drittens am besten online. Das ist der schnellste Weg und vereinfacht das Zusammenführen der Fälle. Alleine MDR THÜRINGEN wurden von Hörern heute dutzende Betrugsversuche gemeldet, sodass die Zahl der Betroffenen deutschlandweit Größenordnungen erreichen dürfte.

Trick mit Lastschrift

Das hat auch etwas mit der gewählten Versandmethode zu tun, unter 4.000 Briefen läuft da nichts bei der Post. Die Taschendiebe von heute agieren leider aus dem Homeoffice und nicht zwingend aus Deutschland. Auch der Brief der ungewöhnlich klingenden GmbH deutet darauf hin, dass da bei den Deutschkenntnissen einiges im Argen liegt.

Viele Formulierungen sind mindestens untypisch für anwaltliche Schreiben und ähnlich verhält es sich auch mit der Art und Weise, wie letztlich auch noch versucht wird, die Kontonummer der Opfer auszukundschaften. Die angebliche Forderung soll nämlich durch Lastschrift eingezogen werden, womit die Betrüger im "Erfolgsfalle" nicht nur die fragliche Summe ergaunert hätten, sondern auch noch die Kontonummer des Geschädigten für weitere Selbstbedienungsaktionen.

Wir sind bei diesem Thema auch sehr schnell wieder beim Thema Medienkompetenz: "Wer schreibt hier eigentlich was und warum?" Mit recht einfachen Mitteln und Suchanfragen im Internet lässt sich aber durchaus seriös feststellen, ob eine Firma oder ein Anwalt existiert und wie ein solches Schreiben einzuordnen ist.

Was ist mit der Adresse in München?

Diese Adresse ist zunächst echt in der Maximilianstraße, wenngleich dort weder die in den Schreiben angeführten Rechtsanwälte, noch die Kanzlei zu Hause sind. Ob eine Firma grundsätzlich existiert, das lässt sich leicht beim Bundesanzeiger nachprüfen. Das ist die zentrale Plattform in Deutschland für amtliche Verkündungen und Bekanntmachungen wie Gesetze, aber auch für rechtlich relevante Unternehmensnachrichten. Einfach Firmennamen im Suchfeld eingeben und in unserem Fall nicht fündig werden.

Bundesanzeigerauszug, der vermeintliche Lottofirma als unbekannt ausweist
Diese Lottofirma gibt es offenbar nicht. Bildrechte: MDR/Thomas Becker

Übrigens: Die Tatsache, dass Firmen gesetzlich verpflichtet sind, relevante Vorgänge wie Gründungen im Bundesanzeiger zu veröffentlichen, nutzen "Dienstleister" schon seit Jahrzehnten aus, um ihrerseits Einträge in privaten Online-Branchenregistern zu verkaufen. Früher gab’s solche Bücher noch gedruckt. Die Schreiben sehen gern ähnlich aus wie die amtliche Zahlungsaufforderung des Bundesanzeigers, so dass sich diese Behörde veranlasst sieht, gleich auf der Startseite vor diesen Trittbrettfahrern zu warnen.

Der Bundesanzeiger Verlag warnt vor Angeboten und Bescheiden über Registereintragungen für Unternehmen im Unternehmensregister.

Internetseite des Bundesanzeiger Verlages

Nun sind natürlich gerade in größeren Gebäuden nicht alle Mieter im Telefonbuch oder auf Internetseiten verzeichnet, aber es gibt weitere Möglichkeiten, herauszufinden, ob zum Beispiel dort jemand tatsächlich residiert. In diesem Fall wird ja eine Anwaltskanzlei angeführt, von deren Existenz zumindest die Münchner Rechtsanwaltskammer wissen müsste. An dieser Stelle war die Suche schon erfolgreich abgeschlossen, denn die Anwaltskammer wurde wegen dieser Schreiben mit Anfragen geflutet und warnt deshalb gleich auf ihrer Startseite vor der Betrugsmasche.

Dazu gibt es den freundlichen Hinweis:

Ob eine Person als Rechtsanwalt zugelassen ist und damit unter dieser Berufsbezeichnung auftreten darf, kann unter www.rechtsanwaltsregister.org von jedermann nachgeprüft werden.

Internetseite Anwaltskammer München

Wobei ein weiterer Hinweis wichtig ist: In den vergangenen Jahren wurden für solche Betrugsmaschen auch die Identitäten echter Firmen und Kanzleien genutzt, das heißt: Geändert wurden zum Beispiel nur die Kontaktdaten, die für das Geldeinsammeln notwendig sind. Deshalb der dringende Hinweis: Genau hingucken und die Angaben vergleichen. Im aktuellen Fall versteckt sich die Mailadresse für die Rücksendung der Kontodaten übrigens hinter einem QR-Code. Es ist eine banale Gmail-Adresse.

Soll ich zur Polizei gehen?

Unbedingt. Es ist ein Denkfehler, zu glauben, dass ein Fall mit der Anzeige eines einzelnen Betroffenen schon ausreichend an die Polizei gespiegelt ist. Motto: Nun wissen die ja Bescheid. Erst die Summe vieler Einzelfälle führt zu einer angemessenen Gesamtstrafe. Es macht nämlich einen gewaltigen Unterschied, ob sich jemand mit einem einzelnen gefälschten Papier einen Vorteil verschaffen will, oder ob versucht wird, tausende Menschen zu betrügen. Und: Schon der Versuch ist strafbar.

Wenn jemand in großem Stil versucht, Menschen zu betrügen, dann sollte das auch im Urteil gewürdigt werden können.

Patrick Martin, Sprecher Landespolizei Thüringen

Nun ist das Gehen zur Polizei nicht zwingend wörtlich zu nehmen. Sie ersparen sich und der Polizei viel Arbeit, wenn Sie das online erledigen. Unter Polizei.de finden Sie die polizeilichen Online-Angebote aller Bundesländer und damit auch den Link zur Thüringer Polizei und deren Online-Wache. Hier können Sie sehr schnell alle erforderlichen Angaben machen und bekommen am Ende auch eine Bestätigungsmail. Bei größeren Betrugsdelikten werden die Ermittlungen in der Regel gesammelt und letztlich einer Polizeidirektion und Staatsanwaltschaft zugeteilt, die sämtliche Fälle übernimmt.

Kann man die Betrüger überhaupt ermitteln?

Irgendwann machen alle einen Fehler, davon sind Ermittler überzeugt. Die Frage ist nur, ob der auch jemandem auffällt. Möglicherweise wurde dieser Fehler auch schon gemacht.  Denn auch wenn die angegebene Firma und die angegebenen Anwälte nicht existieren, bedeutet das nicht automatisch, dass es keine Spuren gibt.

Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) unter der Lupe
Die Polizei warnt vor betrügerischen Anschreiben. Bildrechte: IMAGO

Mögliche Spur für Polizei durch Versandverfahren

Das beginnt schon mit den Anschreiben selbst. Auf den Briefen gibt es keine Briefmarken, sondern im Adressfenster befindet sich eine sogenannte "DV-Freimachung". DV steht für Daten-Verarbeitung. Für die Sortiermaschinen der Deutschen Post ist ein DataMatrix-Code aufgedruckt, das ist der ältere Bruder es QR-Codes und sieht an den Rändern ein klein wenig anders aus. Voraussetzung dafür, dass man diesen Dienst der Deutschen Post in Anspruch nehmen darf, ist natürlich ein Vertragsverhältnis.

Die entsprechende Internetseite der Post enthält die Antworten auf zahlreiche Fragen. Darunter sind auch vertragliche, zum Beispiel steht dort, dass in Abstimmung mit "unseren Fachberatern DV-Freimachung eine Abnahme und Zertifizierung Ihrer DV-Freimachung" stattfindet und eine "Vereinbarung über die Freimachung von Sendungen mit DV-Anlagen" abgeschlossen wird.  

Wenn ich eine digitale Frankatur nutzen will, muss ich ein Kundenkonto anlegen und Daten hinterlegen, um den Zahlungsvorgang zu starten.

Thomas Kutsch, Sprecher Deutsche Post
Eine Hand wirft einen Brief in einen Briefkasten. 3 min
Bildrechte: dpa
3 min

Redakteur Thomas Becker erklärt im Interview mit dem Sprecher der Deutschen Post, Thomas Kutsch, wie die Betrüger ihre Lotto-Mahnungen per Post versandt haben.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 07.04.2022 15:10Uhr 03:18 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-redakteur-brief-post-betrug-lotto-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Und selbst wenn Anschriften und Firmen gefälscht sein sollten, spätestens beim Bezahlen dürften Kontodaten vorliegen, die zu realen Menschen oder Firmen führen, denn ohne Ausweis gibt’s kein Bankkonto. Diese Daten stellt die Post natürlich nicht recherchierenden Journalisten, aber sehr wohl den Ermittlungsbehörden zur Verfügung, wenn die Voraussetzungen vorliegen, die eine Weitergabe rechtfertigen.

Allerdings ist es auch nicht auszuschließen, dass die Post auf den Kosten für die Zustellung mehrerer tausend Briefe sitzenbleibt, je nach Vertragsgestaltung ist es nämlich denkbar, dass die Kosten für die Frankierung (85 Cent je Brief) erst nach dem Auftrag in Rechnung gestellt werden.

Was ist über die im Brief angegebene Münchner Telefonnummer bekannt?

Der Rufnummernblock gehört zu einem Tochterunternehmen einer Kölner Telefongesellschaft. Dort haben die Betrüger den Anschluss angemeldet. Das hat uns die Gesellschaft auch schriftlich bestätigt und darum gebeten, nicht namentlich genannt zu werden. Das ist verständlich, irgendetwas bleibt immer hängen, wenn der eigene Firmenname in Verbindung mit Betrugsmaschen genannt wird. Die Telefongesellschaft hat uns auch bestätigt, dass sie heute bereits ein Auskunftsersuchen der zuständigen Strafermittlungsbehörde hatte.

Diese ist unter anderem durch die Anzeige der Rechtsanwaltskammer auf den Betrugsfall aufmerksam geworden und hat offenbar sofort reagiert, um an die echten Daten der Anmelder des Telefonanschlusses zu gelangen. Auch die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde und quasi "Vergabestelle" für die Rufnummernblöcke ist auf unsere Anfrage hin sofort tätig geworden.

Die Bundesnetzagentur nimmt Ihren Hinweis zu Anlass, ein Verwaltungsverfahren zu eröffnen. In dem Verfahren wird untersucht, ob der/die Zuteilungsnehmer der beiden Rufnummern möglicherweise gegen telekommunikationsrechtliche Vorschriften verstoßen haben.

Schriftliche Mitteilung der Bundesnetzagentur

Die Formulierungen – Stichwort "möglicherweise" – fallen natürlich überall rechtlich korrekt vorsichtig aus. Schließlich ist es zum Beispiel nicht auszuschließen, dass die Behörden letztlich auf einen Anschlussinhaber stoßen, der von den "mutmaßlichen" Betrügern überredet wurde, ihnen einen "Gefallen" zu tun, garniert mit irgendeiner rührenden Geschichte auf Enkeltrick-Niveau.

Daraus folgt sogleich die nächste Warnung: Auch die Kontoverbindungen von hilfsbereiten Bürgern werden gern verwendet, um betrügerische Transaktionen durchzuführen. Auch hier gilt: Ein klares "Niemals" und direkt zur Polizei.

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 07. April 2022 | 15:10 Uhr

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