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Darf man jetzt mit oder ohne Bikini-Oberteil ins Wasser? Es kommt darauf an. Bildrechte: Stadtwirtschaft Weimar GmbH

Der Redakteur | 16.05.2022Halbnackt im Freibad? Was ein Jurist über nackte Brüste sagt

von Thomas Becker, MDR THÜRINGEN

Stand: 16. Mai 2022, 18:19 Uhr

Nicht nur Männer, auch Frauen oder diverse Personen baden gern "oben ohne". Wie freizügig sollte im Freibädern gebadet werden dürfen und was steht eigentlich im Gesetz zum Thema "nackte Brüste"? Juristen ordnen ein.

Es gibt kein Gesetz, das konkret festlegt, wie groß der Stofffetzen sein muss, mit dem wir uns in die Fußgängerzone begeben. Wer auf dem Erfurter Anger nackt spazieren geht, der begeht auch keine Straftat, allenfalls eine Ordnungswidrigkeit nach dem Ordnungswidrigkeitengesetz. In Paragraph 118 ist das als "grob ungehörige Handlung" formuliert, die geeignet ist, "die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen."

Was das Gesetz zur Nacktheit sagt

Hier kann man der Fantasie freien Lauf lassen, wodurch sich andere Menschen noch so alles belästigt fühlen könnten, das Stillen eines Säuglings auf einer Bank war jedenfalls schon Gegenstand größerer medialer Diskussionen. Nun gibt es noch den Paragraphen 119 des besagten Ordnungswidrigkeitengesetzes, der die Strafen für das bloße Nacktlaufen bei 1.000 Euro deckelt.

Kritischer wird es, wenn sexuelle Komponenten hinzukommen und es nicht mehr "grob ungehörig", sondern "grob anstößig" oder "belästigend" wird. Ganz sicher sind die Grenzen hier fließend. Deshalb ist im Paragraphen 119 formuliert, dass entsprechende Handlungen "angeboten, angekündigt oder angepreist" werden oder Orte gewählt werden, an denen das Tun "grob anstößig wirkt".

Religiöse Orte oder auch Kinderspielplätze könnten das sein, hier sind wir schon bei maximal 10.000 Euro. Strafrechtlich relevant wird es, wenn von einer exhibitionistischen Handlung ausgegangen wird. Hier wird der Bereich der Ungezwungenheit verlassen und es geht direkt in Richtung sexueller Belästigung.

Ein Mann, der eine andere Person durch eine exhibitionistische Handlung belästigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft.

Exhibitionistische Handlungen § 183 StGB

Was ist denn mit "Exhibitionist*Innen"?

An der Stelle wird es tatsächlich etwas schräg. Bei der Diskussion der Frage, ob die weibliche Brust das Licht der Bäderwelt erblicken darf, stellen wir fest: Der Exhibitionist ist rechtlich ausschließlich männlich. Bedeutet: Der Klassiker, mit dem ausgebreiteten Mantel im Park aus dem Gebüsch zu springen, um sich zu zeigen - dafür können ausschließlich Männer im Knast landen.

Unterscheidung nach privaten und kommunalen Betreibern möglich

Das geht eigentlich nicht, sagt Rechtsanwalt Henning J. Bahr, und verweist auf das verfassungsrechtliche Gebot der Gleichbehandlung. Und genau die Gleichbehandlung ist auch der Grund, warum sich gerade die zumeist kommunalen Bäder gut überlegen müssen, was sie denn künftig in ihre Bäderordnung hineinschreiben. Während ein privater Betreiber im Zuge des Hausrechts einiges mehr festlegen kann, sind kommunale Orte als Teil der Daseinsvorsorge für alle da. Und hier vorzuschreiben, dass nur die weibliche Brust bedeckt sein muss, die männliche aber nicht, könnte dem Verfassungsgericht missfallen.

Eine Ungleichbehandlung muss gerechtfertigt werden. Dass wir das schon immer so gemacht haben, wird nicht reichen. Das hat sich bei der Ehe gezeigt oder der steuerlichen Behandlung unterschiedlicher Lebensentwürfe.

Rechtsanwalt Henning J. Bahr, Deutscher Anwaltverein

Der Göttinger Weg zu mehr Gleichbehandlung

Nun ist es - ausgehend vom Ordnungswidrigkeitengesetz - klar, der Ort ist mit entscheidend, wie wenig ich anziehen darf. In der Fußgängerzone sind nackte Menschen unüblich, also belästigend. Das gilt sicher auch für Nacktwandern auf beliebten und gut besuchten Strecken, auch hier könnte man also Schwierigkeiten bekommen. Wer sich für sein Hobby aber gezielt abgelegene Wege sucht, könnte schon mehr Glück haben, wenn jemand Anstoß daran nimmt und dann den Rechtsweg beschreitet. Am FKK-Strand hingegen ist klar, wie dort die Kleiderordnung aussieht und in der Sauna ebenso.

Göttingen, wo neuerdings an einigen Tagen auch Menschen mit Brüsten ohne Oberteil ins Bad dürfen, hat jedenfalls eine geschickte Regelung genommen, sagt Rechtsanwalt Henning J. Bahr. Sie lassen "oben ohne" für alle zu und haben dadurch eine Gleichbehandlung hergestellt. Es gibt schließlich keine Pflicht, das Oberteil wegzulassen.

Alle Badegäste müssen nur Hosen tragen, darüber hinaus kann jeder tragen, was er will. Das wäre verfassungskonform.

Rechtsanwalt Henning J. Bahr, Deutscher Anwaltverein

Juristisch würde es Bahr eher als verfassungsrechtliches Problem ansehen, wenn man Männern nur die Badehose und Frauen Badehose und Oberteil vorgeschrieben hätte. Wenn jemand gegen eine solche Badeordnung klagt, könnte das unsere Bade(ordnungs)landschaft gehörig durcheinander bringen. Auch wenn die komplette zumeist ostdeutsche FKK-Gemeinde über diese Klage ganz sicher nur den Kopf schütteln würde. 

Dieses Thema im Programm:MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 16. Mai 2022 | 15:40 Uhr