Lieferstopp von Stromio Stromkunden in der Ersatzversorgung: Darauf sollten Sie achten

Stromio-Kunden werden nun durch Ersatzversorger beliefert. Was bedeutet das? Kann der Stromanbieter jetzt gewechselt werden? Für wen können höhere Ersatztarife gelten? Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen weiß Rat.

Steckdosen, Symbolfoto Stromkosten
Stromio ist kein Einzelfall. Kunden mehrerer Billigstromanbieter sind bereits in die lokale Ersatzversorgung gerutscht. Bildrechte: imago images/Schöning

Kann ein Stromvertrag so einfach gekündigt werden?

Claudia Neumerkel: Nein. Diese Verträge sind unserer Auffassung nach zu halten, sprich es ist zu liefern. Es spricht viel dafür, dass die Erhöhungen der Strom- und Gaspreise auf dem Weltmarkt nicht dem Risikobereich des Kunden zuzuordnen sind, sondern zum unternehmerischen Risiko gehören.

Kann sich der Verbraucher dagegen wehren?

Claudia Neumerkel: Verbraucher können sich schriftlich dagegen wehren und den Lieferanten zur Versorgung und Weiterbelieferung auffordern, auch können gleichzeitig die Mehrkosten als Schadensersatz angedroht werden.

In welcher Frist muss sich der Grundversorger mit Informationen zu Ansprechpartner und Preisen melden?

Claudia Neumerkel: Der Ersatzversorger muss den Verbrauchern unverzüglich, also ohne schuldhaftes Zögern, den Zeitpunkt des Beginns und des Endes der Ersatzversorgung in Textform mitteilen. Die aktuellen Tarife für die Grund- als auch die Ersatzversorgung finden die neuen Kunden meistens auf der Webseite des Versorgers oder sind bei diesem zu erfragen.

Die Ersatzversorgung läuft über den Grundversorger für maximal drei Monate. Dadurch wird gesichert, dass die Energieversorgung zu keinem Zeitpunkt unterbrochen wird. Die Ersatzversorgung kann während dieser drei Monate jederzeit gekündigt und ein neuer Liefervertrag mit einem Energieversorgungsunternehmen eigener Wahl abgeschlossen werden. Schließen Verbraucher keinen neuen Liefervertrag ab und verbrauchen aber weiterhin Energie, kommt ein Grundversorgungsvertrag mit dem örtlichen Grundversorger zustande.

Bei Kunden der Grund- und Ersatzversorgung muss der Lieferant strengere Anforderungen bei den Informationsfristen und -pflichten erfüllen. In der Grund- und Ersatzversorgung müssen Preisänderungen öffentlich bekannt geben werden. Dies erfolgt regelmäßig in örtlichen Amtsblättern oder Tageszeitungen sowie zusätzlich im Internet. Zudem ist jeder Grundversorger verpflichtet, seine Kunden per Brief sechs Wochen vor einer geplanten Änderung über diese zu informieren. Grundversorgungsverträge können die Verbraucher – unabhängig vom Sonderkündigungsrecht – jederzeit mit einer Frist von nur zwei Wochen kündigen.

Reiseexpertin Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen
Claudia Neumerkel von der Verbraucherzentrale Sachsen Bildrechte: privat

Ist es rechtens, dass ein wesentlich höherer Tarif für die "Gestrandeten" eingerichtet wird?

Claudia Neumerkel: Für Haushaltskunden dürfen die Kosten der Ersatzversorgung die allgemeinen Preise der Grundversorgung nicht übersteigen, sagt das Gesetz. Einige Grund- und Ersatzversorger umschiffen das Problem aufgrund der Schwierigkeiten mit den Discount-Lieferanten und bieten nun differenzierte Grund- und Ersatzversorgungstarife für ihre Kunden je nach Start des Belieferungszeitraums an. Kunden mit Lieferbeginn vor dem 1. Januar 2022 zahlen etwa bei den Leipziger Stadtwerken in der Grundversorgung genauso viel wie in der Ersatzversorgung, und alle anderen Kunden mit Lieferbeginn im neuen Jahr zahlen in der Ersatzversorgung auch so viel wie in der Grundversorgung, nur dann eben deutlich teurer. Juristisch bleibt derzeit offen, ob das neuartige Vorgehen rechtskonform ist.

Juristisch bleibt derzeit offen, ob das neuartige Vorgehen rechtskonform ist.

Claudia Neumerkel, Verbraucherzentrale Sachsen

Können die Verbraucher bereits ohne die Infos zu einem neuen Anbieter wechseln? Bei wem müssen sie das dann einreichen?

Claudia Neumerkel: Verbraucher können ab dem Zeitpunkt, wo ihnen bekannt ist, dass der vormalige Lieferant nicht mehr liefert oder liefern will, einen Wechsel startklar machen und daher den neuen Lieferanten beauftragen. Dieser kündigt die zwischenzeitliche Ersatz- oder gegebenenfalls die Grundversorgung.

Gibt es Schadensansprüche für die entrichteten Mehrgebühren?

Claudia Neumerkel: In diesem Fall gehen wir von einem Schadensersatzanspruch gegen die alten Versorger aus. Der Kunde muss dazu die Mehrkosten gegenüber den vormaligen exakt berechnen und unter belegbarer Fristsetzung die Zahlung vom alten Versorger fordern. Danach kann die Schlichtungsstelle Energie eingeschalten werden.

Was passiert, wenn Verbraucher die so teure Rechnung dann nicht zahlen können?

Claudia Neumerkel: Dann ist leider früher oder später mit einer Liefersperre für den Kunden zu rechnen. Hilfestellungen können hier die örtlichen Schuldnerberatungen bieten. Verbraucher sollten sich trotz der schwierigen Lage auf dem Markt rechtzeitig um einen Anbieterwechsel kümmern.

Stromio kein Einzelfall Kurz vor Weihnachten hat Stromio die Lieferung an seine Kunden eingestellt. In den Wochen zuvor hatten bereits mehrere Stromanbieter die Lieferung eingestellt und teils auch Insolvenz angemeldet, darunter Neckermann Strom, Smiling Green Energy oder Otima Energie. Sie hatten ihre Kunden oft mit günstigen Langzeitverträgen und Rabatten geködert. Ihren Strom beziehen sie meist am Spotmarkt, wo die Preise gerade sehr viel höher sind. Auf den Mehrkosten blieben sie sitzen.

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Quelle: MDR-Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 08. Februar 2022 | 20:15 Uhr

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