Zentrale Figuren der Reformation Bartholomäus Bernhardi

Bartholomäus Bernhardi, Kupferstich von Johann Christoph Boecklin, 1702
Bartholomäus Bernhardi auf einem Kupferstich von Johann Christoph Boecklin, 1702 Bildrechte: Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Bartholomäus Bernhardi (1487-1551) stammt aus dem österreichischen Schlins, unweit von Feldkirch im Vorarlberg und der Liechtenstein-Schweizer Grenze. Das ist insofern interessant, da Luthers Mitstreiter nicht allesamt aus Mitteldeutschland stammten, sondern eine erhebliche Bandbreite darstellten: Zum Beispiel Johannes Bugenhagen, der aus Pommern kam, oder Lucas Cranach der Ältere, der aus dem oberfränkischen Kronach nach Wittenberg gelangte.

Luther und Bernhardi kannten sich von Kindesbeinen an. 1499 besuchte Bernhardi die Eisenacher Lateinschule, an der Luther seit 1498 büffelte. Der fast vier Jahre jüngere Schulkamerad aus dem Vorarlberg schrieb sich 1503 – wie Luther schon zwei Jahre zuvor – an der Universität in Erfurt ein. 1504 wechselte er dann nach Wittenberg zur neu gegründeten Leucorea, wo Luther von 1511 an lehrte. Bernhardi schloss in Wittenberg in Physik ab und nahm 1509 eine Professur an. Im selben Jahr trat er dem Augustinerorden in Wittenberg bei und war somit auch Luthers Ordensbruder. Er widmete er sich seither der Theologie, war in mehreren Städten tätig und kehrte 1516 nach Wittenberg zurück.

Aus dieser Zeit stammt seine Disputation "Quaesto de viribus et voluntate hominis sine gratia", mit der er die öffentliche Debatte über das Für und Wider der theologischen Ansichten Luthers erleichterte. 1518/19 war Bernhardi als Rektor der Leucorea tätig und verteidigte in dieser Funktion Luther im Thesenstreit.

Erster Reformpfarrer außerhalb Wittenbergs

Und jetzt kommt ein entscheidender Schritt: Als 1518 der Kemberger Propst an der Pest starb, wurde Bernhardi zusätzlich zu seinen Wittenberger Aufgaben zum Pfarrer und Propst in Kemberg gewählt. Damit war Bartholomäus Bernhardi der erste Reformpfarrer außerhalb Wittenbergs und stand als Propst dem linkselbischen Bereich vor. Kemberg war jetzt Scharnier der Reformation für die Region. Und das zu einer Zeit, als Luther seine Anti-Ablass-Thesen gerade erst veröffentlicht hatte und der große historische Auftritt von Worms noch rund drei Jahre in der Zukunft lag.

Zu eben dieser Zeit, 1521, als sich Luther vor dem Reichstag in Worms verteidigen musste und anschließend auf der Wartburg Unterschlupf fand, heiratete Bernhardi die Kembergerin Gertraude Pannier und brach sein Gelübde als Priester und Ordensbruder – vier Jahre, bevor Luther Katharina von Bora ehelichte. Entsprechend groß war die öffentliche Aufregung: Erzbischof Albrecht von Magdeburg und Mainz forderte den Kurfürsten Friedrich den Weisen auf, Bernhardi ans geistliche Gericht auszuliefern.

Bernhardi reichte eine mit Philipp Melanchthon redigierte Begründungsschrift ein, die in Wittenberg und Erfurt mehrfach nachgedruckt wurde. Auch der Theologe Andreas Bodenstein griff den Fall auf und verarbeitete ihn in seinen Schriften zu Zölibat und Gelübde. Das ist erwähnenswert, weil hier deutlich wird, wie eng die personellen Verknüpfungen waren; heute würden wir von "Netzwerken" sprechen.

Bodenstein, genannt Karlstadt, weil er aus dem unterfränkischen Karlstadt stammte, hatte wie Luther und Bernhardi in Erfurt studiert, ging später als Dozent an die Wittenberger Universität und promovierte dort als Dekan 1512 Martin Luther zum Doktor der Theologie. Ähnlich wie bei Luther stand Kurfürst Friedrich der Weise zu Bernhardi und ließ Kardinal Albrecht ins Leere laufen.

Sieben Kinder wurden dem Ehepaar Bernhardi geboren. Damit war Bernhardi auch der Begründer des evangelischen Pfarrhauses. Zu der Zeit hockte Luther auf der Wartburg. Er schrieb seinem Freund einen Brief, in dem er ihm für seinen Mut Respekt bezeugte. Offiziell wird 1522 als das Jahr genannt, in dem sich Kemberg der Reformation anschloss. Praktisch, so könnte man heute sagen, war dies schon mit der Eheschließung Bernhardis im Jahr zuvor geschehen.

Die Rache der Söldner

Bernhardi hatte allerdings einen hohen Preis für seine Entscheidungen zu zahlen. Kaum war Luther Anfang 1546 gestorben, knallte es: Der Schmalkaldische Krieg brach aus. Kaiser Karl V. versuchte, die unter Führung von Kursachsen und Hessen im "Schmalkaldischen Bund" zusammengeschlossenen protestantischen Landesfürsten und Städte – benannt nach ihrem Treffen im thüringischen Schmalkalden – zurückzudrängen. Die 7.000 Mann starken protestantischen Truppen waren auf ihrem Weg von Meißen und Torgau nach Wittenberg, als sie von den kaiserlichen Gegnern überrascht wurden. Mit der Niederlage in der Schlacht bei Mühlberg war das protestantische Bündnis erledigt. Kemberg wurde von rom- und kaisertreuen spanischen Söldnern besetzt, die Bernhardi misshandelten. Sie hängten ihn sogar über seinem Studiertisch auf, doch er konnte von seiner Frau gerettet werden. Die Spanier banden ihn an ein Pferd und schleiften ihn mehrere Meilen zum kaiserlichen Heerlager, wo ein deutscher Offizier das qualvolle Schauspiel beendete. Bernhardi starb 1551.

Verewigt in einem Denkmal

Bildcombo: Der Cranach - Altar in Kemberg
Vom Cranach-Altar in Kemberg ist heute leider nur noch ein Drittel sichtbar. Bei einem Feuer wurden große Teile zerstört. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wittenbergs Maler-Star Cranach der Jüngere verewigte Bartholomäus Bernhardi posthum auf dem Flügelalter der Kirche St. Marien neben anderen Reformatoren. Höchst bedauerlich: Bei einem Schwelbrand wurde der Altar 1994 schwerstens beschädigt. Die erhaltenen Fragmente sind in der Sakristei ausgestellt. Zu sehen sind Adam und Eva, die Sintflut, die Taufe Jesu im Beisein Wittenberger und Kemberger Reformatoren. In der Kirche ist auch der Grabstein Bernhardis zu sehen. Seit 2014 steht in Kemberg außerdem ein Denkmal, das Bernhardi zeigt. Die Gemeinde Schlins in Österreich hatte ihren Sohn bereits 1987 mit einem Denkmal vor der dortigen St. Anna-Kapelle geehrt.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt Heute | Fernsehen | 24.08.2016 | 19:00 Uhr