Das Sterbehaus Martin Luthers in Eisleben.
Das Museum "Luthers Sterbehaus" in Eisleben Bildrechte: IMAGO

Chronisten-Irrtum in Eisleben Das echte und das falsche Sterbehaus

von Franz Kadell

Das Sterbehaus Martin Luthers in Eisleben.
Das Museum "Luthers Sterbehaus" in Eisleben Bildrechte: IMAGO

Eisleben präsentiert Besuchern die Ausstellung "Luthers letzter Weg" in den Räumen des Museums "Luthers Sterbehaus" am Markt. Besonders beeindruckend sind die "Sterberäume": Die nachempfundene Schlafkammer und das Sterbezimmer mit dem Bahrtuch, das 1546 Luthers Sarg bedeckte.

Besucher im Innenhof des Sterbehauses des Kirchenreformators Martin Luther in Eisleben
Innenhof des Sterbehauses Luthers Bildrechte: Jens-Ulrich Koch/dapd

Das Museum gehört ebenso wie das Geburtshaus seit 1996 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Sache hat allerdings einen Haken. Es handelt sich gar nicht um das historische Sterbehaus, sondern um eine Verwechslung, die weit zurückreicht. Eine geradezu bizarre Geschichte.

Das Haus, in dem Martin Luther am 18. Februar 1546 starb, stand am heutigen Markt 56 in Eisleben und gehörte der Familie Dr. Philipp Drachstedt. Dort hatte Luther Quartier bezogen, auch, um die Schlichtungsgespräche zwischen den zerstrittenen Grafen von Mansfeld zu führen. Schnell entwickelte sich das Haus zu einem Pilgerort für Luther-Verehrer. Allerdings brachen Gäste immer wieder Holzteilchen aus dem Sterbebett heraus. Die Späne sollten angeblich gegen Zahnschmerzen helfen.

Diese Form von Verehrung, die an den von Luther bekämpften Reliquienkult erinnerte und sich mit Aberglauben mischte, brachte die evangelischen Theologen in Halle auf. 1707 verbrannten sie kurzerhand das Sterbebett Luthers und das Haus wurde geschlossen.

1726 bezeichnete der Chronist Eusebius Francke das Haus am heutigen Andreaskirchplatz 7 als das Sterbehaus Luthers. Er hatte allerdings das Haus von Dr. Philipp Drachstedt, in dem Luther gestorben war, mit dem nur 50 Meter entfernten Haus dessen Sohnes Barthel Drachstedt verwechselt. Als ein weiterer Ortschronist gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf die Angaben von 1726 zurückgriff, war der Irrtum quasi amtlich.

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Ehrfurchtgebietende Räume und ein ausgestopftes Stachelschwein

Luthers Sterbehaus in der Lutherstadt Eisleben
Die Gedenktafel an "Luthers Sterbehaus" in Eisleben Bildrechte: IMAGO

Fast anderthalb Jahrhunderte später, 1862, zur Zeit der preußisch-patriotischen Luther-Verehrung, erwarb König Wilhelm I. das Haus, um die Veräußerung des vermeintlichen Sterbehauses an einen Katholiken zu verhindern. Aber er kaufte eben das falsche Haus.

Der preußische Staat richtete darin 1863 eine Gedenkstätte ein. Im Zentrum stehen seitdem die in den Sterbeberichten genannten Räume: Das Verhandlungszimmer, die Schlafkammer und der Sterberaum – also jene Räumlichkeiten, die auch heute das Museum "Luthers Sterbehaus" ausmachen.

Nachbau von Luthers Schlafzimmer mit seinem Bett im Sterbehaus von Martin Luther (1483-1546) in Eisleben
Nachbau von Luthers Schlafzimmer mit seinem Bett im Museum "Luthers Sterbehaus" in Eisleben Bildrechte: imago/epd

Preußen beauftragte den Kunstprofessor Friedrich Wilhelm Wanderer, zwei Stuben ganz im Sinne historisierender Luther-Verehrung zu gestalten. Wie man etwas auf alt und ehrfurchtgebietend trimmt, hatte er zuvor beim Nürnberger Dürer-Haus vorexerziert. In Eisleben musste der Museumsbesucher vor einer Vitrine, einem Schrein, in die Knie gehen, um auf dem Schildchen lesen zu können: "Das Bahrtuch, welches in der St. Andreaskirche über den Sarg Dr. M. Luthers gebreitet war".

Ein verblüffendes Schaustück war ein ausgestopftes Stachelschwein. Die Erklärung: Luther hatte sich im Zuge seiner Vermittlungsgespräche mit den Mansfelder Grafen eines Sprachbildes bedient. Mit der Klärung einer der entscheidenden Streitpunkte habe er "das stacheligste aller Stachelschweine" erledigt.

"Luthers letzter Weg"

So gingen Generationen durch die Räume in dem Glauben, sich im Sterbehaus Luthers zu befinden. Erst in den 1960er-Jahren deckte der Lokalhistoriker Fritz Rämmele den Irrtum auf. Doch das "echte" Sterbehaus am Markt 56 gab es nicht mehr. Es war abgebrannt und überbaut worden. Und in diesem Gebäude saßen inzwischen die Genossen der SED, um das Mansfeld-Kombinat "Wilhelm Pieck" zu leiten. So beschloss man, das falsche Sterbehaus weiter als das echte auszugeben – auch im großen Jubiläumsjahr 1983, das an Luthers Geburt 1483 erinnerte.

Nach dem Ende der DDR und der Wiedervereinigung 1990 wurde das vermeintliche Sterbehaus renoviert und 2014 mit der Dauerausstellung "Luthers letzter Weg" wiedereröffnet.

Der sprachliche Kunstgriff bestand in der Bezeichnung "Museum 'Luthers Sterbehaus'". Auch ist weiterhin an der Hausfront das Schild "Luthers Sterbehaus" angebracht und über dem Eingang prangt schön das alte Quadrat aus der Irrtumszeit mit der Inschrift "In diesem Hause starb Dr. Martin Luther den 18. Februar 1546". Das nur ein paar Schritte entfernte Haus an der Stelle des wahren Sterbehauses, wo zu DDR-Zeiten die SED gesessen hatte, wurde nach der Wende verkauft. Heute befindet sich dort das Hotel "Graf von Mansfeld".

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Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt Heute | Fernsehen | 19.10.2016 | 19:00 Uhr