Persönlichkeiten der Reformation: Georg Joachim Rheticus Als die Sonne zur Ruhe kam und die Erde zu kreisen begann

Der junge Wittenberger Mathematikprofessor hatte maßgeblichen Anteil daran, dass 1543 das moderne, heliozentrische Weltbild den Weg in die Druckerei und in die europäische Öffentlichkeit fand – buchstäblich eine naturwissenschaftliche Sternstunde. Luther und Co. hatten daran keinen Anteil. Im Gegenteil: Sie hielten am sogenannten ptolemäischen Weltbild fest und blieben im Mittelalter.

von Peter Stöwer

Ein zeitgenössischer Kupferstich zeigt den Astronomen und Mathematiker Nikolaus Kopernikus (r) im Gespräch mit dem griechischen Philosophen Aristoteles (l) und dem griechischen Astronomen und Mathematiker Claudius Ptolemäus (M).
Nikolaus Kopernikus (r) im Gespräch mit dem griechischen Philosophen Aristoteles (l) und dem griechischen Astronomen und Mathematiker Claudius Ptolemäus (M). Bildrechte: dpa

Georg Joachim von Lauchen schrieb sich 1532 in Wittenberg als Student ein und gab sich nach humanistischer Sitte einen Beinamen: Rheticus. Er studierte Mathematik – wozu damals auch die Astronomie gehörte. Und er studierte Griechisch bei Philipp Melanchthon. Dieser erkannte schnell das Talent des jungen Mannes und förderte ihn nach Kräften. Rheticus wurde an der Universität zu Wittenberg Professor für Mathematik. Melanchthon ermöglichte ihm eine Studienreise durch das Deutsche Reich, die ihn zu den berühmtesten Mathematikern der Zeit führte – unter anderem zu Johannes Schöner, dessen bärtiges Konterfei seinerzeit den 1.000 DM-Schein zierte.

Auf dieser Studienreise war auch immer wieder ein geheimnisumwitterter Astronom Thema, der als Domherr in Frauenburg lebte,  80 Kilometer von Danzig entfernt. Dieser Astronom hieß Nikolaus Kopernikus. Es gab kein gedrucktes Werk von ihm, nur ein handschriftliches Heftchen ("Commentariolus"), das er etwa 1509 unter Freunden verteilt hatte. Alle Himmelskreise umgeben die Sonne, hieß es darin, und die Erde drehe sich wie alle Planeten um sie. Über die Jahre waren diese Gedanken durchgesickert und wurden Gesprächsstoff in den gebildeteren Kreisen – auch in Wittenberg.

Ohne Rheticus kein Kopernikus

Nikolaus Kopernikus Denkmal in Torun, Polen
Denkmal von Nikolaus Kopernikus in Torun, Polen Bildrechte: Colourbox.de

Rheticus beschloss, diesen geheimnisumwitterten Mann auf seiner Studienreise in Polen zu besuchen und traf 1539 einen fast 70-jährigen Greis an. Die beiden freundeten sich an, und der Alte zeigte seinem jungen Besucher ein unvollständiges, nicht druckfertiges Manuskript. Um es zu vollenden, fehlte Kopernikus die Kraft. Auch war die Reaktion der Kirche zu fürchten. Rheticus blieb zwei Jahre bei seinem "Lehrer" wie er Kopernikus nannte. Gemeinsam arbeiteten sie das Manuskript aus und brachten es zur Druckreife. "De revolutionibus orbium coelestium" sollte es heißen: "Von den Umkehrbewegungen der Himmelskreise" – Kopernikus‘ Hauptwerk.

Unter dem Titel "Narration prima" veröffentlichte Rheticus im Jahr 1540 einen ersten Bericht über die Gedanken des Kopernikus, freilich ohne dessen Namen zu nennen. 1541 kehrte er nach Wittenberg zurück, um seine dortigen Pflichten wieder aufzunehmen. Bald wurde er Dekan der Artistenfakultät der Leucorea. Das druckreife Manuskript des Kopernikus hatte er bei sich.

"Sonne stehe still zu Gibeon und Mond im Tal Ajalon"

Als Melanchthon von den Ideen des Kopernikus erfahren hatte, schrieb er:

Es gibt da Leute, die glauben, es sei ein hervorragender Fortschritt, eine so absurde Behauptung zu verfechten, wie dieser sarmatische Astronom, der die Erde bewegt und die Sonne anheftet. Wahrlich, kluge Herrscher sollten die Frechheit der Geister zügeln!

Philipp Melanchthon

Und noch 1549 verwies er auf Psalm 19, wo es heißt: "Dort (an den Enden der Erde) hat er (Gott) der Sonne ein Zelt erbaut. Sie tritt aus ihrem Gemach hervor, wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held und läuft ihre Bahn. Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende …"

"Verworrene Dinge"

Und Luther erst! Er polterte schon 1539 in einer seiner Tischreden (T4, Nr. 4638), dass Kopernikus ein Narr sei, der die ganze Kunst der Astronomie umkehren wolle, das seien "verworrene Dinge". Die Bibel lehre schließlich, dass die Sonne sich um die Erde drehe. Luther bezog sich konkret auf ein Liedfragment des Buches Josua im Alten Testament (Kap. 10, Vers 12), dessen Ursprünge teilweise wohl noch vor dem 9. Jahrhundert liegen – vor Christus, wohlgemerkt.

Ob Rheticus angesichts dieser Stimmungslage unter den Wittenberger Meinungsführern je die Hoffnung hatte, Kopernikus in Wittenberg verlegen zu können, ist nicht bekannt. Kopernikus Hauptwerk erschien jedenfalls 1543 beim Drucker Petreius in Nürnberg. Luther – dem so gern der Anstoß für manche moderne Entwicklung zugeschrieben wird – erwies sich hier als Mann des Mittelalters und als Gefangener seiner eigenen Grundsätze: sola scriptura eben.

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2018, 10:16 Uhr