Luther und die Weihnachtszeit Luther und die Kurrende - eine noch immer aktuelle Tradition

Als Schüler zog Martin Luther einst singend mit der Kurrende umher. Der Begriff kommt vom lateinischen Wort "currere" für "laufen". In der evangelischen Tradition, besonders in Sachsen, bezeichnet man Kinderchöre bis heute als "Kurrenden". Die sind seltener geworden, doch in einigen Gegenden lebendig geblieben – etwa im Erzgebirge.

von Claus Fischer, MDR AKTUELL

Gottesdienst in der Stadtkirche Wittenberg
Bildrechte: MDR/Astrid Wulf

"Schön den Ton zusammen singen. Wir üben noch ein bisschen." Kantor Enrico Langer probt mit den Kurrendekindern im Gemeindesaal der St. Niklaskirche in Ehrenfriedersdorf. Der Saal ist hell erleuchtet. Zu den holzgeschnitzten Deckenlampen kommen die vielen Schwibbögen in den Fenstern.

Einst, als hier noch Silbererz gefördert wurde, haben die Bergleute im Winter so gut wie nie das Tageslicht gesehen. So hellten Kerzen die Stimmung auf - und der Gesang der Kurrendekinder. Die zogen durchs Dorf und verkündeten die baldige Ankunft des Retters der Welt.

Ein 15-Jähriger mit wunderbarer Singstimme

Die rund 20 Kinder der Kurrende in Ehrenfriedersdorf sind zwischen sieben und 17 Jahre alt. Martin Luther war 15, als seine Eltern ihn nach Eisenach schickten, auf die damals renommierte Pfarrschule St. Georgen. Zu dieser Zeit wohnte er bei Verwandten mütterlicherseits und auch im Hause des Bürgermeisters Cotta. Dessen Frau Ursula war der Jugendliche durch seinen angenehmen Gesang aufgefallen - so heißt es jedenfalls in einigen Lutherbiografien.

Luther nannte sich "Partekenhengst"

Lutherhaus in Eisenach
In Eisenach lebte Luther bei der Familie Cotta. Heute heißt das Gebäude "Lutherhaus". Bildrechte: MDR/Heinz Diller

Seinen Lebensunterhalt musste Luther sich aber selbst verdienen - in der Kurrende. Mit seinen Schulkameraden zog er singend durch die Straßen Eisenachs. Wenn der Gesang den Bürgern gefiel, warfen sie Brot, Kuchen und gelegentlich Geldstücke aus dem Fenster. Diese Gaben nannte man "Parteken". Das kommt vom lateinischen Wort "Pars" für Teil, hatte schon Luther gewusst, der in seinen drei Eisenacher Jahren fließend Latein sprechen und schreiben lernte.

Der junge Luther war wohl sehr geschickt im Auffangen dieser Parteken. In einem später verfassten autobiografischen Text schreibt er: "Ich bin ein solcher Partekenhengst gewest und hab das Brot fur den Heusern genommen, sonderlich zu Eisenach, in meiner lieben Stadt".

Geschenke gibt es bis heute

"Wir sagen euch an den lieben Advent …", singen die Kinder in der St. Niklaskirche. Heute geht die Kurrende nicht immer wie Luther durch die winterlichen Straßen mitteldeutscher Gemeinden. In Ehrenfriedersdorf etwa hat man das aufgrund der Erkältungsgefahr abgeschafft. Dafür singt Kantor Enrico Langer mit seinen Kurrendekindern in Alten- und Pflegeheimen. Und natürlich, so erzählen die Kurrendekinder Lilly und Jonathan, bekommen sie auch etwas geschenkt, obwohl sie – anders als der junge Luther – zum Glück nicht darauf angewiesen sind: "Schokolade, Gummibärchen. Verrückte Dinge. Letztes Jahr gab es zum Beispiel auch mal Taschentücher", zählen sie auf.

Die Kurrende kann zu Tränen rühren

Kantor Langer schildert, was die Kurrende bewirkt: "Das schönste Erlebnis ist immer wieder, dass die Menschen sich ganz besonders freuen. Manche Leute werden da zu Tränen gerührt. Und das nimmt jeder Sänger auch mit nach Hause, dass einem da ums Herz warm wird."

Warm ums Herz wurde es auch Frau Cotta in Eisenach beim Gesang des jungen Luther. Er beschreibt seine Wirtin später in seinen Tischreden so: "Es ist kein besser Ding auf Erden als Frauenliebe, wem‘s mag werden." Ein schöner Nebeneffekt seiner Kurrendeauftritte.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im Radio | 07.12.2016 | ab 6 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2016, 17:22 Uhr