Luther und seine Krankheiten Verstopfung, Ohnmachtsanfälle, Halluzinationen

Ein weiteres Dauerproblem Luthers waren die chronischen Verstopfungen (Opstipation), die weit über Erscheinungen des Roemheld-Syndroms hinausgingen. Besonders krass schilderte Martin Luther seine Lage in der Zeit auf der Wartburg in einem Brief an seinen Mitstreiter und Freund Philipp Melanchthon:

Der Herr schlug mich durch heftigen Schmerz in den Posteriobus; mein Stuhl ist so hart, dass ich gezwungen werde, ihn mit großer Kraft bis zum Schweißausbruch herauszustoßen. Je länger ich es aufschiebe, desto mehr verhärtet er sich. Gestern habe ich nach vier Tagen einmal ausgeschieden. Dadurch habe ich die ganze Nacht weder geschlafen noch habe ich bis jetzt Ruhe. Bete - bitte! - für mich. Denn dieses Übel wird unerträglich, wenn es so weitergeht, wie es angefangen hat.

Martin Luther über seine Leiden auf der Wartburg Brief an Philipp Melanchthon
Martin Luther als Junker Jörg, Holzschnitt von Lucas Cranach d. Ä., 1522
Martin Luther weilte ab dem 4. Mai 1521 für 300 Tage als Junker Jörg auf der Wartburg Bildrechte: IMAGO

Luther dachte ernsthaft daran, die Wartburg zu verlassen, um in Erfurt ärztliche Hilfe zu suchen. Er schrieb an Melanchthon: "Schon acht Tage sind es, dass ich nichts schreibe, weder bete noch studiere, teils durch Versuchung des Fleisches, teils durch andere Beschwerden gequält. […] So überaus stark beschwert mich der Herr, um mich aus dieser Einöde an die Öffentlichkeit zu reißen." Der Wittenberger Hofkaplan schickte Abführmittel (Aloepillen) auf die Wartburg. Die Besserung war jedoch nur von kurzer Zeit, die Beschwerden inzwischen manifest. Immer mehr traten Schlafstörungen hinzu.

Ein offenes Bein und eine Fontanelle

Schon auf dem Weg nach Augsburg 1518 zu Kardinal Cajetan klagte Luther über sein offenes linkes Bein (ulcus cruris). Als Ursache ist kaum Diabetes in Betracht zu ziehen. Eher lag eine Vorschädigung vor, die auf eine Geschichte von 1505 zurückgeht, als Luther in Erfurt studierte.

Examinierte Studenten durften damals einen Degen tragen. Auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt zog sich Luther mit dem Degen eine Verletzung am Unterschenkel zu. Mit dem Daumen musste er die Wunde zudrücken, bis ein Wundarzt einen Verband anlegte. In der Folgenacht brach die Wunde aber wieder auf. Nicht grundlos fürchtete Luther, sterben zu müssen. Noch längere Zeit litt er an den Folgen einer Wundinfektion. Die Malaise mit dem offenen Bein begleitete Luther sein Leben lang. Immer wieder klagte er darüber.

Sein Arzt und Freund Matthäus Ratzeberger empfahl 1543, wenn auch nicht allein mit Blick auf das Bein, eine Fontanelle zu setzen und damit eine künstliche Öffnung zu schaffen, um "bösen Körpersäften" eine Abflussmöglichkeit zu verschaffen. Der Wittenberger Barbierchirurg Andreas Engelhard setzte diese Fontanelle am linken Oberschenkel Luthers. Mit einem Ätzstift, hergestellt aus ungelöschtem Kalk und Pottasche, hielt Luther die Wunde offen, damit die vermeintlichen krankhaften Körpersäfte austreten konnten.

Immer wieder Ohnmachtsanfälle

Angesichts der im Spätmittelalter unentwickelten Medizin haben die vielen Angaben zu Luthers Gesundheit immer wieder zu weit getriebenen Spekulationen geführt. Dazu gehören auch Beschreibungen über Krampf- oder Ohnmachtsanfälle. Die Annahme, Luther sei Epileptiker gewesen, ist von Medizinhistorikern allerdings klar widerlegt worden. Offenbar hatten die einzelnen Vorkommnisse nicht nur eine Ursache.

So war Luther als Mönch im Chor der Klosterkirche in Erfurt mit einem Krampfanfall zusammengebrochen – ausgerechnet, als aus der Bibel die Passage vom Besessenen vorgelesen wurde. Luther ging zu Boden und rief: "Ich bin's nicht. Ich bin's nicht." Sein altgläubiger Gegner Johannes Cochläus schloss daraus im Geist der Zeit, Luther sei von einem Dämon besessen. Auch ist bezeugt, dass Luther in späteren Jahren unter Angstzuständen und Weinkrämpfen litt. Mehrfach wurde er auf dem Boden liegend ohnmächtig aufgefunden, "wie tot" mit ausgestreckten Armen, schlaffem Körper und geschlossenen Augen. Es kam auch vor, dass er sich für ein, zwei Tage einschloss und niemanden zu sich ließ. Durch eine Türritze sah man ihn dann auf dem Boden liegen mit dem Gesicht nach unten, in Ohnmacht, die Arme ausgestreckt. Dazu der Medizinhistoriker Neumann:

Nach meinen differentialdiagnostischen Erwägungen hatte Martin Luther kein zerebrales Anfallsleiden, also keine Form von Epilepsie, dagegen aber mit ziemlicher Sicherheit ein funktionelles Angstsyndrom, das heißt psychogene Anfälle.

Psychogene Anfälle? Schon im Herbst 1521 hatte Luther auf der Wartburg verstärkt über Anfechtungen und Heimsuchungen der anderen Art. Er sei "in dieser Einöde tausend Teufeln ausgeliefert" und "den bösen Geistern unter dem Himmel". Er erlebe Unruhe durch Gespenster und Poltergeister. Einmal "sah" Luther sogar, als er sich schlafen legen wollte, einen "großen schwarzen Hund" auf seinem Bett liegen; zur Vertreibung betete er den 8. Psalm – erfolgreich.

Neumann spricht in diesem Zusammenhang von optischen und akustischen Halluzinationen, entfacht durch die Einsamkeit und merkt an: "Luther ist mit den üblichen Maßstäben überhaupt schwer zu messen, denn herausragenden Persönlichkeiten sind auch besondere Verhaltensweisen zuzugestehen." Allerdings: Der berühmte Wurf mit dem Tintenfass nach dem Teufel ist reine Legende.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25.02.2017 | 19:05 Uhr