Mythen um Martin Luther Martin Luther, der Aufklärer

In Weimar, so empfiehlt es die Klassikstiftung, solle man den Stadtrundgang zur Aufklärung und Klassik an der ehemaligen Franziskanerkirche beginnen. Dort, wo eine Tafel an die drei Weimarer Aufenthalte von Martin Luther erinnert. Mit seiner Reformation habe er schließlich den Grundstein für die Aufklärung gelegt. Luther - ein früher Aufklärer? Ein reiner Mythos.

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Zahlreiche Philosophen der Aufklärung waren protestantische Pfarrer - oder doch zumindest evangelisch. Sie schufen den Mythos von Luther als erstem Aufklärer. Doch der stimmt nicht, sagt Hartmut Schade.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 05.05.2017 07:40Uhr 03:53 min

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Zahlreiche Philosophen der Aufklärung waren protestantische Pfarrer - oder doch zumindest evangelisch. Sie schufen den Mythos von Luther als erstem Aufklärer. Doch der stimmt nicht, sagt Hartmut Schade.

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Die Bundesregierung lässt sich bei ihrer Mitwirkung an der Vorbereitung und Durchführung des Reformationsjubiläums von folgenden Überlegungen leiten: Die Aufklärung und die Menschenrechte wurden ... durch die Reformation entscheidend beeinflusst.

Wortwörtlich findet sich dieser letzte Satz sowohl auf einer Webseite der Bundesregierung wie auf "Luther2017", den Reformationsseiten der evangelischen Kirche. Der Allianz von Kanzleramt und Altar zum Trotz: Luther war kein Vorkämpfer für Menschenrechte und Aufklärung.

Die Autonomie, die in der Aufklärung des 18. Jahrhundert entscheidend wurde und die auch für Kant so wichtig war, die menschliche Autonomie, die kann Luther keineswegs vertreten, sondern für ihn ist Freiheit immer gebunden an Gott. Gleichwohl klärt er natürlich auf über bestimmte Missbräuche. Aber im eigentlichen Sinne, wie wir heute Aufklärung definieren, da können wir sagen: Luther war kein Aufklärer.

Jenaer Kirchenhistoriker Professor Christopher Spehr

Aber die deutschen Aufklärer schätzen Luther. Oft sind sie selbst evangelische Theologen wie Lessing oder Herder. Zumindest aber sind sie Protestanten wie Leibniz oder Thomasius. Kein Zufall. Schule, Lesen lernen für Jungen und für Mädchen – das ist allen Reformatoren wichtig. Wenn der einzelne Gläubige für seinen Glauben einstehen soll, dann muss er die Bibel auch verstehen können.

Die Vernunft als etwas Göttliches

Der Protestantismus besteht nicht so sehr in einer besonderen Konfession als im Geiste des Nachdenkens und höherer, vernünftiger Bildung.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1810

Der Vernunft, die der Philosoph beschwört, stand der Theologe Luther durchaus skeptisch gegenüber.

Da sagt Luther, die Vernunft ist etwas Göttliches. Also er schätzt die Vernunft tatsächlich sehr hoch, insofern kann die Aufklärung sich mit gewissem Recht auf Luther berufen. Aber gleichzeitig ist die Vernunft für Luther des Teufels Hure, also wenn die Vernunft losgelöst vom Glauben, von der Bibel erfolgt, dann ist sie falsch. In der Aufklärung ist es umgekehrt: Im Zweifelsfall ist die Vernunft die oberste Instanz. Das heißt, wenn die Bibel der Vernunft widerspricht, dann hat die Vernunft Recht und nicht die Bibel.

Benjamin Hasselhorn von der Stiftung Luthergedenkstätten

Und noch ein weiteres großes Anliegen der Aufklärung lässt sich nicht mit Luther rechtfertigen: Die Religionskritik. Wenn Luther Papsttum und Ablass kritisiert, dann sei das keine Religionskritik, er wende sich nur gegen die konkrete Ausübung der Religion urteilt der Theologe Benjamin Hasselhorn.

Die Religion an sich hätte er niemals infrage gestellt, niemals kritisiert. Aber natürlich, da geht ein Impuls los und eine Entwicklung los, die dazu führt, dass sich auch andere Kritiker ermutigt fühlen, ihre Kritik loszuwerden. Und das tritt ja schon im 16. Jahrhundert eine ganze Lawine los und spätere Religionskritiker können sich dann auch immer auf diesen Ursprungspunkt einer damals noch kircheninternen Religionskritik berufen.

Benjamin Hasselhorn

Jede Generation entwirft ihr eigenes Lutherbild. Luther, der die Erleuchtung bringt - dieses Bild wurde im Zeitalter der Aufklärung geprägt. Und es wirkt nach bis heute.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Radio: MDR KULTUR | 05.05.2017 | 07:40 Uhr