Mythen um Martin Luther Martin Luther, der Familienmensch

Luther an der Laute, die Kinderchen vor sich, seine frommen Lieder singend. So wurde im 19. Jahrhundert der Reformator als Familienvater dargestellt. Martins und Katharinas Familienleben als Inbegriff und Vorbild für das evangelische Pfarrhaus. Dabei war Luther kein Pfarrer, sondern Professor und andere Kleriker haben vor ihm geheiratet. Egal, Luther und sein Familienleben gaben das Vorbild ab.

Eine historische Abbildung zeigt Martin Luther und seine Familie zur Weihnachtszeit
So idyllisch soll es zu Weihnachten bei Familie Luther zugegangen sein. Der Reformator spielt auf der Laute und die Kinderschar ist um ihn und den Baum versammelt. Bildrechte: IMAGO
Devid Striesow (spielt Martin Luther) und Karoline Schuch (spielt Katharina von Bora) am Set. 4 min
Bildrechte: IMAGO

Luther als frommer Patriarch und Katharina als treusorgende Pfarrfrau? In Wahrheit hatte "Frau Käthe" im Hause Luther die Hosen an, berichtet Hartmut Schade.

MDR KULTUR - Das Radio Di 02.05.2017 08:10Uhr 03:43 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Devid Striesow (spielt Martin Luther) und Karoline Schuch (spielt Katharina von Bora) am Set. 4 min
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Luther als frommer Patriarch und Katharina als treusorgende Pfarrfrau? In Wahrheit hatte "Frau Käthe" im Hause Luther die Hosen an, berichtet Hartmut Schade.

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Luthers Probleme kommen einem seltsam heutig vor: Zwar klingelt bei ihm nicht das Smartphone und statt E-Mails schreibt er Briefe. Nur wirklich Ruhe und Muße zum Arbeiten hatte er als Familienvater in seinem "Homeoffice" nicht, erzählt der Leipziger Reformationshistoriker Armin Kohnle:

Dabei muss man wissen, dass die Professoren damals ja kein Büro irgendwo hatten, wo sie sich zurückziehen konnten, sondern die Gelehrsamkeit, die Studien fanden zuhause statt. Das heißt: Im Kindertrubel, und nicht nur Kindertrubel, sondern das Familienleben Luthers war auch gekennzeichnet durch die Wirtschaft Katharina von Boras, die eine Studentenburse eingerichtet hat, so dass an Luthers Tische Tag für Tag ungefähr 40 Personen saßen, die verköstigt werden mussten, mit denen er irgendwie kommunizieren musste, und die natürlich einen entsprechenden Lärmpegel und eine Unruhe auch in sein Leben hineingebracht haben.

Armin Kohnle, Reformationshistoriker

Was wir so genau wissen, weil Luther aus seinem Familienherzen keine Mördergrube machte und für das 16. Jahrhundert ungewöhnlich offenherzig Besucher und Brieffreunde an Familienleben und Kindererziehung teilhaben lässt, wie Mirko Gutjahr von der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt weiß:

Er mischt sich auch früh in die Erziehung ein. Das geht soweit, dass er sogar von der Veste Coburg aus seiner Frau Ratschläge gibt, wie sie ihr Kind abzustillen hat. Oder dass er Briefpartner wissen lässt, wie es um die Verdauung seiner Kinder steht, und dass der kleine Hans gerade gelernt hat, eigenständig in die Ecke zu machen. Solche Dinge würden wir bei modernen Familienvätern bei Twitter und Facebook lesen.

Mirko Gutjahr, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Und bei der Begeisterung, mit der Luther das damals modernste Kommunikationsmittel, den Buchdruck, nutzt, darf man sicher sein: Er hätte täglich getwittert und gepostet. Aber eigentlich haben wir ja ein anderes Bild von ihm: Luther am Kachelofen, die Laute in der Hand, seine blondgelockten Kinder andächtig zu ihm aufblickend.

Der Laute zupfende Luther im Familienkreis ist wohl eine romantische Erfindung des 19. Jahrhunderts. Jenes Jahrhunderts, das Luthers Ehe als vorbildlich preist. Und damit ein Rollenmodell, das bis heute wirkmächtig ist: Die Frau kümmert sich um den Haushalt, der Mann verdient im Beruf das Geld. In Wahrheit war es bei Luthers genau andersherum, sagt Stefan Rhein:

Luther, der Mönch, völlig mittellos, stirbt als reicher Bürger dieser Stadt. Und dies verdankt er seiner Frau. Er nennt sie nicht ohne Grund Hauswirtschafterin, Saumärkterin, nennt sie liebe- und gleich respektvoll "Herr Käthe". Denn er wusste, sie hat die Hauswirtschaft betrieben, sie hatte die Einnahmen, sie hat die Landwirtschaft geschmissen. Sie hatte immerhin die größte Landwirtschaft im Wittenberg.

Stefan Rhein, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Und noch etwas wird ignoriert: Luthers Interesse und Engagement bei der Erziehung seiner Kinder. Von seinen zahllosen Reisen bringt er ihnen Geschenke mit, schreibt ihnen unterwegs Briefe. "Er äußert sich zu den Zukunftswünschen, die er als Vater – vor allem für seine Söhne gehabt hat – und da ist ein Punkt, der immer wieder kommt: Ihr dürft alles werden, nur nicht Juristen.", erklärt Stefan Rhein weiter. An den Galgen wolle er ihn hängen, droht Luther seinem Sohn Hans, als dieser doch mit der Juristerei beginnt. Um dann als Vater die Erfahrung zu machen: Die Kinder tun doch, was sie wollen. Hans wird Jurist.

Über dieses Thema berichtet der MDR KULTUR auch im: Radio | 02.05.2017 | 08:10 Uhr