Mythen um Martin Luther Martin Luther, der Frauenbefreier

Eines ist beim Reformationsjubiläum 2017 anders als bei den Feiern von 1617, 1817 oder 1917: Zum ersten Mal stehen Frauen im Talar am Altar und feiern das Reformationsjubiläum sogar als Bischöfinnen. Denn anders als die katholische Kirche kennt die evangelische auch Frauen im geistlichen Amt. Eine Spätfolge der Reformation? Luther als Vorkämpfer für die Frauenemanzipation? Die Wirklichkeit ist viel ambivalenter.

Martin Luther und dessen Farau Katharina von Bora
Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora, die er liebevoll "Frau Käthe" nannte. Bildrechte: dpa
Martin Luther und dessen Farau Katharina von Bora 4 min
Bildrechte: dpa

Bildung auch für Mädchen - das wünschte sich Martin Luther. Doch der Reformator konnte auch Macho sein. Hartmut Schade über den Mythos von Martin Luther als Wegbereiter der Emanzipation.

MDR KULTUR - Das Radio Do 04.05.2017 07:10Uhr 03:51 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Martin Luther und dessen Farau Katharina von Bora 4 min
Bildrechte: dpa

Bildung auch für Mädchen - das wünschte sich Martin Luther. Doch der Reformator konnte auch Macho sein. Hartmut Schade über den Mythos von Martin Luther als Wegbereiter der Emanzipation.

MDR KULTUR - Das Radio Do 04.05.2017 07:10Uhr 03:51 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Derb und manchmal zotig ging es an Luthers Tisch zu: "Darum hat die Maid ihr Punzlein, dass es dem Mann ein Heilmittel bringe", lautet einer der Herrenscherze auf Stammtischniveau. Ob sich Luther zu solchen Sprüchen auch hinreißen ließ, wenn "Herr Käthe", sein "Morgenstern von Wittenberg" in Hörweite war? Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, ist sich da nicht sicher.

Luther hatte eine ganz eindrucksvolle Beziehung zu seiner Frau geführt. Vielleicht keine emanzipierte, aber doch eine symmetrische. Er hat sie sehr geschätzt. Sie hatte ihren eigenen Bereich.

Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Und das war die Küche. Luther habe Katharina nur aus dem Kloster geholt, um sie anschließend in die Küche zu verbannen, sagen spitze – und vor allem katholische – Zungen. Sexist, Macho und Frauenverächter – das sei Luther nur in seinen Reden, sagt Reformationsbotschafterin Margot Käßmann in einem ZEIT-Interview.

Er hat Bildung für Mädchen gefordert! Die Aufwertung von Mädchen und Frauen kommt auch durch Luther. Die Pfarrfrau, die wertgeschätzt wird – auch das ist Luther. Er sagt: Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst.

Margot Käßmann, Theologin und Reformationsbotschafterin

"Wir sind Papst", das kann seit Luther jeder evangelische Gläubige von sich sagen. Mit dem von ihm postulierten "Priestertum aller Gläubigen" hat er nicht nur die Unterschiede zwischen Laien und Priestern aufgehoben, sondern auch zwischen Frauen und Männern.

Aber Luther selbst hat diese Dinge nicht bis zu Ende gedacht oder gar in irgendwelche konkreten Handlungen umgesetzt.

Armin Kohnle, Reformationshistoriker an der Uni Leipzig

Das sagt Armin Kohnle, Reformationshistoriker an der Uni Leipzig. Es sollte noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts dauern, ehe evangelische Pfarrerinnen ordiniert wurden. Aber Luther ermutigt und unterstützt Frauen, die sich für den neuen Glauben einsetzen, sagt Benjamin Hasselhorn von den Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt.

Es gibt ja auch zu Luthers Lebzeiten bereits Reformatorinnen, die auch mit Luther in Austausch stehen. Wenn sie an Felicitas von Selmenitz denken, die Luther als Vertreterin des reformatorischen Anliegens in Halle einsetzen wollte, die sich mehrfach in Wittenberg mit ihm getroffen hat.

Benjamin Hasselhorn, Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt

Sabine Kramer, Pfarrerin der Hallenser Marktkirche, ergänzt: "Sie hat an Tischgesprächen im Hause Luther teilgenommen. Sie hat möglicherweise da kleinere Textbeiträge selbst gegeben. Aber da die Mitschreiber an Bemerkungen von Frauen wenig Interesse hatten, ist davon sehr wenig aufgeschrieben worden." Das männliche Desinteresse am Frauenengagement teilt Felicitas von Selmenitz mit den anderen Vorkämpferinnen der Reformation wie Argula von Grumbach, Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg oder Elisabeth von Rochlitz. Auf deren Briefe an Philipp von Hessen oder Kurfürst Johann Friedrich hat ein Archivar "Weibergewäsch" gekritzelt.

Für Luther ist die Korrespondenz mit den Frauen kein "Weibergewäsch". Schließlich profitiert der Reformator auch von ihnen. Nach einem Gespräch mit Ave von Schönfeld, jener Frau, die er eigentlich heiraten wollte, gibt Luther Katharina Tipps zum Abstillen. Und Windelwaschen, da ist sich der glaubensfeste Reformator sicher, gefalle Gott gar "aufs allerbeste":

Ach wie gerne will ich solches tun, und wenn's noch geringer und verachteter wäre.

Martin Luther, Reformator

Wenn es nur im festen Glauben an Gott geschieht, ist nach Luther keine Arbeit unangenehm.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 04.05.2017 | 07:10 Uhr