Mythen um Martin Luther Martin Luther, der Kirchenspalter

Luther – der Häretiker, der Ketzer. Der Mann, der den Papst als Antichrist beschimpfte und die Kirche spaltete. Das war jahrhundertelang die katholische Sichtweise auf den Reformator. Dass die evangelischen Kirchen aus römischer Perspektive keine vollwertigen Kirchen sind, hat Benedikt XVI. 2010 noch einmal bekräftigt. Auch wenn jetzt Franziskus zum Reformationstag 2016 ins schwedische Lund reiste – das Bild von Luther als Zerstörer der kirchlichen Einheit ist noch immer wirkmächtig.

Der Reichstag zu Worms, 1521. Luther in Gegenwart von Kaiser Karl V. Luther rechts, Johann von der Ecken links zwischen ihnen.
Beim Reichstag zu Worms wird Luther mit dem Kirchenbann belegt. Bildrechte: IMAGO
Der Reichstag zu Worms, 1521. Luther in Gegenwart von Kaiser Karl V. Luther rechts, Johann von der Ecken links zwischen ihnen. 4 min
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Der Ketzer Martin Luther hat die Einheit der Kirche zerbrochen. Das war die traditionell-katholische Sicht auf den Reformator. Inzwischen hat sich das geändert, sagt Hartmut Schade.

MDR KULTUR - Das Radio So 30.04.2017 09:15Uhr 03:59 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Reichstag zu Worms, 1521. Luther in Gegenwart von Kaiser Karl V. Luther rechts, Johann von der Ecken links zwischen ihnen. 4 min
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Der Ketzer Martin Luther hat die Einheit der Kirche zerbrochen. Das war die traditionell-katholische Sicht auf den Reformator. Inzwischen hat sich das geändert, sagt Hartmut Schade.

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Oktober 1962. Das Zweite Vatikanische Konzil, mit dem sich die katholische Kirche erneuern wird, wird eröffnet. Zweieinhalbtausend katholische Würdenträger versammeln sich im Petersdom. Viele der theologische Ansichten, die Martin Luther vertrat, wurden hier aufgenommen.

Volkssprache im Gottesdienst, also die Landessprache, die benutzt werden konnte. Das war Luther wichtig. Die Stellung des Laien des Kirchen, also des normalen Gläubigen, dass der durch die Taufe eine eigene Würde hat, die erstmal grundsätzlich Kirche konstituiert und ermöglicht. Auch die Betonung der Heiligen Schrift. Das ist etwas, dass das Zweite Vatikanische Konzil sehr hoch hielt und aufnahm. Und das sind Kernanliegen Luthers.

Stephan Mokry, Kirchenhistoriker und Reformationsbeauftragter des katholischen Bistums Magdeburg

450 Jahre braucht Rom, um Luthers Ideen aufzugreifen und zu würdigen. Viereinhalb Jahrhunderte, in denen kein gutes Haar an Luther gelassen wird. In den Jahrhunderten nach der Glaubensspaltung werden die Beschimpfungen immer derber. Ein "verhurter Stier", ein "unverschämter und fleischlich gesinnter Zungendrescher" sei der Wittenberger Mönch. Gezeugt worden sei er vom Teufel selbst, der es in einem "öffentlichen Bade" mit Luthers Mutter trieb. Der Dominikanerpater Heinrich Suso Denifle lässt 1904 seine große, materialgesättigte Lutherbiographie mit der Aufforderung enden:

Los von Luther, zurück zur Kirche.

Dominikanerpater Heinrich Suso Denifle, 1904

Denn, so wird er auf fast 2000 Seiten nicht müde den Protestanten einzuhämmern, "in Luther sei nichts Göttliches".

Mit Denifle geht dem katholischen Luther-Furor allmählich der Atem aus. Luthers berechtigtes reformatorisches Anliegen wird heute von der katholischen Kirche anerkannt, man sieht die Fehler, das eigene Versagen. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts sei der Schutt der Vorurteile weitgehend weggeräumt, urteilt Stephan Mokry.

1970 auf der Versammlung des Lutherischen Weltbundes in Evian hat der Ökumeneminister des Papstes, Kardinal Willebrands, Luther vollumfänglich gewürdigt als Lehrer im Glauben und Vorbildgestalt.

Stephan Mokry

Für die evangelische Reformationsbotschafterin Margot Käßmann hat die Reformation beide Religionen verändert, auch die katholische Kirche.

Und wir könnten feiern, dass wir nach all der Spaltung jetzt 100 Jahre ökumenische Bewegung erlebt haben.

Margot Käßmann

Die Kirchenspaltung dauert an. Aber beide Seiten können nun versöhnt miteinander umgehen. Und beiden Kirchen sehen sich gegenseitig als Bereicherung.

Über dieses Thema berichtet der MDR auch im Radio: MDR KULTUR | 30.04.2017 | 09:15 Uhr