Mythen um Martin Luther Martin Luther als Schirmherr Sachsens

Aus Sachsen-Anhalt, dem Land der Frühaufsteher, ist das "Ursprungsland der Reformation" geworden. Thüringen dagegen betont, "Kernland der Reformation" zu sein. Schließlich – so haben Jenaer Historiker nachgerechnet – liege der größte Teil des damaligen Kurfürstentums Sachsen auf heutigem Thüringer Gebiet. Und Sachsen bezeichnet sich nun als "Mutterland der Reformation". Dabei war Luther jahrhundertelang eine zentrale Identifikationsfigur für die Menschen zwischen Dresden und Eisenach, Erfurt und Magdeburg.

Luther-Denkmal
Luther-Denkmal vor der Frauenkirche in Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Luther-Denkmal 4 min
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War Luther Sachse? Oder doch eigentlich ein Preuße? Im Laufe der Jahrhunderte haben ihn viele vereinnahmt, schildert Hartmut Schade. Dabei war Luther doch in der Seele ein Mansfelder.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 06.05.2017 08:45Uhr 04:05 min

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War Luther Sachse? Oder doch eigentlich ein Preuße? Im Laufe der Jahrhunderte haben ihn viele vereinnahmt, schildert Hartmut Schade. Dabei war Luther doch in der Seele ein Mansfelder.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 06.05.2017 08:45Uhr 04:05 min

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Hoch schlagen die Wellen auf der Elbe. Der bei Wittenberg meist gemächlich dahinströmende Fluss scheint als dräuende Naturgewalt. Dunkle Wolken hängen über der Stadt. "Das ist eine Stadtansicht Sebastian Adams aus dem Jahre 1546", sagt Dr. Sebastian Rhein, Direktor der Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt.

Man sieht die zentralen Orte: Das Schloss, die Stadtkirche, die Universität, das Melanchthonhaus, das Lutherhaus. Aber über dem Lutherhaus, da geht die Sonne auf. Also Ort der Wahrheit zu sein, Ort der Herkunft der Wahrheit zu sein – dieses Gefühl haben die Wittenberger und die Sachsen schon sehr früh.

Dr. Sebastian Rhein, Direktor der Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt

Verstärkt wird das Gefühl der Auserwähltheit durch den wirtschaftlichen und politischen Aufschwung, den Sachsen nimmt. Unter Kurfürst Moritz entwickelt sich das Land zum evangelischen Vorzeigestaat, sagt Armin Kohnle, Reformationshistoriker an der Universität Leipzig.

Wenn man sehen will, wie ein lutherisches Territorium aufgebaut wird, wie es dann funktioniert, dann kann man das Sachsen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sich durchaus anschauen. Ein lutherisches Musterland sozusagen.

Armin Kohnle, Reformationshistoriker an der Uni Leipzig

Und dieses "Musterland" schafft sich auch einen passenden Feiertag: den Reformationstag. Die Feiern zum Thesenanschlag hatte noch Luther selbst begonnen. 1527 datiert er einen Brief an Nikolaus von Amsdorf mit den Worten: "Wittenberg, am Tag Allerheiligen, im zehnten Jahr nach Niedertretung der Ablässe, zu deren Gedächtnis wir zu dieser Stunde rundum getröstet trinken".

90 Jahre nach Luthers fröhlicher Runde und 100 Jahre nach dem Thesenanschlag wird wieder gefeiert. Staatsoffiziell diesmal und mit doppelter Speerspitze. Zum einen als Triumphgeste gegenüber den Katholiken, zum anderen als Selbstbehauptung gegenüber den Calvinisten, die ihrerseits den Führungsanspruch innerhalb der reformatorischen Kirchen erheben.

Und das ist 1617 die Situation. Man will das Luthertum festhalten, aber in klarer Abgrenzung zu den innerevangelischen Abweichlern – und das sind die Calvinisten.

Armin Kohnle, Reformationshistoriker an der Uni Leipzig

Ganz anders die Situation in den Folgejahrhunderten. 1717 hat das protestantische Musterländle mit dem starken August einen katholischen König, und 1817 sind nach dem Wiener Kongress Wittenberg, Torgau und Eisleben an Preußen gefallen. Die neuen Herrscher erkennen sofort das identitätsstiftende Potenzial der Reformationsstätten.

Wittenberg ist ein Produkt preußischer Kirchen- und Kulturpolitik. Was den Katholiken der Kölner Dom ist, das soll Wittenberg den protestantischen Preußen werden.

Stefan Rhein, Direktor der Luthergedenkstätten Sachsen-Anhalt

Seither verkündet der Schlosskirchenturm "Eine feste Burg ist unser Gott". Er bekommt eine neue Turmhaube, die an eine preußische Pickelhaube erinnert, eine bronzene Tür ersetzt die hölzerne, angebliche Thesenanschlagstür, im Kircheninneren wird ein thronähnlicher Stuhl für die Preußenherrscher aufgestellt und im Lutherhaus werden die Büsten der preußischen Könige aufgestellt.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 06.05.2017 | 08:45 Uhr