Martin Luther Martin Luther auf dem Reichstag zur Worms im April 1521
Darstellung von Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms, 1521 Bildrechte: IMAGO

Luthers berühmteste Worte "Hier stehe ich ..."

"Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen" – es sind die berühmtesten Lutherworte. Gesprochen 1521 auf dem Reichstag zu Worms. Kein Luther-Film kommt ohne sie aus. Gesprochen meist selbstbewusst oder gar triumphierend. Hermann Wislicenus zeigt in seinem Gemälde "Der Reichstag zu Worms" von 1880 einen aufrecht stehenden Luther mit stolzgeschwellter Brust vor einem krumm hockenden Kaiser. Bis heute sind Luthers Worte populär und werden in alle möglichen – und manchmal in Kirchenaugen auch unmöglichen – Kontexten gebraucht, zum Beispiel als Aufdruck auf Kondomen. "Hier stehe ich ..." – nur hat Luther das wirklich gesagt?

von Hartmut Schade

Martin Luther Martin Luther auf dem Reichstag zur Worms im April 1521
Darstellung von Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms, 1521 Bildrechte: IMAGO
Denkmal des Reformators Martin Luther 4 min
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"Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen“ – es sind die berühmtesten Lutherworte. Gesprochen 1521 auf dem Reichstag zu Worms. Nur hat Luther "Hier stehe ich …" wirklich gesagt? Hartmut Schade weiß es.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 01.07.2017 14:15Uhr 03:34 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Denkmal des Reformators Martin Luther 4 min
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"Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Amen“ – es sind die berühmtesten Lutherworte. Gesprochen 1521 auf dem Reichstag zu Worms. Nur hat Luther "Hier stehe ich …" wirklich gesagt? Hartmut Schade weiß es.

MDR KULTUR - Das Radio Sa 01.07.2017 14:15Uhr 03:34 min

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Schlecht geht es ihm. Doktor Martinus Luther hat Bauchweh, Krämpfe plagen ihn. Er windet sich auf dem Lokus. nach Wittenberg schreibt er, Gott habe ihn ...

... im Hintern mit großen Schmerzen geschlagen. So hart ist der Stuhlgang, dass ich gezwungen werde, ihn mit großer Kraft bis zum Schweißausbruch herauszustoßen.

Martin Luther, Reformator

Die Leibesqualen sind kein Wunder. Schließlich geht es um seinen Kopf, als verurteiltem Ketzer droht ihm der Feuertod. Dass er überhaupt noch frei nach Worms zum Reichstag reisen kann, verdankt er seinem Landesherren, Friedrich dem Weisen. Der hat durchgesetzt, dass Luther zuvor auf dem Reichstag gehört werden soll. Luther glaubt an eine Disputation. Die Gegenseite – der päpstliche Legat Aleander und Kaiser Karl – wollen nicht diskutieren, sondern einen Widerruf. 

Als Luther am 17. April 1521 in den Verhandlungssaal geführt wird, ist er von diesem Vorgehen überrumpelt. Mit leiser, kaum vernehmbarer Stimme gibt Luther zu, dass die vorgelegten Bücher allesamt von ihm stammen. Allerdings könne er nicht so spontan widerrufen, denn diese Angelegenheit ...

... betreff Gottes Wort, das das allerhöchste Ding in Himmel und auf Erden sei.

Martin Luther

Diskussion - ja! Widerruf - nein!

Großmütig räumt ihm Karl V. nochmals Bedenkzeit ein. Überzeugt, dieser schüchterne Mönch "wird mich nicht zum Ketzer machen". 24 Stunden später ist alles anders: Dutzende Reichsritter haben Luther in seiner Kammer besucht, das Volk auf den Gassen hat ihm zugejubelt, und Luther weiß jetzt, dass die Gegner nur seine Unterwerfung wollen.

Erst auf Deutsch, dann – weil der Kaiser es kaum versteht – auf Latein, lehnt er den Widerruf ab. Seine Predigten seien Bibelgemäß, seine Kritik am Papsttum sei ebenfalls durch die Heilige Schrift gedeckt. Über die dritte Büchergruppe, die "von der Lehr Christi" handle, könne man diskutieren. Er sei der allererste, verkündet ein selbstbewusst auftretender Luther, der seine Schriften ins Feuer werfe, wenn er aus der Bibel heraus widerlegt werden könne.

Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, kann ich und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.

Martin Luther

Kein triumphales "Hier stehe ich ...", kein selbstbewusstes "Ich kann nicht anders". Ein schlichtes "Gott helfe mir. Amen" beendet Luthers Rede. Als er in sein Quartier zurückkehrt, reißt er in Siegerpose beide Arme hoch und jubelt: "Ich bin hindurch! Ich bin hindurch!"

Verhängung der Reichsacht

Ganz noch nicht. "Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis" gilt auch schon vor 500 Jahren. Die "Causa Lutherii" wird in einen Ausschuss verwiesen, Luther vorgeladen – erwartungsgemäß ergebnislos. Damit ist klar, dass der Wittenberger Mönch vom Kaiser unter Reichsacht gestellt wird und von jedermann straflos getötet werden kann. Friedrich der Weise lässt ihn vorsichtshalber auf die Wartburg entführen. Während Luther spurlos verschwunden ist, erreicht seine Reichstagsrede Wittenberg. Gedruckt wird sie mit einer kleinen Änderung:

Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen.

Druck von Martin Luthers Reichstagsrede

Wer auch immer von den Wittenbergern für die rhetorische Zuspitzung verantwortlich war – ihm ist ein großer Wurf gelungen. Die nie gesagten Worte werden für die protestantische Tradition prägend.

Über dieses Thema berichtet MDR Kultur auch im Radio: Beitrag | 01.07.2017 | 14:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. Juni 2017, 15:51 Uhr