Persönlichkeiten der Reformation: Karlstadt Feuerkopf Karlstadt endete arm und einflusslos

Andreas Bodenstein alias Karlstadt gehörte von Anbeginn zum inneren Kreis und zum Netzwerk der Wittenberger Theologen des reformatorischen Aufbruchs. Das waren insbesondere Martin Luther, Nikolaus von Amsdorf, Bartholomäus Bernhardi und Philipp Melanchthon.

Als Luther von April 1521 bis März 1522 für die Wittenberger Debatte ausfiel, weil er sich vor dem Reichstag in Worms verantworten und anschließend auf der Wartburg verstecken musste, nahm Karlstadt das Heft selbst in die Hand. Einen Führungsanspruch Luthers sah er ohnehin nicht.

Er leitete im Kreis der Wittenberger Theologen eine Gottesdienst- und Stadtreformation ein. Dazu gehörte die erste öffentliche evangelische Messe am ersten Weihnachtstag 1521 in der Wittenberger Schlosskirche mit der Ausreichung des Abendmahles in beiderlei Gestalt, also Brot und Wein. Seine Kritik am Zölibat setzte er durch die Tat um, indem er, der ranghohe Kirchenmann, am 19. Januar 1522 die Ehe mit Anna von Mochau einging.

Karlstadt leistete bei Luther Abbitte

In Orla und Orlamünde schien Bodenstein als Pfarrer freie Hand zu haben und wurde von den Einwohnern vor Luther verteidigt. Diese Aufruhr wollte sich Luther nicht bieten lassen: Er stellte Bodenstein kalt. Am 18. September 1524 erhielt Karlstadt den Ausweisungsbefehl und verließ kurz darauf Sachsen. Noch im selben Jahr brachte Luther die Karlstadt vernichtende Schrift "Wider die himmlischen Propheten" heraus. Darin prägte er mit Blick auf Karlstadt, Müntzer und andere den Ausdruck von der "Schwärmerei".

In den Wirren des Bauernaufstandes im Jahr darauf geriet Karlstadt, weder der einen noch der anderen Seite zugetan, zwischen alle Stühle. Um ein Haar hätte ihn sogar ein Bauernführer vor den Toren Rothenburgs erschlagen. Trotz Teilnahme an Bauerndelegationen gelang es Karlstadt, sich rechtzeitig vor dem Zusammenbruch der Bewegung und endgültigen Niederschlagung des Aufstandes im Juni 1525 nach Frankfurt abzusetzen. Erschöpft und gebrochen sandte er Bittbriefe an Luther, er möge ihm die Rückkehr nach Sachsen ermöglichen. Luther lenkte daraufhin ein.

Am Ende des Lebens standen Armut und Einsamkeit

Der Preis für Karlstadt war allerdings hoch. Er musste sich Luther demonstrativ unterordnen. Er wurde gezwungen, in der Frage des Abendmahls Luthers Ansicht von der echten und wahren Anwesenheit Christi öffentlich zu billigen, wenn er schon nicht dazu bereit war, diese auch zu teilen. Zwar in den Formulierungen stark verklausuliert, wurde die Botschaft der "Erklärung wie Carlstat sein lere von dem hochwirdigen Sacrament vnd andere achtet vnd geacht haben wil" als Widerruf verstanden – erschienen in Wittenberg noch im Jahr 1525. In den religiösen Debattierkreisen erregte dieses Papier in einer Zeit höchst aufgeheizter Stimmung erhebliches Aufsehen.

Luther nahm den "reuigen" Karlstadt zunächst insgeheim in seinem Haus auf. Kurz darauf räumte auch der Kurfürst Karlstadt Bleiberecht in Sachsen ein. Aber Karlstadt blieb gebrochen und unter Luthers Kontrolle: Er durfte weder predigen noch publizieren. Auch eine Kontaktaufnahme mit Auswärtigen war ihm untersagt. Außerhalb Wittenbergs durfte er sich nur an ihm genehmigten Orten aufhalten.

So zog Karlstadt zunächst nach Segrehna, wo sich der Familiensitz seiner Frau befand. Armut zwang ihn zur Suche eines anderen Auswegs. In Kemberg fristete er ein mehr oder weniger trostloses Leben als Bauer und später als Krämer.