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Reformationsorte in Mitteldeutschland: Bad Frankenhausen

Mehr ein Massaker als eine Schlacht

von Franz Kadell

Gemessen an der Einwohnerzahl von 9.000 ist Bad Frankenhausen nicht besonders groß. Und doch kann die Stadt am Kyffhäuser, in der Talsenke der Kleinen Wipper, gleich mit mehreren Superlativen aufwarten. Hier steht eine der größten mittelalterlichen Burganlagen Europas mit dem Kyffhäuser-Denkmal, in dem der Staufenkaiser Friedrich II., "Barbarossa", der Sage nach schläft. Hier wurde der Burgbrunnen in den Boden getrieben - mit seinen 176 Metern der tiefste der Welt.

Der Turm der Oberkirche in Bad Frankenhausen, auch Kirche "Unserer Lieben Frauen" oder Bergkirche genannt, ist der schiefste Kirchturm der Welt: Auf 56 Metern 4,60 Meter außer Lot. Und hier ist das größte Rundgemälde der Welt zu sehen, das an Thomas Müntzer und den Bauernkrieg erinnert.

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Orte der Reformation - Bad Frankenhausen

Luther findet kein Gehör

In ihren "zwölf Artikeln" von Memmingen hatten die Vertreter der Bauern 1525 ihre Forderungen zusammenfasst. Die wichtigsten waren: freie Wahl der Pfarrer, Aufhebung der Leibeigenschaft, Ende der Zehntpflicht, freie Jagd und freie Nutzung des Waldes sowie die Beseitigung der Frondienste.

Luther verfolgte die Ereignisse mit gemischten Gefühlen. Schon zu Beginn der Erhebungen in Süddeutschland redete er der Obrigkeit ins Gewissen, warnte allerdings auch auf seinen Reisen in Mitteldeutschland die Bauern, vor einer Erhebung auch an die Folgen zu denken.

Er fand jedoch kaum noch Gehör. In Nordhausen wurde Luther beinahe körperlich angegriffen. Bad Frankenhausen hat er nie aufgesucht. Der eigentliche Wortführer war inzwischen Thomas Müntzer, mit dem sich Luther längst überworfen hatte. Über ihn sagte Luther einst: "Wohlan, wer den Müntzer gesehen hat, der kann sagen, er habe den Teufel leibhaftig gesehen, in seinem höchsten Grimm."

Die Lage spitzte sich 1525 zu: Die Aufständischen stürmten das Zisterzienser-Nonnenkloster mit der Marienkirche und zerstörten große Teile der Anlagen. Das Kloster war 1215 von Friedrich von Beichlingen gestiftet worden. Nur Reste davon sind heute in der Klosterstraße zu sehen.

Regenbogen als Zeichen Gottes

Am April 1525 fanden sich die Anhänger Müntzers auf dem Weißen Berg oberhalb Frankenhausens zu einer Art Bauernheer zusammen: 8.000 Mann mit Sensen und Dreschflegeln. Bald waren sie vom vereinten Fürstenheer, bestehend aus Söldnern und kriegserfahrenen Rittern, umzingelt. Die Aufständischen blickten auf Thomas Müntzer, der predigte.

Und so fährt die Legende fort: Plötzlich erschien über Müntzer ein strahlender, großer Regenbogen. Die Bauern deuteten das als Zeichen Gottes, dass sie gar nicht zu kämpfen bräuchten und legten ihre bescheidenen Waffen nieder. So kam es gar nicht zu einer wirklichen Schlacht, sondern einem sofort einsetzenden Massaker. Die Reiter und Landsknechte metzelten alles nieder. 6.000 Tote sollen es innerhalb einer halben Stunde gewesen sein.

Wer nicht schon an Ort und Stelle niedergemacht worden war, wurde gefangen genommen. Anschließend wurde in der Stadt eine Massenexekution vollzogen. Einige waren auch in Panik den Berg hinuntergelaufen und hatten sich in der Stadt versteckt, so auch Thomas Müntzer. Aber er wurde aufgespürt, zunächst auf Schloss Heldrungen verschleppt, dort gefoltert und anschließend nach Mühlhausen gebracht und auf dem Marktplatz enthauptet.

Das Blut soll damals in Strömen den Weißen Berg hinabgeflossen sein. Ein Pfad hinunter vom einstigen Hausberg Frankenhausens heißt deshalb "Blutrinne". Oberhalb des Friedhofs weist ein anderes Schild zum "Schlachtberg". Kleingärten säumen heute den Weg.

Luther bereute erst viel später

Luthers Schwager Johann Rühel verfolgte die Ereignisse in Bad Frankenhausen von Eisleben aus und schrieb ihm: "Man straft dermaßen, dass ich besorgt bin, das Land zu Thüringen und die Grafschaft (Mansfeld) werde es nur langsam verwinden …" Er spielte darauf an, dass keine Männer mehr da seien, die das Leben hätten weiterführen können. Die wenigen Verbliebenen hätte man den Frauen auf ihr Flehen hin übergeben.

Luther antwortete seinem Schwager. An seiner Position ließ er keinen Zweifel: "Der weise Mann sagt, dem Esel gehört sein Futter, die Last und die Rute; dem Bauern gehört Haberstroh. Sie hören das Wort nicht und sind toll; darum müssen sie die Rute, die Büchse hören, und es geschieht ihnen recht. Bitten sollen wir für sie, dass sie gehorchen; wo nicht, so kann es sich hier nicht um viel Erbarmen handeln; lass nur die Büchse unter sie sausen, sie treiben's sonst tausendmal ärger."

Später hat Luther versucht, sich seiner damaligen Haltung zu entledigen. Er klagte sich der Mitschuld an. Aus seinen Tischreden ist von 1533 überliefert: "Prediger sind die allergrößten Totschläger. Denn sie ermahnen die Obrigkeit, dass sie entschlossen ihres Amtes walte und die Schädlinge bestrafe. Ich habe im Aufruhr alle Bauern erschlagen; all ihr Blut ist auf meinem Hals. Aber ich schiebe es auf unsern Herrgott; der hat mir befohlen, solches zu reden."

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Über dieses Thema berichtete auch:MDR Thüringen Journal | Fernsehen | 29.07.2016 | 19:45 Uhr

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