Reformationsorte in Mitteldeutschland: Erfurt "Die Erfurter Universität ist meine Mutter …"

Die Landeshauptstadt Erfurt ist heute mit knapp 205.000 Einwohnern die größte Stadt Thüringens vor Jena und Gera. Sie ist Sitz des Bundesarbeitsgerichts. Der Boden ist geschichtsträchtig. Die erste urkundliche Erwähnung, schon damals als Großsiedlung an Handelswegen, geht auf das Jahr 742 im Zusammenhang mit der Gründung des Bistums Erfurt durch Bonifatius zurück. Die schöne Altstadt hält viele Eindrücke bereit: den Erfurter Dom, die Krämer-Brücke, zahlreiche Fachwerk- und Bürgerhäuser und die älteste erhaltene Synagoge Mitteleuropas.

Im Mittelalter genoss Erfurt politisch weitgehend Autonomie. Die Universität, die "Hierana" (lateinisch: "die an der Gera liegende"), erhielt ihr Gründungsprivileg 1379 und arbeitete seit 1392. Sie war eine der angesehensten Universitäten in Mitteleuropa und zählte die meisten Studenten aller deutschen Universitäten. Erfurt war außerdem der einzige Ort in Mitteldeutschland, an dem alle geistlichen Orden vertreten waren.

Zehn Jahre seines Lebens verbrachte Martin Luther in Erfurt: Erst als Jura-Student, dann als Augustiner-Mönch und Theologie-Student. Es wurden seine prägenden Jahre. Viele spätere Mitstreiter gingen aus dem Netzwerk hervor, das sich schon in Erfurt gebildet hatte. Luther selbst bekannte später: "Die Erfurter Universität ist meine Mutter, der ich alles verdanke."

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360°: Lutherzelle im Augustinerkloster

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Sechs Jahre hat Martin Luther im Erfurter Augustinerkloster verbracht. 1505 trat er in das Kloster ein und beschäftigte sich mit der Frage: "Wie finde ich einen gnädigen Gott?"

MDR THÜRINGEN Di 19.07.2016 19:00Uhr 02:51 min

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Am Anfang stand das Studium der Sieben Freien Künste

Luther kam 1501 nach Erfurt. Als Schüler hatte er die Großstadt Magdeburg kennengelernt. Jetzt begann er ein Studium in Erfurt; mit fast 20.000 Einwohnern damals eine der größten Städte des Reiches. Sein Vater wollte, dass er Jura studiert. In der Verwandtschaft seiner Mutter gab es etliche Juristen.

Der junge Martin, 17 Jahre alt, war beeindruckt: Neben Erfurt nähmen sich alle übrigen Universitäten wie "kleine (ABC-)Schützenschulen" aus, meinte er. Er trug sich in die Matrikel für das Sommersemester 1501 mit "Martinus Ludher ex Mansfeldt" ein. Das ist gleichzeitig das erste verbürgte Dokument seiner Hand.

Luther wohnte im Universitätsbereich, dem "lateinischen Viertel", in der sogenannten "Georgenburse". In dem Stadtteil lagen die meisten "Bursen" – wie man Studentenheime damals nannte, die Kollegien, die Universitätskirche St. Michaelis und auch zahlreiche Druckereien.

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Von 1501 bis 1511 lebte Luther in Erfurt. Während eines Gewitters soll er dort den Entschluss gefasst haben, ins Kloster einzutreten. In Erfurt wurde aus dem Studenten der Mönch.

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Jeder Student, also auch Jura-Student Martin Luther, widmete sich zunächst dem Studium der "Sieben Freien Künste" (Grammatik, Dialektik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie) an der Philosophischen Fakultät (Artistenfakultät), bevor es an den Hauptfakultäten für Recht, Medizin oder Theologie weitergehen konnte. Bereits im September 1502 legte er das erste Baccalaureats-Examen ab; 1505 schloss er das Grundstudium als Magister Artium ab.

Das Jurastudium brach Luther allerdings plötzlich ab. Um die Gründe ranken sich zahlreiche Geschichten, Gerüchte und Spekulationen. Sie haben sich zum Teil bis heute gehalten, widersprechen aber den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaft.

Priesterweihe in der Kilianskapelle

Am 17. Juli 1505 jedenfalls trat Luther durch die legendäre, später "Lutherpforte" genannte Tür ins Erfurter Augustinerkloster als Novize ein. Bis 1511 unterwarf er sich den strengen Regeln und rang theologisch mit der Frage, wie er zu einem gnädigen Gott kommen könne. Ende Februar 1507 erhielt er als Augustinermönch die Priesterweihe zum Diakon. Sie wurde in der Kilianskapelle am Dom St. Marien durch Weihbischof Johannes Bonemilch von Laasphe vollzogen. Seine erste Messe als Priester, die "Primiz", feierte Luther in der Augustinerkirche.

Die zügige Karriere führte von Erfurt nach Wittenberg

Anschließend studierte Luther Theologie. Bereits im April 1508 war er dritter Lektor des Generalstudiums. Dann folgte ein wichtiger Schritt: Für das Wintersemester 1508/1509 wurde er an die neu gegründete Universität Wittenberg als Vertretungsdozent geschickt.

Nach Erhalt des ersten theologischen Grades als "Baccalaureus biblicus" hielt Luther im Herbst 1509 im "Auditorium Coelicum", dem prächtigen Vorlesungsraum im Erfurter Dom, seine Sentenzen-Vorlesung. Anschließend wurde er zum "Baccalaureus sententiarius" ernannt. 1510 folgte die Promotion zum "Baccalaureus formatus".

Innerhalb des Ordens gab es, wie in anderen Klöstern auch, Streit zwischen zwei Lagern. Luther gehörte zu den Hardlinern, die jeden Kompromiss ablehnten. Am Ende war die Ordensleitung der Auffassung, dass nur die Kirchenspitze in Rom den Streit beenden könne. Dazu wurde Luther mit einem weiteren Ordensbruder nach Rom geschickt. Die Reise dauerte von Herbst 1510 bis Ende März 1511.

Und schon folgte der nächste Schritt. Kaum war Luther im März 1511 in Erfurt zurück, wurde er nach Wittenberg an die dortige Universität geschickt, wo er auf Dauer blieb. 1512 erhielt er in Wittenberg die Doktorwürde.

Immer wieder kehrt Luther an seinen Studienort zurück

In den folgenden Jahren besuchte Luther wiederholt Erfurt und griff durch seine wirkungsstarken Predigten in die reformatorischen Entwicklungen ein. Einer seiner wichtigsten Mitstreiter für die Reformation in Erfurt war Johannes Lang. Übrigens: Dessen Grabstein galt lange Zeit als verschollen. 2014 wurde er wiederentdeckt.

Martin Luther als Junker Jörg, Holzschnitt von Lucas Cranach d. Ä., 1522
Martin Luther als Junker Jörg Bildrechte: IMAGO

Luther versuchte auch, seinen bedeutenden Lehrer und Rektor, den scholastischen Theologen, Logiker, Rhetoriker und Philosophen Jodocus Trutfetter in einem langen Gespräch im Jahr 1518 im Erfurter "Collegium marianum" für seine Vorstellungen zu gewinnen – was ihm aber misslang.

Als Luther im April 1521 auf dem Weg nach Worms war, um sich auf dem Reichstag für seine Veröffentlichungen zu rechtfertigen, machte er drei Tage in Erfurt Station. Schon vor den Toren der Stadt wurde er von Anhängern begeistert empfangen. Am 7. April predigte er in der überfüllten Augustinerkirche.

Am 21. Oktober1521 predigte Luther in der Erfurter Michaeliskirche; ein Jahr später – am 22. Oktober 1522 – in der Kaufmannskirche. Das ist insofern bemerkenswert, weil Luther der sogenannten "Reichsacht" verfallen war und seit April 1521 auf der Wartburg als "Junker Jörg" lebte.

Veröffentlichung des ersten lutherischen Gesangbuches

Auch als Druckort von Luther-Schriften spielte Erfurt eine Rolle. So veröffentlichte der Drucker Mathes Maler beispielsweise 1524 das "Erfurter Enchiridion", eines der ersten lutherischen Gesangbücher.

Im Jahr 1529, als das Religionsgespräch mit dem Züricher Reformator Zwingli in Marburg anstand, führte Luthers Weg wieder über Erfurt. Er predigte in der Barfüßerkirche, die zum Franziskanerkloster gehörte, aus dem Johannesevangelium. Und auch 1537 und 1540 stattete Luther Erfurt einen erneuten Besuch ab.

In Erfurt wirkte auch Luthers Freund Lucas Cranach

1537 entstand das Bild "Lasset die Kindlein zu mir kommen", eines der berühmtesten Werke des Luther-Freundes Lucas Cranach. Kurfürst Friedrich von Sachsen hatte Cranach aus dem fränkischen Kronach in Wittenberg als Hofmaler verpflichtet. Das Gemälde befindet sich heute neben elf anderen Werken von Cranach, dessen Sohn bzw. deren Werkstätten in der Mittelaltersammlung des Erfurter Angermuseums, dem Kunstmuseum der Landeshauptstadt. Auch im Dom ist ein Cranach-Werk zu bestaunen.

Das Ensemble des Erfurter Augustinerklosters, wo Luther studierte – sozusagen eine Keimzelle der Reformation – ist im Wesentlichen in seiner mittelalterlichen Gestalt bis heute erhalten. Der von einer Mauer umschlossene Bereich des über 700 Jahre alten Klosters folgt dem Ideal einer mittelalterlichen Klosteranlage. Dazu gehören eine von West nach Ost ausgerichtete mehrschiffige Klosterkirche, die südlich anschließende Klausur sowie weitere Wirtschaftsgebäude und Höfe.

Das frühere Dormitorium – so nannte man den großen Schlafraum – im Obergeschoss wurde 1872 nach einem Brand in der alten Form wieder aufgebaut. Heute befindet sich dort die 1646 begründete Klosterbibliothek. Hier hatte sich einst auch die Zelle Martin Luthers befunden. Schriftlich bezeugt wurde das allerdings erst 1651. Auch Luthers Zelle wurde nach dem Brand historisierend nachgestaltet. Von einem Fenster des Klosters aus dürfte Luther auch die Anregung für seine spätere "Luther-Rose" erhalten haben.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Fernsehen | Tatorte der Reformation | 14.01.2017 | 18:00 Uhr
MDR Thüringen Journal | Fernsehen | 12.08.2016, 19:00 Uhr und 19.07.2016 | 19:00 Uhr

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Weiterführende Links

Buchtipps * Steffen Raßloff, Volker Leppin, Thomas A. Seidel (Hg.): Orte der Reformation, Leipzig 2012.

* Jürgen Valdeig und Steffen Raßloff: Lutherstadt Erfurt (Faltpapier mit Lutherstätten), Erfurt 2015.

* Steffen Raßloff: Martin Luther in Thüringen, Erfurt 2010, 2. Aufl. 2014.