Reformationsorte in Mitteldeutschland: Grimma Luther-Predigten im "Brustbrecher"

Martin Luther hat Grimma mehrmals besucht. Seine Predigten in der Klosterkirche beeinflussten nicht nur die Stimmung und die Aufnahme reformatorischen Gedankenguts unmittelbar in der Gemeinde. Ihre Wirkung drang auch in das nahe gelegene Zisterzienserinnen-Frauenkloster Marienthron in Nimbschen vor. Im Frühjahr 1523 flohen zwölf Nonnen aus dem Kloster. Unter ihnen war auch Katharina von Bora, Luthers spätere Ehefrau.

Alteingesessene Sachsen wissen, dass keine zwanzig Kilometer südöstlich von Leipzig ein kleines Paradies liegt. Die Gegend, wo die Mulde noch von lieblichen Höhenzügen umgeben ist und sich eine wunderschöne Talaue geschaffen hat, hatte die Menschen schon immer zum Niederlassen gereizt.

So beginnt eine Selbstdarstellung der Stadt. Zu Recht. Über die Jahrhunderte ist hier eine Kulturlandschaft gewachsen. Im 12. Jahrhundert entstand Grimma aus einer slawischen Siedlung und zählt heute fast 30.000 Einwohner.

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Fürstenschule

Grimma Fürstenschule
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Eine Gedenktafel von Paul Gerhardt. 3 min
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Dank der Reformation wurde auch breiten Teilen der Gesellschaft der Zugang zur Bildung ermöglicht. Das funktionierte in Grimma an einer Schule und durch bekannte Lieder.

Fr 23.09.2016 11:41Uhr 02:31 min

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Im Stadtschloss residierten die Markgrafen von Meißen und später die sächsischen Kurfürsten. Auch Herzog Albrecht der Beherzte (1443-1500), Stammvater der albertinischen Linie und des sächsischen Königshauses, wurde hier geboren.

Aber auch das gehört zu Geschichte Grimmas: Vor allem in der Zeit von 1494 bis 1701 erlebt die Stadt Wellen heftiger Hexenverfolgungen.

Eingebung für die 95 Thesen in Grimma?

Wenn Luther in Grimma war, die Angaben schwanken zwischen acht und neun Mal, predigte er in der Nikolai- und der Klosterkirche. Wegen der enormen Raumhöhe und der damit verbundenen Akustik der Klosterkirche soll er sie einen "Brustbrecher" genannt haben.

Der Stadtchronist Magister Lorenz meinte sogar, dass Grimma einen entscheidenden Impuls für Luthers 95 Thesen gegeben habe, und zwar schon im April 1516, als er zusammen mit Johann von Staupitz und Wenzeslaus Linck das Augustinerkloster visitierte.

Von Staupitz soll damals nämlich von Verwandten einen Brief erhalten haben, in welchem ihm vom Ablasshandel Johann Tetzels im benachbarten Wurzen berichtet wurde. Als Staupitz dies seinen Ordensbrüdern mitteilte, habe Luther höchst entrüstet ausgerufen: "Nun will ich der Pauke ein Loch machen, ob Gott will." Noch in Grimma soll Luther begonnen haben, gegen den Ablasshandel und Tetzel zu schreiben. Naja …

Öffentliches Lob für Fluchthelfer Koppe

Luthers spätere Ehefrau Katharina von Bora hatte 14 Jahre im nahegelegenen Kloster Nimbschen gelebt, bis sie in der Nacht von Karsamstag auf Ostern 1523 mit acht weiteren Nonnen floh. Die entscheidende Hilfe lieferte der Ratsherr und Kaufmann Leonhard Koppe aus Torgau. Weitere drei Nonnen wurden zu Pfingsten von ihren Verwandten aus dem Kloster abgeholt.

Luther unterstützte Koppe öffentlich mit einem Schreiben an ihn: "Ursache und Antwort, warum Jungfrauen die Klöster mit göttlichem Recht verlassen dürfen." Diese Popularisierung half dabei, dass die Flucht von Nimbschen beispielgebend für weitere Klosteraustritte in vielen Herrschaften Deutschlands wurde.

Kostenlose Landesschule für nichtadlige Kinder

Wer Grimma besucht, sollte nicht versäumen, die gewaltige Klosterkirche St. Augustin zu besichtigen. Auf dem Grund eines im 13. Jahrhundert errichteten Vorgängerbaus mit dem Kloster wurde diese Saalkirche 1435 gebaut. Bis zur Reformation wurde sie vom Orden der Augustiner-Eremiten genutzt, dann aufgegeben.

Herzog Moritz von Sachsen gründete dort 1550 eine Landesschule und ermöglichte darin auch nichtadligen Kindern eine kostenlose höhere Schulbildung im Geiste des Luthertums. 1891 weihte König Albert von Sachsen ein drittes Schulgebäude ein.

Heute bildet die Klosterkirche zusammen mit dem Gymnasium St. Augustin für Spaziergänger auf der anderen Mulde-Seite ein einzigartiges bauliches Ensemble.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR KULTUR - Radio | 11.12.2016 | 08:15 Uhr
MDR Sachsenspiegel | Fernsehen | 23.09.2016 | 11:41 Uhr
MDR 1 Radio Sachsen | 15.09.2016 | 11:59 Uhr

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