Albrecht von Brandenburg Zweitmächtigster Mann nach dem Kaiser

Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490-1545) hatte im Laufe seines Lebens viele Ämter und Titel – teilweise bis zu seinem Tod: Markgraf von Brandenburg, Fürsterzbischof von Magdeburg, Apostolischer Administrator von Halberstadt, Kurfürst und Erzbischof von Mainz (und damit Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches), Kardinalpriester von San Crisogono und Kardinalpriester von San Pietro in Vincoli. Kurzum: Er war der ranghöchste geistliche Würdenträger im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und somit der mächtigste Mann nach dem Kaiser.

Seine Residenz war ab 1514 die Moritzburg in Halle an der Saale.

Für seine großen Bauvorhaben und den Erwerb des Bischofssitzes von Halberstadt brauchte Albrecht Geld, viel Geld. Dafür verschuldete er sich beim Bankhaus der Fugger in Augsburg. Die neue Ablassregelung von Papst Leo X. kam ihm also gerade recht: Die eine Hälfte ging nach Rom für den Petersdom, die andere behielt Albrecht. Er war es, der den Dominikaner-Prediger Johannes Tetzel im Juni 1517 losschickte, um im Erzbistum Magdeburg den Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Gegen eine bestimmte Summe Geld konnten Zahler sich selbst oder Angehörige von Strafen im Fegefeuer freikaufen.

Außerdem hatte Albrecht von seinem Vorgänger eine große Reliquiensammlung übernommen, die er fleißig erweiterte. Darin war er Luthers Beschützer, dem sächsischen Kurfürsten Friedrich dem Weisen, gar nicht mal unähnlich.

Reformatorische Bewegung unterschätzt

Im Jahr 1517 bekam Albrecht Post aus Wittenberg. Er war einer der Adressaten der 95 Thesen, die Luther gegen den Ablasshandel ausgearbeitet hatte. Im folgenden Jahr reiste Luther selbst nach Halle, um über diese Thesen zu diskutieren und um gegen Albrecht Stellung zu beziehen.

Druck zeigt Menschen im 16. Jahrhundert bei Ablasshandel
Ablasshandel im 16. Jahrhundert Bildrechte: imago/United Archives International

Albrecht überschaute allerdings nicht, dass hier eine reformatorische Bewegung im Entstehen war, die ihn noch aus Halle vertreiben würde. 1518/19 wurde er sogar zum römischen Kurienkardinal erhoben, obwohl schon sein Parallelamt als Administrator des Bistums Halberstadt dem kirchenrechtlichen Verbot entgegenstand, zu viele Ämter von einer Person ausüben zu lassen. "Sein" Halle war damit jedenfalls das katholische Machtzentrum in Mitteldeutschland. Da fiel der Ton Luthers besonders heftig aus. Sein "Büchlein wider den Abgott von Halle" zielte auf Albrecht.

Luther kannte die Stadt flüchtig von einem früheren Besuch im Jahre 1510, als er noch als unbekannter Augustinermönch aus Erfurt seinen Ordensbruder Johannes Nathin aufsuchte. Hintergrund war ein ungelöster Grundsatzstreit im Augustinerorden, der eine Reise zur Kurie in Rom erforderlich machte.

Größter Gemäldeauftrag der Kunstgeschichte

Albrecht ist in der protestantisch und national-preußisch orientierten Geschichtsschreibung als Verschwender und typischer Vertreter der Renaissance-Schwelgerei schlecht weggekommen. Das Bild ist heute ausgewogener. Dass er auch Humanisten förderte und Reformen wollte, wird heute ebenso stärker gewürdigt wie seine Förderung von Kunst und Wissenschaft. Als er bei Lucas Cranach allein für den Dom 16 Altäre mit 142 Bildern bestellte, die innerhalb von fünf Jahren geliefert werden sollten, löste er den größten Gemäldeauftrag der deutschen Kunstgeschichte aus. Seine ambitiösen Bauvorhaben prägen das Stadtbild bis heute und sind gleichzeitig Zeugnisse der Reformationsgeschichte.

Die unverwechselbaren fünf Türme

Am Beispiel der Marktkirche St. Marien in Halle lässt sich das Reformationsgeschehen und auch die persönliche Tragik Albrechts besonders gut veranschaulichen. Hier wollte der Erzbischof den großen Wurf umsetzen und seine Idee einer Prachtkirche verwirklichen. Die Arbeiten begannen 1529 und wurden 1554 beendet – 13 Jahre nach der Flucht Albrechts aus Halle.

Die neue spätgotische Kirche entstand auf dem Grund zweier Vorgängerkirchen. Nur die vier Türme der beiden Kirchen sollten stehenbleiben, dazwischen ein riesiges Schiff entstehen. Die bisherigen, die beiden Altkirchen umgebenden Friedhöfe wurden geschlossen. Zusammen mit dem am Marktplatz freistehenden Roten Turm, dessen Bau 1418 begonnen worden war, geben sie das heute unverwechselbare Bild Halles mit den fünf Türmen ab.

Übrigens kann der Rote Turm für sich in Anspruch nehmen, mit 76 Glocken das zweitgrößte Glockenspiel der Welt zu beherbergen, welches das alte Farbenlied "In den Kronen alter Linden" ertönen lässt. Die Riverside Church in New York hat nämlich "nur" 74 Glocken. Die größte Sammlung ist in den Niederlanden beheimatet. Vor dem Roten Turm stand damals zu Luthers und Albrechts Zeiten schon ein hölzerner Roland, der auf das Jahr 1245 zurückging; heute ist hier ein Sandstein-Roland aus dem Jahr 1854 zu sehen.

Der Kardinal floh, die Stadt wurde evangelisch

Albrecht beauftragte Lucas Cranach d. Ä. noch beim Baustart 1529 von St. Marien mit Entwurf und Fertigung eines Flügelaltars. Der aufgeklappte Altar zeigt Albrecht vor Maria auf der Mondsichel kniend. Rechts und links sind die Ritterheiligen Mauritius und Alexander zu sehen, dazwischen die Heiligen Magdalena, der Evangelist Johannes, Augustinus und Katharina von Alexandrien. Der geschlossene Altar zeigt Ursula von Köln, die Verkündigung an Maria und Erasmus von Antiochia.

Doch Albrecht konnte seine Pläne nicht fortsetzen. 1541 war der Druck der reformatorischen Bewegung auf ihn so groß geworden, dass er sich entschloss, die Stadt in Richtung Mainz für immer zu verlassen. Die Stände hatten sich bereit erklärt, seine hohen Schulden zu übernehmen. Einen Teil seiner Kunstgegenstände nahm Albrecht mit.

Unmittelbar nach der Flucht Albrechts hielt der Reformator und Freund Martin Luthers, Superintendent Justus Jonas, am Karfreitag 1541 die erste protestantische Predigt in der Marktkirche. Halle war jetzt evangelisch.

Die Zeit war buchstäblich über Albrecht hinweggegangen. Der große Kirchenbau, den er begonnen hatte, wurde erst 1554 abgeschlossen. Aus dieser Schlussphase stammen auch die Emporen. Albrecht starb am 24. September 1546, ein gutes halbes Jahr nach Luther. Er liegt im Mainzer Dom begraben.

Mit der Reformation war die Baugeschichte der Marktkirche freilich nicht beendet. Sie wurde 1840/41 nach Plänen u.a. des preußischen Baumeisters Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) umgestaltet. Ende März 1945 wurde das Gebäude schwer beschädigt. Zu DDR-Zeiten war es Ziel einer aufwändigen Generalsanierung, um das Erscheinungsbild des 16. Jahrhunderts weitgehend wiederherzustellen.

Albrecht holte Cranach, Dürer und Grünewald nach Halle

Den Dom ließ Albrecht prächtig ausstatten und holte dazu die Künstler Lucas Cranach d. Ä., Albrecht Dürer und Matthias Grünewald nach Halle. In dem Gemäuer bewahrte Albrecht auch seine berühmte Sammlung von 20.000 Reliquien auf. Manches ist aus der Zeit erhalten wie die Kanzel, Apostelfiguren und das Chorgestühl.

Die Moritzburg, heute ein Landesmuseum Sachsen-Anhalts, beherbergt in vielen Sälen mit feinen Holztäfelungen, Kachelöfen, Teppichen und Wandmalereien aus der Zeit Albrechts große Sammlungen an Gemälden, Grafiken, Plastiken, Fotografien und Münzen.

Über dieses Thema berichtete auch: MDR Sachsen-Anhalt Heute | 15.11.2016 | 19:00 Uhr

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